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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-08 · Heft 23 (8.7.1906) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 23 (8.7.1906)
Date
1906-07-08
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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- 269 - Tags darauf ist aber doch ein Kompromiß auf Grund der folgenden Resolution zustande gekommen: „Der vierte Kongreß der „Vereinigung für die jüdische Gleichberechtigung" erklärt für notwendig, daß die jüdischen Mitglieder der Duma eine jüdische Gruppe bilden, die in allen Fragen der jüdischen Gleichberechtigung in Uebereinstimmung mit dein Programm des Wilnaer Kongresses arbeitet. Die Mitglieder der Gruppe sind an keine Disziplin gebunden. Die nationale Einheit anerkennend, haben sie mit Zustimmung aller die Grundlage uud den Modus einer gemeinsamen Tätigkeit Zit schaffen." Damit endete diese denkwürdige Episode der russischjüdischen Geschichte. * In England haben die Juden jetzt mancherlei politische Sorgen. Zunächst ist am 29. v. M. nach viertägiger Debatte der erste Artikel des Unterrichtsgesetzes mit 365 gegen 172 Stimmen angenommen worden. Ein von Chamberlain eingebrachter Ergänznngsantrag, wonach Angehörige aller religiösen Gemeinschaften zu den Schulen Zutritt haben sollen, wurde mit 366 gegen 172 Stimmen abgelehnt, während ein" anderer Antrag, welcher die Verweltlichung des Unterrichts vorsah, mit 477 gegen 63 Stimmen abgelehnt wurde. Nicht weniger wichtig ist der Gesetzentwurf betreffend die Sonntagsruhe, zu dem Has Oberhaus vor kurzem die Einsetzung einer aus Mitgliedern beider Häuser des Parlaments bestehenden Kommission beschlossen hat. Der juristische Ausschuß, dem die Repräsentanten der jüdischen Gemeinden Londons die Behandlung der Sache übertragen haben, sammelt jetzt geeignetes Material, das der Parlameutskommission vorgelegt werden soll. Der Chief-Rabbi hat einen ausführlichen Bericht angefertigt. Es ist natürlich nicht leicht, das Material für London und die Provinzen vorzubereiten; man hofft jedoch, daß es gelingen werde, die Parlamentskommission von der Gerechtigkeit der jüdischen Forderungen zu überzeugen, die sich darauf erstrecken, daß jenen, die den Sabbat feiern, gewisse Konzessionen für die Sonutagsarbeit gemacht werden. In parlamentarischen Kreisen scheint die Stimmung dafür eine günstige zu sein. Auch die Ein w and erungsfra ge beschäftigt die jüdischen Kreise Englands unaufhörlich. Große Erregung rief die von gegnerischer Seite in die Welt geschleuderte Nachricht hervor, daß 80060 mittellose russische Judeil int Laufe des Sommers nach England einwandern wollen und daß diese Einwanderung durch wohltätige Juden in Westeuropa organisiert werde. Die russischen Juden würden sich in Libau einschiffen. Dampfer seien bereits gechartert worden, um die Ueberführuna der 80 000 Flüchtlinge nach England durchzuführen. Die konservativen Blätter griffen natürlich die Regierung an, weil sie das Fremdeneinwanderungsgesetz durch Verordnungen abgeschwächt und so diese Invasion verursacht hat. Die Angelegenheit kam auch im Nnterhause zur Sprache, und es war Mr. Gladstone ein leichtes, alle Vorwürfe der Anhänger der Fremdenbill durch ein entschiedenes Dementi jener Nachricht, an der selbstverständlich kein wahres Wort ist, zurückznweisen. & In Amerika wurde eine Vereinigung sämtlicher Juden mit repräsentativem Charakter nach europäischem Muster seit längerer Zeit geplant, die den Namen führen sollte: The American Jewish Conference. Im Februar