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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-01 · Heft 22 (1.6.1906) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
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L6S bereits bekannt; was aber ferner aus mir und meinem armen Kinde werden soll, das weiß nur der liebe Gott." „Haben Sie," fragte Herr Kroner, „keine wohlhabende Verwandte, etwa — einen Bruder, auf dessen Unterstützung Sie hoffen können?" Die Stirne des Blinden zog stch in Falten zusammen, und nach einem tiefen Seufzer sprach er: „Ich hatte einst einen einzigen Bruder, der noch vor dem Ableben meines Vaters starb, oder vielmehr — — — doch, das kommt nicht hierher. Ich habe, lieber Herr, keinen Verwandten, auf den ich hoffen kann, außer einen Vater im Himmel." ' „Lebt Ihre Frau noch, und haben Sie noch mehrere Kinder?" „Meirr Weib starb an der Geburt dieser meiner Daja, die meine Stütze ist und der einzige Lichtstrahl in der mich umgebenden finstern Nacht; sonst habe ich kein Kind mehr." (Fortsetzung folgt.) Litrrarilchr Mitteilungen. --- Zivi, Hermann. Freitag-Abend - G ottesdienst, unter spezieller Berücksichtigung des aschkenasischen Chasonns, für Kantor, einstimmigen Gemeindegesang und Orgel. Leipzig. M. W. Kaufmann 1906. Jedes ernste Streben, das auf die Förderung und Pflege des Gerueindegesanges gerichtet ist, verdient aufrichtige Anerkennung aller derjenigen, die sich mit dem Verständnis für die hohen Aufgaben des Gottesdienstes noch ein reges Interesse für seine Veredelung bewahrt haben. Der Komponist des vorliegenden Merkes gehört zu den Verfechtern der sich mühsam durch die Letzten Jahrzehnte hindurchgerungenen Anschauung, daß der Gemeinde innerhalb des Rahmens der gottesdienstlichen Gesänge ein möglichst breiter Raum gebühre; ein Standpunkt, der bekanntlich seine historische Berechtigung hat. Die neueste Arbeit Zivis — ein früher von ihm erschienenes Heft behandelt das Aus- und Einheben der Thora — führt diesen Grundsatz streng durch und bietet für den Gottesdienst am Freitag Abend das erforderliche Gesangsmaterial in durchaus angemessener, populärer, von gründlicher Sachkenntnis zeugender Form. Dem einstimmigen Gemeindegesang, sowie den Rezitativen des Kantors, die traditionellen ausgenommen, ist darin durch eine entsprechende Orgel begleit ung ein fester Untergrund beigegeben, wodurch dem Ganzen ein sicherer Halt und die notwendige Stütze geboten wird, abgesehen von dem polyphonen Reiz, der dadurch bewirkt wird. Bas Werk ist dem verdienstvollen Wiener Oberkantor Josef Singer gewidmet, dem Vertreter des wissenschaftlichen Kantorats, der die sogenannte „SLeiger"-Theorie begründet hat, über die indes das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Zivi gehört zu den Gegnern dieser Theorie, er tritt mehr für die epochale Entwicklung des Synagoge ngesanges ein. Aus dieser Grundlage sind auch seine Kompositionen entstanden, und von diesem Gesichtspunkte aus wollen sie beurteilt sein. Daß sich jüdische Musiker bei ihren für die Synagoge bestimmten Arbeiten von der jeweiligen Musikrichtung, bewußt oder unbewußt, beeinflussen lassen, kann man an den besten Sä öpsungen unserer Synagogenkomponisten erkennen. Aber auch unsere ältern gottesdienstlichen Melodien weisen Spuren von Volksliedern der verschiedensten Länder auf. Freilich darf in heutiger Zeit, wo das ästhetische Empfinden des Synagogenbesuchers meist bereits stark entwickelt ist, die Grenze, welche die Eigenart unseres Kultus erheischt, nicht willkürlich überschritten werden! Ebensowenig bei den Rezitativen des Kantors, wie in den Chören und bei den Responsorien der Gemeinde. Es muß lobend hervorgehoben werden, daß Zivi in weiser Beschränkung Maß zu halten weiß. Die von ihm frei erfundenen Nummern, wie L’cho dodi I, Schema, Mi chomochoh, Weschom’ru u. a. m. legen Zeugnis davon ab. Besonders liebevoll hat der Komponist die aschkenafisch-traditionellen Melodien und Rezitative behandelt, womit er sich zweifellos den Dank der jungen Kantoren in Süd- und Westdeutschland gesichert hat. Indes werden auch die Norddeutschen sicherlich an dem vielfach verkannten, weil nicht genügend gekannten aschkenasischen Chasonns volles