Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Sieben Dukaten und mehrere Thaler," erwiderte der Blinde. „Es war der Rest von zehn Dukaten, welche meine Glaubensbrüder daheim zusammenschossen, damit ich zur Heilung meines Augenübels die Reise nach Paris unternehmen konnte. Heute war ich nun bei den Herren Professoren, die mir zu meiner Betrübnis ankündigten, daß zu meiner Heilung keine Hoffnung vorhanden sei. Diese schmerzliche Mitteilung machte mich und meine arme Daja so verwirrt, daß sie den Beutel an ihrer Hand weniger beachtete, als sie gesollt hätte, und so ist der heutige Tag zu einem der unglückseligsten für uns geworden/' „Was Ihr Augenübel betrifft," — sagte Herr Kroner mit sichtbarer Teilnahme — „so kann man Sie nur aufrichtig bedauern, weil nur der liebe Gott allein Hilfe zu senden vermag. In bezug jedoch auf den Verlust des Geldes wollen Sie getröstet sein, es werden sich wohl auch hier mildherzige Glaubensbrüder finden, die Sie nicht werden verkümmern lassen. Kommen Sie morgen früh um 8 Uhr auf mein Zimmer in dem Hotel hier gegenüber, wir wollen dann sehen, was für Sie zu tun ist. Garcon" — wendete er sich an einen der Aufwärter — „was diese zwei Personen da verzehren, werde ich bezahlen, und morgen früh um acht Uhr führen Sie sie auf mein Zimmer!" Von dieser ebenso unerwarteten als schnellen Hilfe freudigst überrascht, sprang das Mädchen hin, ergriff hastig die Hand des Herrn Kroner, bedeckte sie mit Küssen, ohne aber vor Schluchzen ein Wort hervorbringen zu können, während der Blinde, die Hände faltend, ausries: „Sie sind mir ein wahrer Engel des Himmels in meiner Not, edler Herr! Ich bin viel zu schwach, um meine Dankgefühle auszusprechen. Gott vergelte Ihnen!" Herr Kroner, tief ergriffen von der mißlichen Lage des Mannes, dessen Gefichtszüge von ungeheuchelter Ehrlichkeit Zeugnis gaben, beschloß in seinem Innern, demselben die ganze Fülle seiner Großmut zuzuwenden. Daher fragte er ihn mit freundlicher Teilnahme: „Wo in Deutschland ist Ihre Heimat?" „Ich bin aus Fürth", war die Antwort. Eine unerklärliche Röte überflog das Angesicht des Herrn Kroner; seine Stirne runzelte sich bedenklich, und nach einer kurzen Pause fragte er weiter, und zwar mit merklich gedämpfter. fast zitternder Stimme: „Wie ist Ihr Name?" „Ich heiße Löbel Nürnberger," versetzte der Blinde. Wären die Augen der Umstehenden in diesem Augenblicke nicht bloß auf den Starblinden und deffen Töchterlein gerichtet gewesen, so würden sie mit Ueberraschung den furchtbaren Eindruck wahrgenommen haben, den die Nennung des Namens „Löbel Nürnberger" auf Herrn Kroner hervorbrachte. Totenbläffe überdeckte sein Gesicht, seine Glieder zitterten, die Lippen bewegten sich mechanisch, die Sprachorgane aber schienen gelähmt, keine Frage mehr Hervorbringen zu können, und kaum vermochten seine schlotternden Füße den Sitz an der Tafel wieder zu erreichen. Vergebens richtete der Aufwärter mehrmals die Frage an ihn, ob ihm noch eine Speise beliebe? Er hörte nichts. Nach und nach wurde ihm endlich das Bedürfnis nach Einsamkeit und frischer Lust klar, er entfernte sich und ging auf sein Zimmer. Herr Kroner brachte die darauffolgende Nacht in einem Seelenzustande zu, den wir »m so weniger zu beschreiben vermögen, da die furchtbaren Stürme und die wühlenden Schmerzen in seinem Innern auf Vorgänge aus einer verfloffenen Zeit Hinweisen, die wir jetzt nur unvollständig Mitteilen könnten. Tatsächlich jedoch ist es, daß er die ganze Nacht kein Auge schloß, daß er bis gegen Mitternacht, versunken in tiefes Nachdenken, mit heftigen