wurde ein Komitee zur Ausarbeitung des Plans für diese Organisation eingesetzt. Dieses hat nun der Konferenz, die am 19. v. M. in Newyork tagte, folgenden Entwurf vorgelegt: Die Juden der Vereinigten Staaten sollen eine Organisation begründen, deren Zweck es ist, die Angelegenheiten des Judentums zu vertreten, die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden überall da zu sichern, wo sie verletzt oder gefährdet werden, und die aus 150 Delegierten bestehen soll. Zu diesem Zweck sind neun Distrikte abgeteilt worden, die je nach ihrer Bevölkerungsziffer Delegierte in die Konferenz zu entsenden haben. Die übrigen Punkte betreffen meist die Ausführungsbestimmungen für den ganzen Plan, der in Amerika selbst aber keinen Beifall gesunden hat und von der Konferenz so gut wie abgelehnt worden ist. Lriek aus Paris. M. Paris, im Mai. 3n der Theorie ist die Neuordnung der jüdischen Kultusverhültnisse in Frankreich nunmehr zum vorläufigen Abschluß gelaugt, und es kann wohl nicht geleugnet werden, daß das Vorhandensein einer bisher mit staatlicher Autorität ausgerüsteten Zentralbehörde wesentlich zur verhältnismäßig raschen und glatten Umwandlung der bestehenden Organisation beigetragen hat. Das Zentralkonsistorium nahm die Ausarbeitung der Statuten für die Kultusvereinignngen wie für den Verband dieser Vereinigungen in die Hand, und es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß sie von der großen Mehrheit zunächst auch in dieser Form angenommen werden, wenn es auch nicht ausgeschlossen ist, daß der Nichtbeitritt einzelner Gemeindemitglieder zur Kultusgemeinschaft mancher Gemeinde noch schwere Sorgen bereiten wird, und auch noch früher oder später manche Aenderung vorgenommen werden dürfte. Die neue Organisation lehnt sich, wie es bei dxr Beschaffenheit der Kommission, die die Satzungen ausarbeitete, nicht anders zu erwarten war, vielfach an die bisherige Konsistorialverfassung an, weist anderseits aber auch zahlreiche Merkmale auf, die ihr den Charakter einer freien Vereinigung aufprägen. Verschwunden sind die Konsistorialbezirke — das Konsistorium von Paris in 8 17 der Statuten für den Verband bedeutet doch wohl nur den Vorstand der Pariser Gemeinde — und die früher jeder Selbständigkeit entbehrenden Gemeinden bilden nunmehr unabhängige Vereinigungen, durch deren freiwilligen Zusammenschluß eben die „linion associations cultueHes israelites“ (der französische israelitische Gemeindebund) entstehen soll. An der Spitze dieses Verbandes wird im ersten Jahre seiner Gründung das gegenwärtige Zentralkonsistorium der Israeliten Frankreichs stehen, in der Folgezeit dagegen ein Ausschuß, der den gleichen Namen weiterführen soll, dessen Zusammensetzung aber eine wesentlich andere sein wird. Während bisher jeder Konsistorialbezirk einen Vertreter in das Zentralkonsistorium schickte, sollen jetzt zunächst neue Wahlkreise geschaffen werden (Algerien bildet vorläufig noch eine Ausnahme), die durch direkte Wahl ihre Vertreter bestimmen. Jeder Kreis muß wenigstens 150 Wähler umfassen, größere Bezirke wählen für je 5OO Wähler ein Mitglied des Zentralkonsistoriums. Dadurch wird ein schwerer Mißstand beseitigt, war es doch geradezu unglaublich, daß die Pariser Gemeinde, die die Mehrheit der französischen Judeil nnlschloß, in der höchsten Körperschaft nicht stärker vertreten war als der kleinste Bezirk mit 2000 Seelen. Durch den auf diese Weise gewonnenen weitgehenden Einfluß auf die Entscheidungen der Zentralbehörde werden aber

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