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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-01 · Heft 22 (1.6.1906) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 Ein „Cheder", eine einzige Stube, in welcher der arme Lehrer mit seiner Familie wohnte, aß und trank und schlief, und in welcher er auch die Schüler unterrichtete. Doch es gab in Mähren schon damals drei Chederstufen: für hebräisches Lesen, für Chumesch mit Raschi, und für Talmud mit Thosfafoth und Meharscho. Die Lehrer dieser Schulen waren freilich zumeist nicht Lehrer von Beruf, sondern verunglückte Kaufleute oder Händler, welche nach Verlust ihrer Habe den Erwerb durch Unterricht suchten und darum nichts weniger als genügendes Wissen und rechte Befähigung für den neuen Beruf mitbrachten. Aber sie hatten doch stets den Vorzug, daß sie ihren Schülern herrliche Beispiele reiner Gottesfurcht und inniger Liebe zum Judentum und zu seinem Volke boten. Die jüdischen Schulen besserten sich erst, als die Mendelssohnsche Bibelübersetzung bekannt und deutsche Sprache nebst hebräischer Grammatik gelehrt wurde. In Großmeseritsch gab es seit 1822 außer den drei Chederstufen noch eine Talmudschule des M. A. Tüchler, welcher sie nach Verlust seines Vermögens begründete, aber doch ein tüchtiger, klarer Lehrer war. In dieser Schule lernte inan Pentateuch mit der Mendelssohnschen Uebersetzung, mit Raschi und Biur, sowie Mischnah, Gemara mit Koinmentaren (sogar in pilpulistischer Weise), außerdem auch hebräische Grammatik nach Bensew und ausnahmsweise Kalenderberechnung. Erst in den Tagen der Maria Theresia und ihres Sohnes Josef II. wurden jüdische Staatsschulen (Normal-Schulen) begründet, in denen Knaben und Mädchen Deutsch, Rechnen und Religionslehre (nach Herz Hombergs „Zionskinder") gelehrt wurde. Doch diese Schulen fanden keine Gunst in den Augen der meisten Rabbiner und ihrer Gemeinden wegen des Wandels der Lehrer, sowie wegen des eiugeführten Religiousbuches, dessen Verfasser übel berüchtigt war. Deshalb wurde auch die Oberaufsicht über diese Schulen nicht etwa einem Rabbiner anvertraut, sondern einem Pfarrer. Deshalb wurde sogar ein Staatsgesetz erlassen, daß jedes jüdische Brautpaar — vor der Eheschließung — vor einer festgesetzten, aus Christen und Juden gemischten Kommission eine Prüfung bestehen mußte in der Religionslehre, wie sie in Hombergs Buch dargestettt war. Man kann sich denken, welche Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten diese Verordnung nach sich zog. Sie Lhre. Eine Geschichte aus alter Zeit. Von Ludwig Mau Herrn er. I. err Lipmann Kroner gehörte seinerzeit zu den geachtetsten Firmen in der Stadt Hamburg. Aber nicht nur in der Handelswelt war die Solidität und die strenge Redlichkeit der Geschäftsführung des Hauses rühmlich bekannt, sondern der Chef zeichnete sich auch sonst als ein freundlicher, dienstfertiger, leutseliger und wohltätiger Mann aus. Streng in Ausübung religiöser Vorschriften, war er doch voll Nachsicht gegen Andershandelnde und weit entfernt von fanatischer Verfolgungssucht, und in Ausübung mildtätiger Handlungen beachtete er weder den Unterschied der Meinung noch der Konfession des Hilfsbedürftigen. Seit vielen Jahren war er mit dem Ehrenamte eines ersten Vorstehers der ganzen Gemeinde betraut, und auch als solcher offenbarte er eine tadellose Ehrenhaftigkeit, und sein hingebender Eifer, wie seine Unparteilichkeit, wurden mit Recht von jedermann gepriesen. Er stand durch Verschwägerung in enger Familienverbindung, mit