Schritten aus- und abging, daß er sich alsdann zwar entkleidete und auf das Lager warf, hier aber weder Schlummer noch Ruhe fand, sondern sich rastlos herumwälzte. Gegen fünf Uhr morgens schien er jedoch zu einem Entschluffe gekommen zu sein. Seine Wangen waren zwar von der Nachtwache und der leidenschaftlichen Erregung der Seele gebleicht; es hatte sich jedoch bereits die Ruhe der Entschloffenheit darüber gelagert. Er kleidete sich an und ging in das Gotteshaus zur Morgenandacht, und diese fromme Uebung wirkte vollends beschwichtigend auf sein Gemüt. Zurückgekehrt in sein Zimmer, ließ er sich eine Schokolade zum Frühstück bringen, und eben wollte er daran gehen, sie zu sich zu nehmen, als der Blinde, geführt von der Tochter, eintrat. Wiewohl diese Erscheinung ihm nicht überraschend kam, da er sie selbst gestern abend angeordnet hatte, war doch die Wirkung derart, als wäre ihm mit roher Hand ein Verband von einer Wunde weggeriffen worden. Jndeffen ließ er noch zwei Taffen bringen und nötigte den Blinden und sein Mädchen, sich neben ihm zu setzen, um mit ihm zu frühstücken. Während des Frühstücks wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Als es aber beendet war, nahm Herr Kroner das Wort. „Da ich gesonnen bin", sprach er, „mich für Sie nicht nur momentan, sondern auch für Ihre Zukunst zu interessieren, so muß ich Sie bitten, mir ohne Rückhalt Ihre bisherigen Lebensbegebenheiten mitzuteilen, damit ich in die Lage komme, beurteilen zu können, was für Sie zu tun am besten sei." „Ich werde," versetzte der Blinde, „mit meiner Erzählung bald zu Ende sein. Mein Vater war ein wohlhabender Handelsmann in Fürth. Traurige Umstände, die ich verschweige, weil sie wenig Jntereffe für Sie bieten würden, brachten seine Vermögensumstände in den letzten Jahren seines Lebens so herab, daß er mir nach seinem Tode nichts als ein zerrüttetes Geschäft als Erbe hinterließ. Um dem Uebelstande abzuhelfen, heiratete ich eine Witwe, von welcher ich vermutete, sie würde mir ein bedeutendes Kapital ins Haus bringen. Ich fand mich jedoch in dieser Voraussetzung getäuscht; daher sah ich mich genötigt, das Geschäft gänzlich aufzugeben, und zwar zeitig genug, um wenigstens meinen ehrlichen Namen und die Ehre der unbefleckten Firma zu retten. Seitdem aber führte ich ein Leben voll Not und Entbehrungen und voll mühseliger Kämpfe gegen die Plagen schwer zu befriedigender Bedürfniffe. Ich unternahm wohl so mancherlei zur Erhaltung meines Hauses, um nur nicht der Mildtätigkeit der Nebenmenschen zur Last zu fallen, Fortuna war mir aber so abhold, daß ich allgemein nur der „Schlemiel" genannt wurde. Endlich wurde ich Melamed (Lehrer). Ich hatte mich in meiner Jugend mit dem Studium des Talinud viel befaßt, war also darin wohlunterrichtet; ich suchte mehrere Jünglinge, welche ich für ein schwaches Honorar in dieser Wiffenschaft unterwies. So kärglich mich das auch ernährte, schützte es mich doch gegen das Betteln, bis mich ein Augenübel zwang, auch diesen Nahrungszweig aufzugeben. Die Krankheit nahm so rasch zu, daß ich schon nach wenigen Wochen völlig erblindete. Die Aerzte in dem Ort erklärten mich sogleich für nicht heilbar; ich glaubte aber dennoch nichts unterlaffen zu dürfen, was mir irgendeine Hoffnung auf Wiedergenesung gewährte; daher unternahm ich die Reise nach Paris, wo berühmte Okulisten leben. Um eine für mich so kostspielige Reise unternehmen zu können, sprach ich die Großmut meiner Glaubensbrüder an; man veranstaltete zu meinen Gunsten eine Kollekte und übergab mir zehn Dukaten. Mein Unfall von gestern ist Ihnen