Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 22. Der Gemeindebote. Berlin, 1. Juni 1906. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums. korrrlpondm?m und Mschrichtm. Deutschland. s. Berlin, 27. Mai. Dem ersten Jahresbericht des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden), Berlin, Lützowstraße 8, entnehmen wir über die Ausknnftserteilung folgende Einzelheiten: Die brieflichen Anfragen, die an das Bureau von Auswanderern gerichtet worden sind, betrugen insgesamt 1184, davon kamen aus Rußland 800, aus Oesterreich 210, aus Rumänien 80, aus anderen Ländern, darunter Deutschland, Amerika, Chile, Kanada, Schweiz, Belgien, Holland, England, Frankreich, 94. Der Sprache nach waren von den Briefen: Russisch 430, Jüdisch-Deutsch 245, Hebräisch 155, Deutsch 280, in anderen Sprachen (polnisch, englisch, französisch) 74. Die Briefe gingen aus von rund 7500 Personen, da die Anfragenden zürn Teil Familien, Gruppen, Vereine oder gar Gemeinden waren; etwa 100 rührten von christlichen Auswanderungslustigen her, diese fast alle aus Oesterreich-Ungarn. Von den Anfragenden gaben sich aus : 40 Prozent als Handwerker, 15 Prozent als Landwirte oder landwirtschaftliche Arbeiter. 15 Prozent als Kaufleute, 20 Prozent geben keinen Beruf an und 10 Prozent waren ohne bestimmten Beruf. Die Briefe enthielten über 5000 Fragen. Von den Anfragen bezogen sich dem Lande nach auf Nordamerika 35 Prozent, England 10 Prozent, Kanada 15 Prozent, Argentinien 10 Prozent. Kuba 10 Prozent, Palästina 5 Prozent, auf andere und unbestimmte Länder 15 Prozent. Dem sachlichen Inhalt nach bezogen sich von den Fragen auf den Arbeitsmarkt 25 Prozent, auf Reiserouten und Reisekosten 20 Prozent, aus Einwanderungsbeschränkungen 20 Prozent, auf Durchzugsbeschränkungen in den Durchwanderungsländern, namentlich Deutschland. 15 Prozent, aus andere Verhältnisse, auf geeignete Einwanderungsländer, auf Unterstützungen usw. 20 Prozent. Zu den 7500 Personen, die sich brieflich über die Auswanderungsverhältnisse erkundigten, kommen noch etwa 1000 Personen, die mündliche Auskunft in Berlin oder bei den Organisationen an der Grenze einholten. Außer diesen haben 8700 Personen von dem Zentralbureau und seinen Schutzkomitees Erleichterungen und Vergünstigungen während der Reise erfahren, so daß insgesamt etwa 17 200 Personen direkten Nutzen gezogen haben durch die Gründung des Bureaus. Diese Zahl wird ganz erheblich vermehrt durch diejenigen, die indirekt durch die Korrespondenzblätter und durch die Veröffentlichungen vorteilhafte Belehrung und Auskünfte erhalten haben. 8. Berttu, 28. Mai. Der eben erschienene 73. Jahresbericht der B aruch Auerbach'sch en Waisen - Erziehungsanstalten weist gegenüber dem in dem früheren Anstaltshause erreichten höchsten Bestand von 77 Zöglingsstellen jetzt 55 Knaben und 30 Mädchen auf. Die Zöglinge besuchen im allgemeinen bei vorhandener Veranlagung und Leistungsfähigkeit höhere Schulen, besonders begabte und würdige Knaben sogar bis zur Maturitätsprüfung; die Mädchen scheiden in der Regel erst, nachdem sie für ihren Beruf vorgebildet und erwerbsfähig geworden sind, aus der Anstalt. Im ganzen haben bisher über 600 Waisen in den Anstalten eine über das Maß der notdürftigen Fürsorge hinausgehende Pflege, Erziehung und Ausbildung gefunden. Für das Fortkommen der entlassenen Zöglinge, aus deren Kreise wieder manches Rühmliche und Erfreuliche berichtet wird, sorgen bis zur Selbständigkeit oder Verheiratung eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen, die für die unmittelbaren Artstaltszwecke unantastbar bleiben. Diese erforderten einschließlich Gottesdienst, Bureau, Renten und anderen Zuschüssen eine Gesamtausgabe von 78234 Mark, die Verpflegung 511/5 Pfennig finden Kopf und Tag, d. i. etwa 8/4 Pfennig mehr als im Vorjahre. An Zinsen aus eigenem Vermögen stehen etwa 48000 Mark, an Renten 1650 Mark, an Jahresbeiträgen 8400 Mark zur Verfügung; im übrigen sind die Anstalten, zu deren Unterhalt weder Stadt noch Gemeinde im geringsten beitragen, zur Deckung ihrer Bedürfnisse und zur Tilgung der noch in Höhe von 90000 Mark auf ihnen lastenden Bauschuld aus das Wohlwollen ihrer Gönner, an dem es ihnen auch in dem abgelaufenen Jahre nicht gefehlt hat, angewiesen. