Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hat der Reisende ei» Zimmer im Hotel erlangt, und will er in einer Bank Geld wechseln, so hat er die Wahl zwischen dem Comptoir National d’Escompte, der tunesischen Bank, der Kompagnie Algeriens und der tunesischen Kommerziätbank. Wohin er sich wenden mag, an den Kassierer, an den Kontrolleur, an den Depotverwahrer, an den Vorsteher der Wechselkasse, überall begegnet er vormaligen Allianceschülern. Auch von den sonstigen Angestellten gehört die Mehrzahl zu den früheren Allianceschülern. So ist es in allen Banken, mit einer einzigen Ausnahme: in der Banque d’ Algerie stellt die Verwaltung die Bedingung, daß ihre Beamten Franzosen sein müssen, und unseren tunesischen Glaubensgenossen ist die Erlangung der Naturalisation versperrt. Sehen wir uns nun in den großen Warenhäusern um. Eines der bedeutendsten ist „Der kleine Louvre". Ganz wie die großen Louvremagazine von Paris nimmt das tunesische Etablissement ein mächtiges Gebäude ein. Im Erdgeschoß und zwei Stockwerken darüber drängt sich die Menge der Käufer, die, wie in Paris, alle erdenklichen Gegenstände zu ihrer Auswahl vorfinden. Nicht Millionäre und nicht vereinigte Kapitalisten betreiben dieses Geschäft. Drei Brüder sind die Besitzer, ehemalige Zöglinge der Allianceschule. Sie waren arme Jungen, und die Alliance hat ihnen neben dem Unterricht Nahrung gegeben. Nachdem sie eine praktische Erziehung genoffen, eröffneten sie einen ganz kleinen, bescheidenen Laden, in dem sie billige Stoffe verkauften. Durch Ausdauer und Sparsamkeit gelang es ihnen, ein kleines Betriebskapital zu sammeln. Ihre persönliche Geschicklichkeit verschaffte ihnen gute Kundschaft. Heute sind sie wohlhabend. Sie sind aber auch gut und vergeffen nicht die Pflichten, die ihre neue Lage ihnen auferlegt. Ganz besonders gedenken sie der Wohlfahrtsanstalt, der sie den ersten Unterhalt, der Schule, der sie die erste Bildung verdanken. Alle würdigen Armen finden bei ihnen gute Aufnahme und Hilfe. Wenn von den Direktoren der Alliancefchule ein Aufruf ergeht, so sind es die drei Brüder, die sich als die ersten hilfsbereit einstellen. Mehr als 100 ehemalige Allianceschüler sind bei ihnen beschäftigt; in ihren Werkstätten arbeiten frühere Allianceschülerinnen als Schneiderinnen, Modistinnen, Stickerinnen, Korsettnäherinnen. In dem großen Warenhaus Orosdi-Bach ist der Subdirektor Guez ein früherer Allianceschüler. Der Kassierer desselben Hauses ist der vormalige Kassierer der Vereinigung der Alliance-Elementarschüler. Mehrere Rayonchefs und die große Mehrheit der Angestellten in allen großen Magazinen waren vordem Allianceschüler. In jede in großen und mittleren Geschäft, in jedem Laden, der 5—6 Personen beschäftigt, findet man Allianceschüler. In Tunis gibt es eine außerordentlich große Menge von Agenten und Handelsvertretern; die meisten von ihnen, und gerade die bestsituierten, sind aus der Allianceschule hervorgegangen. Unter ihnen sind einzelne, die jährlich 5000—6000 Francs verdienen. Die Buchhalter der Anwälte und Gerichtsvollzieher, auch der nichtjüdischen, sind meist Allianceschüler. Der Advokat Fitoussi war, als er die Allianceschule verließ, einfacher Buchhalter. In feinen Mußestunden widmete er sich dem Rechtsstudium. Er bestand die Prüfungen und gehört jetzt zu den geachtetsten Anwälten von Tunis. Advokat Schalom, ein früherer Allianceschüler, ist jetzt Ehrensyndikus der Allianceanstalten.. Andere frühere Allianceschüler haben sich dem Studium der Medizin gewidmet und in der Stadt bereits wohlverdienten Ruf als Aerzte erlangt. In Souk-el-Grana, dem berühmten Geschästswinkel, wo die großen Getreideabschlüsse gemacht werden, findet man in beträchtlicher Zahl unsere bejahrten Notablen, mit etwas rückständigen Anschauungen, aber tüchtige Finanzmänner. Sie