Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wäre Unrecht, wollten wir nur die Lichtseiten zeige»?, und von den Schatten völlig schweigen. Eine erfreuliche Besserung tiTfbein moralischen Stand unserer tunesischen Glaubensgenossen ist unverkennbar. Würdige Halt»»ng und Gewissenhaftigkeit treten mehr und »nehr hervor, aber auch eine gewisse Sucht, sich bemerklich zu »nachen. Das ist eine allgemein menschliche Schwäche, keine tunesische und keine jüdische Eigenheit. Wer Plötzlich zu einer ungleich besseren Situation aufsteigt, wird in der Regel solche Schwäche zeige»». Im vorliegenden Fall ist sie nicht ohne Gefahr, denn der konkurrierende Italiener ist sparsamer und bleibt in seiner Sphäre. In den Straßen von Tunis sieht man zuweilen einen Luxus, den sich in Europa die Reichen nicht gestatten. Doch nicht der Reichtum ist hier so groß, sondern die Putzsucht. Es gibt Glaubensgenossen, die monatlich 106 oder 120 Francs Einkommen haben und ein Kleid für ihre Frau »nit 180 Francs bezahlen. In manchen» Haushalt ißt man sich nicht satt, aber inan en»pfängt in Spiegelsalons und kleidet sich nach der neuesten Mode. Es ist zu hoffen, daß auch hier das kommende Geschlecht klüger sein wird. Eine weitere'Gefahr, die sogar recht bedenklich ist, liegt in der Beschränktheit der Mittel, die das Land liefert. Es gibt in Tunis kein er»»sthaftes industrielles Unternehn»en, und es kann keins geben, da das Land hauptsächlich a»»f Landwirtschaft angewiese»» ist. Infolgedessen ist es eine bereits beängstigende Frage geworden, ivelchen Beruf die 200 jungen Leute, ergreifen sollen, die alljährlich die Allianceschule verlaffen, da die verfügbaren Berufe doch schon beinahe überfüllt sind. Gleichwohl ist es gestattet, hoffnungsfroh in die Zukunft zu sehen und aus den bereits erreichten Verbesserungen auf die^ weiteren Berbefferungen zu schließen, die die Zukunft bringen soll. Mus den Memoiren von %. tz. Weih. Von Dr. S. Friedman»» in Lublinitz. 1. er in Wien verstorbene Nestor der jüdischen Wissenschaft I. H. Weiß hat zehn Jahre vor seine»»» Tode, in» Alter von 80 Jahren, unter dein Titel „Sichronolai“ Memoiren veröffentlicht, die, wie seine früheren bedeutenden Werke, in klassischem Hebräisch geschrieben und deshalb nur eine»»» kleinen Kreise zugänglich und verständlich sind. Mancherlei jedoch dürste aus denselben weitere Kreise interessieren, was hier erwähnt werden mag. Schon die Einleitung bietet Beachtenswertes. Da handelt Weiß von der wohl einen jeden Menschen durchdringenden Empfindung, sich irgendwie eine Erinnerung auf Erden zu sichern — sei es durch ein Grabdenkmal, durch eine wohltätige Stiftung, durch Schriftwerke oder durch eine Selbstbiographie, je nach Verhältnissen, Anlage»» und Fähigkeiten. Was r»un dir Selbstbiographie anbetreffe, so sei sie einer Biographie durch andere weit vorz»»ziehen, weil letztere leider nur zu oft falsche und verkehrte Dinge rnitteilte »»nd der Lobhudelei diene. „Einmal" — so beinerkt Weiß — „besuchte »»»ich ein »»och junger Mann, der nach der traurigen Sitte schoi» vor voller Reife in Kenntnissen unter die Autoren gegangen war und mir sein Manuskript »nit der Biographie über einen zeitgenössischen Gelehrten vorlegte. Anfangs weigerte ich mich,. dasselbe zu lesen, weil ich mir keinerlei Nutzen davor» versprach und meine Zeit nicht unnütz vergeuden wollte. Nach vielen Bitten jedoch willigte ich ein. Und wie sehr war ich empört, soviel Lug und Trug da zu lesen! Ich kannte selber den gezeichneten Mann, seine Vorzüge und Mängel, so daß mir die an ihn» gerühmten Eigenschaften unerhört erscheinen mußten. Ich fragte »nich: Wie ist eine solche lügenhafte