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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-01 · Heft 22 (1.6.1906) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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tütigkeitsanstalten erhalten, sondern der wohlhabende Mittelstand. Dieser geht aber unter den österreichischen Juden immer mehr zurück. Denn der mittlere jüdische Gewerbestand leidet vor allem unter dem Judenhaß, der in Oesterreich bereits eine öffentliche Institution, ich möchte sagen: eine Art Stflatsgrundgesetz geworden ist; außerdem herrscht ja im allgenieinen in Oesterreich infolge des ewigen Nationalitätenhaders eine wirtschaftliche Depression. In den kleineren Orten, wo der Nationalitätenstreit am heftigsten tobt, sind die Juden am schlimmsten daran. Den Tschechen gelten sie als Deutsche, die deutschen Fanatiker boykottieren sie als Fremde. Jedenfalls befinden sie sich zwischen Hammer und Amboß, und von beiden Seiten wird auf sie losgeschlagen. Ein weiterer Umstand zur Lockerung des inneren Zusammenhanges unter den österreichischen Juden ist die weitgehende Kulturverschiedenheit. Die deutschen Juden haben den großen Vorzug, daß sie kulturell zusammengehören. In Friedenszeiten mag es kleinere Reibungen zwischen den liberalen und den orthodoxen Juden geben; auch herrscht ein gewisser Antagonismus zwischen Ost und West. Aber wenn ernste Fragen an die deutschen Juden herantreten, oder wenn große Ereignisse iin Auslande die Hilfstätigkeit der deutschen Judenheit erforderlich machen, dann hören erfreulicherweise diese kleinen Differenzen auf und alle vereinen sich mit ihrer Arbeitskraft, mit ihrer Intelligenz und mit ihren Geldmitteln zur gemeinsamen Tätigkeit. In Oesterreich ist dies nicht so leicht, da der Nationalitätenstreit, der dort seit Jahrzehnten herrscht, und der Kulturunterschied auch das jüdische Gemeindeleben beeinflußt. Es ist dies eine seltsame Illustration zu der oft behaupteten Solidarität des „internationalen Judentums". Etwas günstiger liegen zwar die Verhältnisse in der anderen Reichshälfte, in Ungarn. Namentlich in Südungarn ist die wirtschaftliche Lage der Juden viel besser. Politisch scheinen ja die ungarischen Juden sehr gut gestellt zu sein. Indessen darf man. sich vom äußeren Schein nicht täuschen lassen. Die politische Lage der ungarischen Juden ist keineswegs so gesichert, wie es den Anschein hat, und die ungarischen Juden selbst empfinden eine gewisse Unruhe über ihre Zukunft. Mir versicherten in der letzten Zeit brave Glaubensgenossen aus Ungarn, daß sie in den kleineren Orten fürchten mußten, öffentlich Geldsammlungen zugunsten der verfolgten Juden aus Rußland zu veranstalten und überhaupt die jüdische Solidarität nach außen zu bekunden. Wie weit diese Furcht begründet ist, kann ich natürlich nicht feststellen. Aber jedenfalls muß uns die Erscheinung Sorge einflößen, daß der Klerikalismus in Ungarn, in diesem schönen Lande, wo früher Eintracht unter den verschiedenen Konfessionen herrschte, immer mehr überhand nimmt. Es ist für die ungarischen Zustände bezeichnend, daß bei der Herstellung des inneren Friedens in Ungarn wohl die klerikal-antisemitische Volkspartei in die Koalition miteinbezogen wurde, aber nicht Banfsy, dessen antiklerikale Gesinnung bekannt ist. Auch wirtschaftlich läßt die Lage der ungarischen Juden viel zu wünschen übrig. Hauptsächlich in Nordungarn vollzieht sich jetzt unter ihnen eine wirtschaftliche Krise, die sie zwingt, alte Nahrungszweige aufzugeben und neue zu suchen. Man versichert mir, daß dies von der Regierung verschuldet ist, da sie nach russischem und galizischem Muster manches Gewerbe monopolisiert