Interesse nehmen, denn "auch sie finden in dom Werke manches wohlverwendbare Material, von dem für die Gemeinde vorhandenen zu schweigen. In dieser Beziehung sei nur auf die Glanznummern Muh godlu, Adonoj moloch und Kiddusch Hingewiesen, Gesangstücke mit Orgelbegleitung, die voll Innigkeit, zum Teil auch schwungvoll, entschieden zu den besseren Arbeiten dieser Art zu zählen sind. Ueberall tritt die Gemeinde an geeigneter Stelle mitiatig ein, durch welche Abwechselung die Andacht sicherlich erhöht wird. Nur scheint mir das Zaddik katomor jifroch als für den Gemeindegesang wegen der beweglichen, streng rhytmischen Form und des vorgezeichneten Tempos zu schwer ausführbar. Diese und ähnliche Schwierigkeiten lassen sich jedoch mit der Zeit sehr wohl beheben, wenn erst die Erkenntnis sich Bahn gebrochen haben wird, daß unsere Schuljugend den liturgischen Gesang ebenso zu lernen verpflichtet sei, wie es bei den anderen Konfessionen längst eine conditio sine qua non ist. Denn ohne sangesfrohe und sangesfähige Schuljugend kein Gemeindegesang! Andere kleine Ausstellungen, die bezüglich der Verwendung des Orgelpnnktes, sowie einiger Härten in der Behandlung des Textes zu machen wären, fallen bei der Fülle des gebotenen gediegenen Stoffes nicht ins Gewicht. Alles in allem kann das Werk Zivis als eine wertvolle Bereicherung der synagvgal-gesanglichen Literatur nach der Richtung des Rezitativs wie des Gemeiudegesanges bezeichnet und dessen Anschaffung den Kantoren und Gemeinden angelegentlichst empfohlen werden. Anerkennung gebührt auch der rührigen Verlagshandlung von M. W. Kaufmann in Leipzig, die kein Opfer scheut, um den Markt mit wertvollen Werken — es sei nur an die Neuauflage des grandiosen Schn- Zion von Sulzer erinnert — zu bereichern. Aber auch selbst der mutigste und opferfreudigste Verleger muß verzagen, wenn sich für die bei ihm erschienenen Werke nicht genügend Käufer finden. Es sollte Ehrensache jeder Gemeinde, besonders der großen und mittleren, sein, Gesangwerke, die einzig und allein dem hohen Zwecke, dem Gottesdienst zu dienen, bestimmt sind, anzuschaffen. Leipzig. B. Jacobsohn. SxceHfgal. Hochgeehrter Herr Redakteur! a ich verreist war, so las ich erst jetzt die Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Mai. Erlauben Sie mir, daß ich in Anknüpfung an jene Ausführungen Ihres geschätzten Blattes, die sich mit den Ereignissen der damals abgelaufenen Woche beschäftigen, einige Bemerkungen mache. Dem, was der Herr Abgeordnete Gyszling in so dankenswerter Weise zur Aufklärung über die Entstehung des so viel besprochenen Königsberger Brieses gesagt hat, möchte ich nur hinzufügen, daß in demselben Augenblick, in dem das Berliner Zentralbureau des Hilfsvereins der deutschen Juden Kenntnis von jenem Schreiben erhalten hatte, unser Königsberger Provinzialkomitee von der Auffassung in Berlin unterrichtet worden ist; und da eine vollständige Uebereinstimmung zwischen der Zentrale und unfern Königsberger Freunden herrschte, so wurde der Brief sofort „in Form und Inhalt ausdrücklich desavouiert" — so lauten die zutreffenden Worte des Herrn Abgeordneten Gyszling. Und auch in der Beziehung charakterisierte Herr Gyszling die Sachlage zutreffend, wenn er sagte: „Herr Perlmann ist ein durchaus verdientes Mitglied des Komitees, hat aber diesen Brief geschrieben ohne dessen Wissen oder Genehmigung auf Grund von Unzuträglichkeiten, die sich mit einigen Mitgliedern des jüdischen Arbeiterbundes ergeben hatten, und die er ungerechterweise verallgemeinert hat." Dem Hilssverein war in vorliegendem Falle sein Verhalten vorgeschrieben; eine humanitäre Vereinigung hat ausschließlich die Aufgabe, Notleidenden und Bedürftigen Gutes zu tun, und sie kann nicht und darf nicht politische Erwägungen zur Richtschnur ihres Handelns nehmen. Wir haben zu helfen, wo die Humanität das Helfen gebietet, genau wie der Arzt auf dem Schlachtfeld allen seine Sorgfalt angedeihen^ läßt, ohne daß er seine Tätigkeit von politischen Sympathien oder Antipathien beeinflussen ließe. Gerade auch der Wunsch, die Bestrebungen des Hilssvereins nicht in die politischen Strudel hineinziehen zu lassen, war der Grund,

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