Biographie »nöglich? — Der Schreiber selbst kann nicht der Schuldige sein, er gilt mir als ein einfältiger, aufrichtiger und gutmütiger Mensch. Nur seine Quelle muß lügenhaft sein! — Und als ich daraufhin den Verfasser näher ausforschte, erfuhr ich die Bestätigung »»»einer Vermutung, daß er nicht aus eigener Wahrnehmung und Erfahrung den Marin geschildert hat, sondern lediglich nach den Angaben und Mitteilungen dieses Mannes selber." — Darum sollte »»»an nur selbst, . wenn »nöglich, seine Biographie schreiben, derrn nur selbst könne n»an am besten das bezeugen, was rnan über sich schreibe. Am richtigsten aber sei es, in seiner Biographie nur das zu bieten, was für die Gesamtheit von Nutzen sein dürste und lehrreich, und dabei möglichst sachlich und nicht persönlich zir verfahren. Eine solche Aufgabe sei allerdings recht schwierig, »rnd er selbst hätte nie daran gedacht, sich derselben zu unter- I ziehen, »venn er nicht einmal durch den ihm befreundeten und j verwandten Professor David Kaufmann in Budapest dazu ganz besonders aufgefordert worden wäre, ein Bild seinerjüdisch - wissenschaftlichen Zeitverhältnisse den» kormnenden Geschlechts zu überliefern. Dieser Aufforderung mochte sich Weiß nicht entziehen, und so schrieb er lveniger eine Selbstbiographie als vielrnehr eine Schilderung des Judentums in seiner Kindheit und Jugend, der Talmudschulen und der Werke, a»»s denen er gelernt, sowie ihrer Verfasser. Jrn Jahre 1815, in der Zeit seiner Geburt in Groß- »rieseritsch in Mähren, und bis zun» Jahre 1848. »var das Landesgesetz in Kraft, daß nie »»»ehr und nie weniger jüdische Familie»», als zur Zeit dieser veröffentlichten Bestiinnrung »varen, nämlich 151, existieren sollten. In Wirklichkeit hat es oft inehr Familien gegeben, aber die überzähligen Ehen wurden nur religiös geschlossen, geger» das Landesgesetz, ohne staatliche Erlaubnis und Genehrnignng. Für eine jede staatlich erlaubte Eheschließung, die nur eingegallgen werden konnte, sobald sich die Zahl der 151 gesetzlich konzessionierten Familien ans irgendeiner»» Grunde verminderte, »uußte eine bestiinmte Steuer entrichtet werden. Dieser Zustand hatte für die Gemeinden und ihre Vorsteher viele Unzuträglichkeiten und Nebel im Gefolge, Streitigkeiten unter den die Erlaubnis Nachsuchenden, Bestechungen von seiten derer, die den Vorzug haben wollten, und beständige Angst vor Strafe im Falle einer staatlich unerlaubten Eheschließung, ivelche die verairtwortlichen Vorsteher oft geschehen ließen. Ja, zuweilen unternahmen diese es, eine solche Ehe gesetzlich zu gestatten, indem sie aus der Liste der „Gesetzlichen" den einen oder den anderen Mann strichen und fälschlich bemerkten, daß derselbe ins Ausland gewandert sei und auf sein ^gutes Recht in Mähren verzichtet habe. Mit solchen Manipulationen, welche aus einen» unnatürlichen Z»vange folgen mußten, waren vielfache Gefahren für alle beteiligten Parteien verbunden, denn zu keiner Zeit und in keiner Gemeinschaft fehlt es ja ai» Denunziantei», und auch damals gab es zuweilen Leute, welche eine ungesetzlich geschloffene Ehe dem Staate verrieten. Ein trauriger Zustand, bei dem die Juden wohl dieselben Pflichten, aber nicht dieselben Rechte hatten, wie die anderen Bürger! Dies offenbarte sich nicht nur bei der Beschränkung der Eheschließungen, sondern auch auf anderen Gebieten. Während die Juden zu allen Landesbedürfnissen redlich beisteuer»» mußten, hatten sie auch noch für die eigenen Gemeindebedürfnisse selber Sorge zu tragen, namentlich auch für den ganzen Unterricht ihrer Kinder, für die Erhaltung der Schulen. Und wie hat in jenen Tagen eine jüdische Schule ausgesehen!