sitzen in ihren alten Bureaus unbeweglich. Aber rund um sie tummelt sich eine Jugend mit lebhaften Augen, mit entschlossener Miene. Das sind ihre Söhne oder Angestellten, lauter frühere Allianceschüler, die nach und nach die Handelsmethoden ihrer Väter oder Chefs umgestaltet haben. In allen Handwerkswerkstätten trifft man frühere Allianceschüler. Aus ihnen besteht die Mehrzahl aller Typographen, Teppichweber, Steinhauer, Schneider, Schuhmacher, Lackierer, Anstreicher, Schmiede, Drechsler, Holzbildhauer, Elektriker, Optiker usw. In allen diesen und anderen Handwerken haben sie nur einen ernsthaften Konkurrenten: den Italiener. Dieser wirtschaftliche Einfluß ist aber nicht der einzige und nicht der bedeutendste, den die Allianceschulen ausgeübt haben. Die Allianceschulen haben ihre Zöglinge nicht bloß unterrichtet und für den wirtschaftlichen Lebenskampf gestählt, sondern auch auf ihre Moralität in der glücklichsten Weise eingewirkt, die Sittlichkeit der ganzeil jüdischen Bevölkerung gehoben. Freilich ist noch viel zu tun. Doch die fünfundzwanzigjährige Arbeit ist nicht vergeblich gewesen, und wenn erst das Uebergangsgeschlecht in der Wüste gestorben sein wird, so wird ein neues Geschlecht da sein, ehrenhafter, gewissenhafter, pflichtbewußter, als das vorige. Die amtlichen Personen, die lange Jahre hindurch hier tätig gewesen sind, haben den glücklichen Umschwung in der wissenschaftlichen und moralischen Bildung der Israeliten von Tunis wahrgenommen, gewürdigt und öffentlich bezeugt. Die Generalresidenten, die Direktoren des öffentlichen Unterrichts, alle Konsuln, können hierfür aufgerufen werden. Ein weiterer Beweis für den Umschwung der ganzen Anschauungsweise liegt darin, daß die jüdische Gemeinde allmählich sich entschlossen hat, zum Unterhalt der Schulen recht beträchtliche Zuschüße zu leisten. Die Genreinde von Tunis trägt zu den Kosten der Allianceschule über 40 000 Franks jährlich bei, teils direkt, teils in persönlichen Spenden. Es geht daraus hervor, daß unsere Glanbensgenoffen der Erziehung ihrer Kinder jetzt einen außerordentlichen Wert beimessen; sie würden sich sonst nicht so schwere Opfer anferlegen. An den Tagen der Schüleraufnahme gibt es förmliche Kämpfe, und die Eltern fühlen sich tief unglücklich, deren Kinder aus Mangel an Platz haben znrückgewiesen werden müssen. Auch eine Rückwirkung auf das ältere Geschlecht ist bereits wahrnehmbar. Greise, die seit undenklichen Jahren den „Chiluk" empfingen, verweigern jetzt die Annahme, weil ihre Kinder genug verdienen, um sie zu erhalten. Wenn in den Synagogen ein armer Mann, dessen Kind in der Allianceschule erzogen wird, zur Sefer-Thora geht, so versäumt er nicht, einen Francs oder einen halben Francs für die Alliance zu spenden, zum Erweis seiner Dankbarkeit und der tiefen Anerkennung, die er für die Alliance und ihr Wirken hegt. Der große Fortschritt in den häuslichen Gewohnheiten und Gebräuchen ist ganz unverkennbar, seitdem die früheren Allianceschülerinnen Hausfrauen geworden sind. Die Erziehung in der Mädchenschule hat den glücklichsten Einfluß geübt. Die allzufrühen Eheschließungen haben fast völlig aufgehört. Die Lehrerinnen prägen den Mädchen von Jugend auf die Pflichten der hausfraulichen Fürsorge ein, so daß die Kinder den höchsten Wert auf gesundheitliche Einrichtungen, auf Sauberkeit, auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit legen und Geschmack an der Einfachheit gewinnen. Das neue Geschlecht, das zur Schule kommt, sieht in Haltung und allen Aeußerlichkeiten schon ganz anders aus, als das vorige. Noch wenige Jahre, und es wird nicht mehr wie ehedem einen Widerstreit zwischen Schulunterricht und häuslichem Beispiel geben. Schule und Haus werden einander unterstützen und ergänzen, und der moralisierende Einfluß wird um so stärker sein.