den ersten Familien der Gemeinde, denn zwei seiner Söhne und drei Töchter waren hier verheiratet und selbständig etabliert, und Söhne wie Schwiegersöhne erfreuten sich eines wohlverdienten guten Rufes. Auch Alfred, sein dritter, jüngster Sohn, ein fünfzehnjähriger hoffnungsvoller Jüngling, versprach in die Fußtapfen seines wackeren Vaters und seiner braven Brüder zu treten. Rechnen wir zu dem Zustande außergewöhnlicher Wohlhabenheit, ehrenvoller und höchst befriedigender Familienverhältnisse noch einen erwünschten physischen Zustand hinzu, sowohl bei Herrn Kroner als bei allen seinen Angehörigen, so hätten wir allen Grund, ihn als einen überaus glücklichen Erdensohn zu bezeichnen. Die Personen seiner nächsten Umgebung jedoch glaubten die Wahrhaftigkeit eines solchen Ausspruches einigermaßen bezweifeln zu müssen. Neben dem Ausdrucke von Milde und Güte in dein Gesichte des Herrn Kroner war auch ein stereotyper Zug tiefliegender Schwermut darinzu lesen. Man sah ihn niemals fröhlich, auch nicht bei den offenbarsten Veranlassungen; er entzog sich im Gegenteile gern jeder heiteren Gesellschaft, und ivenn dieses durchaus nicht anging, blieb er doch ohne Teilnahme an der herrschenden Fröhlichkeit, oder sie war eine sichtlich erzwungene, wiewohl er als gütiges Familienhaupt den fröhlichen und soliden Unterhaltungen seiner Hausleute niemals hindernd in den Weg trat. Einst unternahm Herr Kroner eine Geschäftsreise nach Paris. Wiewohl er daselbst sehr viele Geschäftsfreunde hatte, nahm er doch von keinem derselben eine Einladung an, um sich bewirten zu lassen. Dem Hotel, worin er wohnte, vis-ü-vis befand sich eine jüdische Restauration; hier saß er allabendlich an der Gasttafel, uni den Bedürfnissen des Magens zu genügen, wobei er einmal auf ein mitten in dem Speisesaal entstandenes lautes Gespräch aufmerksam wurde, das in halb deutscher, halb französischer Sprache geführt wurde. Er blickte auf und bemerkte an der Hand eines etwa dreizehnjährigen Mädchens einen Blinden, der in deutschen Klagetönen sich expektorierte, aber teils durch das laute Schluchzen der kleinen Führerin, teils durch die französische Zwischensprache der Umstehenden, den» Anfhorcher nicht verständlich war, daher er einen der Aufwärter zu sich rief, um zu erfahren, was es gebe. „Der Blinde," berichtete der Gefragte, „ist ein Fremder, der seit gestern hier einlogiert ist, und das Mädchen, seine Führerin, ist seine Tochter. Vor mehreren Stunden gingen beide aus, und kamen jetzt lamentierend zurück, ohne daß wir wissen, was ihnen Uebles begegnet sei, da niemand von uns deutsch versteht." Herr Kroner fühlte sich in seiner Gutmütigkeit bewogen, hinzutreten und den Blinden selbst um die Ursache seiner Jammerausbrüche zu befragen. „Ach, dem Himmel sei Dank!" — rief der Blinde — „daß wir einen Deutschen finden, zu dem wir uns wenigstens aussprechen können. Uns ist leider etwas sehr Schlimmes widerfahren. In einer Straße, deren Namen ich nicht weiß, ist meinem Kinde in dem uns ungewohnten Menschengewühl ein Handbeutel entrissen worden, in welchem sich unsere ganze Barschaft befand." „War es eine bedeutende Summe?" fragte Herr Kroner. „Für uns allerdings die bedeutendste," — war die Antwort — „denn es war mein ganzes Vermögen, und wir befinden uns nun in einer uns völlig unbekannten Stadt, ohne einen Pfennig für das dringendste Bedürfnis zu besitzen." „Wie groß war der Ihnen entwendete Betrag?" fragte Herr Kroner weiter.

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