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. A. Strelitz die Herren R. Marckwald, Kommerzienrat E. Lohnstein, Generalkonsul E. Landau, Professor Dr. F. Liebermann, Geh. Kommerzienrat I. Löwe itttb G. Mosler. Ehrenmütter sind: Frau Prof. Cäcilie Liebermann, Frau Konsul Flora Frankel und Frau Kommerzienrat Else Israel. -- Berlin, im Mai. Am 3. v. M. sprach in der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner Kollege Hirsch feld über das neueste Werk unseres Kollegen, des Herrn Haup tkantors Friedma nn: Der shnagogale Gesang. In dem Werke sei gezeigt, wie unsere synagogalen Weisen teils aus gewissen Gruudmelodien „Steigern", teils aus den Weisen des Thora- Vorlesers und teils aus ursprünglich fremden Melodien entstanden seien. Wenn sich der Referent auch nicht mit allen Ansichten des Verfassers einverstanden erklären könnte, so lveise er doch aus die Fülle des Materials hin, das in dem Buche enthalten sei. Zum Schluß gab der Vortragende einen ausführlichen Auszug aus den mit warmer Begeisterung geschriebenen Biographien von Sulzer und Lewandowski, deren Andenken das Buch gewidmet ist. Herr Kollege Friedmann hatte die Freundlichkeit, die Ausführungen des Referenten durch Gesangsbeispiele zu erläutern. In dem Schlußworte der nicht langen Diskussion verteidigte der Verfasser des besprochenen Werkes seine Ansicht, daß die katholische Kirche viele Melodien aus dem Judentum übernommen habe. Darauf wurden die Punkte erörtert, welche in dem Gesuche hervorzuheben seien, welches an den Gemeindevorstand behufs Regelung der rechtlichen Stellung der Lehrer an den Religionsschulen gerichtet werden sollte. (Dieses Gesuch ist inzwischen eingereicht worden.) — Am 3. v. M. hielt unser Vereinskollege Herr Rabbiner Dr. Warschauer einen Vortrag über: Die Ideen der Feste im Religionsunterrichte. Der Vortragende betonte zunächst, daß eine zusammenhängende Darstellung der Feste, die am bester! in dem Einsegnungsunterrichte oder in dem systematischen Religionsunterrichte der Oberstufe zu geben sei, notwendig sei, um auch an diesem Punkte die in bezug auf das äußere religiöse Leben vielfach herrschende Gedankenlosigkeit und Gefühlsflachheit zu bekämpfen und dem religiös - sittlichen Gedankengehalt der Feste zu seiner vollen Wirkung zu verhelfen. Es müsse daher zu diesem Ztvecke die Aufgabe eines solches Unterrichts sein, die jedem Feste zugrunde liegende religiöse oder religiös-sittliche Idee aufzuzeigeu und in ihrer Bedeutung darzustellen, sowie die einzelnen Symbole des Festes zu seiner Grundidee in Beziehung zu setzen. Ter Redner versuchte sodann, diesen leitenden Gedanken in einer Darstellung der einzelnen Feste durchzuführen: er möchte den Sabbat nicht in erster Reihe als Ruhetag, sondern als Tag der religiösen Erhebung, Pessach als Fest der Freiheit, das Wochen fest als das der Offenbarung, das Hütten fest als das der Vorsehung aufgefaßt wissen. Im Neujahrs- und Versöhnungsfest kommt die höchste Idee des Juden" tums zum Ausdruck: Gott ist Richter und sittliches Vorbild des Menschen, zu ihm in bewußter Sittlichkeit emporzustreben, ist des Menschen Bestimmung und der wahre Gottesdienst. Diese Gedanken sind besonders mit der christlichen Heils- und Sündenlehre zu vergleichen und apologetisch zu verwerten. Von den Halbfesten ist Ch anu kah als ein streng historisches Fest in seiner Bedeutung ohne weiteres klar (s. Sech. 4, 6). Purim ist das Fest des jüdischen Selbstbewußtseins, das des Sieges des Judentums über den Haß der Welt und der Zukunft des Judentums gewiß ist. Rausch liachaudescli lebt beim Volke eigentlich nur noch in der Neumondsankündigung am Sabbat: diese mit ihrer schönen Bitte um ein gesegnetes, von Gottesfurcht erfülltes Leben ist eine Mahnung, wie kurz und daher wie kostbar unsere Lebenszeit sei. Von den nationalen Trauertagen stehe in erster Linie der 9. Ab, der die Erinnerung an den Verlust der staatlichen und geistigen Selbständigkeit