hat, das früher zumeist in jüdischen Händen gewesen war. Das geschieht leider so oft nicht nur in Ungarn, daß man nämlich jüdische wirtschaftliche Existenzen in der leichtfertigsten Weise zerstört. Auch sogenannte liberale Wirtschaftspvlitiker nehmen daran keinen Anstoß. Sie ineinen, die Juden könnten sich beffere rind sichere Erwerbsquellen suchen. Nur vergessen sie, dies dem Juden zu ermöglichen; sie glauben ihre Pflicht getan zu haben, wenn sie ihnen die früheren Erwerbsquellen verstopfen. Aus diesen Erörterungen geht hervor, daß die Vorwürfe gegen die österreichisch-ungarischen Juden größtenteils ungerechtfertigt sind. Es ist nicht meine Aufgabe, ihre Verteidigung zu fahren; aber es ist immer gut, wenn man die Verhältnisse kennt und sich durch diese Kenntnis von Vorurteilen freimacht. Es mag ja sein, daß durch etwas -mehr Energie und eine strammere Organisation wohl mehr z« erzielen wäre. Aber auch in dieser Hinsicht ist die ethische Lehre unsrer Alten richtig angewendet: „Beurteile niemanden, bevor du in seine Lage geraten bist." Man muß alles nur nach Ort- und Zeitumständen beurteilen. Mr Mljanre-Schulen in Tunis. ie Knabenschule der Alliance lsraelite Universelle in Tunis ist im Jahre 1878 eröffnet worden. Die ersten Schüler, die diese Anstalt besuchten, find heute fertige Männer und Familienväter. Man kann somit heute an einer ganzen Generation, die alle Altersstufen von 7 bis 40 Jahren umfaßt — die ersten Zöglinge waren schon bis 12 Jahre alt — den erziehlichen Einfluß erkennen, den das Werk der Alliance geübt hat. Dieser Einfluß greift um so tiefer, als er nicht bloß über ein Vierteljahrhundert andauert, sondern auch auf eine sehr große Zahl von Personen sich erstreckt. Jede der Alliance- Schulen in Tunis hat bei Beginn 400 bis 500 Zöglinge gehabt; einige Jahre später erreichte die Knabenschule eine Besuchsziffer von 1000 bis 1200, und auf dieser ist sie fei: langen Jahren geblieben, manchmal hat sie sie noch über stiegen. Die Mädchenschule wird von 950 Schülerinneibesucht. Seit etwa 18 Jahren verkästen 300 bis 350 Knaber und Mädchen im Jahresdurchschnitt die Alliance-Schule, und immer kommt ein gleich großer jüngerer Ersatz. Die hohl Zahl der Schüler und die lange Dauer des Unterrichts verleih! den Alliance-Schulen einen ungewöhnlichen Einfluß auf unser tunesischen Glaubensgenosten. Der klägliche Zustand, in de» heute unsere Glaubensgenossen in Marokko hindämmern, w»r vor etwa 50 Jahren auch der der Israeliten von Tunis. Mn kennt das Elend, die Bedrückung, die Demütigung, in der si lebten. Wenige Jahre nach der Eröffnung der Alliance Schulen kam — ein glückliches Zusammentreffen! — das Prv Lektorat. Während dieses den Israeliten des Landes die fü jede Entwicklung unentbehrliche Sicherheit gab, bereiteten jen sie für den Kamps vor, der sich auf dem der zivilisierten Wci neu erschlossenen Markte entfalten sollte. Das unsere Glaubensgenossen von dieser Gunst der Uw stände Nutzen gezogen haben, ist jedem erkennbar, der sich hie im Lande umsteht. Wenn hier ein Schiff Anker wirst und die Reisenden sici ausbooten lasten, wird alles von dem Geschrei der Gepäck träger übertönt. Der kundige Reisende weiß, daß er sei" Gepäck einzig den bekannten Agenturen Aglot, Rapide, Dan>° anvertranen dgrf. Die Agentur Aglot ist ein franzöfischec Haus, das in allen Häfen Bureaus unterhält. Ihre Angestellten in Tunis sind der Mehrzahl nach ehemalige Zöglinge der Alliance-Schule. — Die beiden anderen Agenturen machen der erstgenannten eine harte Konkurrenz. Ihre Begründer und gegenwärtigen Direktoren sind vormalige Zöglinge der'Alliance-Schule.

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