Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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lassen will, indem sie ohne Zustimmung des Zentralkonsistoriums nicht ihrer Stellung enthoben werden können, nur illusorisch. Eine genauere Bestimmung darüber, aus welchem Grunde eine Wahl beanstandet werden kann oder muß, und wann eine Gemeinde zur Absetzung eines Beamten berechtigt ist (Kontrakt!), dürfte deshalb derartigen Konflikten einigermaßen Vorbeugen. Dasselbe gilt'auch von den Rechten des Zentralkonsistoriums über das Pariser Rabbinerseminar, das von ihm unterhalten und von ihm in Verbindung mit dem Pariser Konsistorium verwaltet wird. Wenn es nämlich heißt, daß es den Direktor und die Lehrer der Schule ernennt, suspendiert und absetzt, so ist es doch sicherlich nicht die Absicht der Statutenkommission gewesen, dieLehrsreiheit einzuschränken, unddoch ist gegebenenfalls eine derartige Interpretation möglich. Schärfere Präzisierung mancher Bestimmung, sowie ein weiteres Sichentfernen von der Konsistorialverfassung, und in Verbindung damit das Bestreben, gleich dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund kulturelle und rituelle Fragen möglichst von der Tätigkeit des Verbandes auszuschließen, wird somit die Arbeit sein, die an den Satzungen noch vorgenommen werden muß, wenn der Verband die Gesamtheit der französischen Juden dauernd umschließen soll. Die nächste Zukunft schon dürfte zeigen, ob der Entwurf des Zentralkonsistoriums in unveränderter Gestalt die Grundlage bilden wird für die Neuorganisation der gesamten jüdischen Kultusverhältnisse Frankreichs, oder ob eine Zersplitterung stattfinden wird. Der Jude Jftajr Nemhardt. Eine Studie zur Rassentheorie. Von A. Halbert-Wien. in Berlin liebt man sonst zu personifizieren, zu indivi- * dualisieren. Berlin ist die Stadt der Propheten. Alle Tage wird ein anderer entdeckt und gefeiert. Er wird zum Messias erhoben — doch gewiß das Höchste, das einem Propheten zustoßen kann. Er wird aber nicht nur zum Vertreter der Idee, sondern er verkörpert sie. Er hält sie nicht nur hoch; er hält sie. Wenn man die Idee oder die Bestrebung erläutern will, zeigt man auf ihn. Man bekämpft oder feiert ihn, und in ihm die Idee. Nur wenn es sich um einen Juden handelt, nehmen die Seelen-Kommentatoren eine andere Stellung ein. Da nehmen sie nicht den Menschen, wie er ist, sondern sie ziehen das Judentum heran. So entsteht die ulkigste Rassen- Psychologie. Jüngst kam's wieder mal so. Max Reinhardt, der junge Theaterdirektor, hat zuviel Glück, um keine Neider zu haben. Auch zu viel Erfolg, um nicht Jrrtümer zu begehen. Er ist in kurzer Frist groß geworden. Vom Schauspieler zum Direktor ist schon mancher avanciert! nicht aber zum Direktor des „Deutschen Theaters", des ersten, vornehmsten und künstlerischsten Instituts der Reichshauptstadt. Er ist von Kritik und Publikum enthusiastisch begrüßt worden und die Gunst hielt an. Jetzt tritt ein Herr Dr. Ernst Bergmann in einer Broschüre: „Der Fall Reinhardt" (im eignen Verlage) gegen das „Neuberliner Prunk- und Galatheater" auf. Er findet scharfe Worte gegen Reinhardt. Wenn man mich zugeben mag, daß der Name dieses jungen Direktors zu sehr in den Vordergrund trat und die Arbeit der vielen Künstler, mit denen er sich umgab, verdunkelte, scheint der Angriff doch zu stark, wenn der Autor einfach von „dekorativer Prunksucht und ästhetischem Parvenutum" spricht. Aber das gehört in den Rahmen der Kunst. Wir wollen nur einige psychologische Motivierungen angreifen, die ins Raffen-Psychologische hinüberspielen. Zuerst offenbart Herr Dr. Bergmann: „Reinhardt stammte aus einer jüdischen Familie Oesterreichs, mit dem Namen Goldmann." Das ist gewiß sehr interessant. Aber würde Herr Dr. Bergmann ebenso berichtet haben: Reinhardt stammt aus einer katholischen Familie namens . . .? Nein! Das Judentum soll eben ein Charakteristikum der Persönlichkeit, ja der Person sein. So etwa ein Wink mit dem Zaunpfahl: Ihr wißt nun, welche Richtung Eure Gedanken einzuschlagen haben, liebe Leser. Aber es bleibt nicht beim Wink. Bergmann wird deutlicher, da er auf „Reinhardts Physiognomie" zu sprechen kommt: „Die Nase dominiert!" Aber — ist es geradezu lächerlich, in einem ernsten Kampfe um künstlerische Prinzipien und ästhetische Werte mit solcher „Wissenschaftlichkeit" physiognomische Studien zu treiben, so wirkt es sicher kölnisch (und die Tragik kommt wie überall in solchen Fällen hinzu) wenn der Verfasser im Schlußwort behauptet: Ich erblicke in Reinhardts Ausstattungskunst, in dieser unkeuschen Art zu inszenieren, in dieser Respektlosigkeit und Ungeniertheit, mit der Effekten und Nebenwirkungen nachgegangen wird, der nichts heilig ist, die alles betastet, statt Distanz zu wahren, statt Perspektiven zu öffnen, Glocken zum Tönen zu bringen — ich erblicke in all diesen Erscheinungsformen der Reinhardtschen Bühnenkünste ein spezifisches Charakteristikum einer orientalischen Phantasie . . . Eine orientalische Phantasie: Da haben wir es (wie bei Hoffmaunsthals Kunst) „mit einer semitischen Kulturblüte inmitten der germanischen Völkerschaften" zu tun, die der Verfasser zwar „eine glückliche Erscheinung der Emanzipation von 1848" nennt, aber er wünscht doch reinliche Scheidung. Er will beileibe nicht „kleinlichen Rassenhaß" treiben, aber er wehrt sich gegen „die jüdische Kulturblüte" („Heine kämpfte für den Sensualismus, die Wiedereinsetzung des Fleisches" ist eine bitterböse Charakteristik); und schließlich konstatiert er: „Das Deutsche Theater ist ein undeutsches Theater geworden" — man hört's deutlich: ein semitisches. Was soll man dazu sagen? Lächerlich! Hier ist ein Mann, der sicher nicht dem Radauantisemitismus huldigt, der es versucht, mit reiner Klinge zu kämpfen. Ob .sein Kampf gerecht ist, bleibt, wie gesagt, eine andere Frage, aber die Motive sind sicher rein. Und doch diese Entgleisungen, diese Spiegelfechterei mit Definitionen: „semitisch", „deutsch". Noch einmal: Was soll man zu dieser Begriffsverwirrung sagen? Als ob die Motivierung einer Handlung, die Ergründung einer Psyche, gar nicht anders denkbar wäre als auf der Basis der Rassentheorie, dieser Theorie, die sich auf die Praxis angewendet, überschlägt und kurios wirkt. Und seltsam: Nur im feindlichen Sinne wirkt diese Theorie. Als Reinhardt in den Himmel gehoben und seine hohe Kunst gepriesen wurde — sagte niemand: Der Jude Reinhardt. Sv,;