Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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stäti gt fand. Der dortige Gehilfe des Gendarmeriechefs BudogowSki berichtet alles darüber und daß er mit bestem Erfolge solchen gegen die Revolution gerichteten Bestrebungen patriotischer Verbindungen Borschnb leistet. Der Inhalt dervon der Gendarmerie verbreiteten Proklamationen, ans denen der Bericht Stichprobe» bringt, ist der übliche; folgende Phrasen daraus sind bemerkenswert: „Die Revolution kommt mit Riesengewalt. Gestatten Sie nicht dem Zaren, der verwundet und ergraut ist, die Volksfreiheit zu geben,. Der deutsche Kaiser entsandte bereits seine Kriegsschiffe nach Petersburg." — Die Beamten des politischen Polizeidepartements Pjainizki und Ratschkovski, sowie der gegenwärtig für einen höheren Beanitenpösitn in Aussicht genommene Timofejew, die rechte Hand des PalaiskomMandanten Trepow, wissen, wie aus ihren Notizen icrvorgeht, vom Vorgehen Budogowskis aus dessen wiederholten Berichten. Unternehmen Sie nichts gegen ihn, sondern schlagen Sie ihn >ur Belohnung vor." Der Bericht soll zn einer Interpellation in der Duma Veranlassung geben. Inzwischen beratet diese nun einen Gesetzentwurf Uber die Gewissensfreiheit, und die Regierung beschäftigt sich damit, kleine Palliativmittel zu erfinden, durch die sie Volk und Duma einschläsern möchte. So beabsichtigt sie, der Duma den Antrag vorznlegen, die Bestimmungen über das Prozentverhältnis der Juden bei der Aufnahme in die höheren Lehranstalten (im Durchschnitt fast überall nur fünf Prozent) aufzuheben. Dieser bescheidene Beitrag zur Lösung der Jndenfrage hat seine Geschichte und wird von Herrn Goremykin auch nur deshalb beigesteuert, weil ihn noch Graf Witte durch einen Befehl des Zaren für die Regierung verbindlich zu machen gewußt hat. Schwer genug ist ihm auch das geworden, denn die Judenrage war für seinen Mitarbeiter immer dasselbe, wie der rote Wappen für den Stier. So konnte Graf Witte immer nur schrittweise Vorgehen, mühselig einen oder den anderen Minister ür seine Auffaffung gewinnend. Auf seine Anregung ließ sich der noch am liberalsten gesinnte Minister seines Kabinetts, der Minister der Volksaufklärung Graf Tolstoi, herbei, im Zanuar d. I. sofort dem Ministerkabinette zu erklären, daß er ich an die Beschränkungen für die Aufnahme von Juden in die höheren Lehranstalten nicht binden könne, da dieseBeschränkungen licht im Wege der Gesetzgebung festgelegt seien, sondern einfach n administrativer Ordnung 1886 vom Ministerium der Volksmfklärung verfügt wurden. Obwohl Graf Witte in dern Ministerkabinett diesen Punkt Tolstois auf das energischste vereidigte, gaben doch der Minister des Innern Durnowo, sein Schwager, der Justizminister Akimow, und der Marinemiuifter Virilew in scharfer Form ihre Sondergutachten ab, so daß Litte die Frage dem Kaiser vorlegen mußte. Der Kaiser befahl, daß bei den nicht auszugleichenden Differenzen im tabinett diese Frage der Reichsduma in ihrer ersten Session uir Entscheidung vorzulegen sei. So muß denn Herr Goremykin n'tzt diesen kaiserlichen Befehl erfüllen. Aufsehen erregt auch in Petersburg die folgende kaiserliche Entscheidung, wie man uns von dort schreibt: «Der Zar hat zunl Gehilfen deS russischen Justizministers und > dessen Stellvertreter einen getauften Juden ernannt. Dieser heißt matol Haßmann und stammt aus Wilna, wo er 1844 geboren - urdc und die damalige Rabbinerschule bis zum Abschluß besuchte. Äann war er Hauslehrer beim Baron Günzburg. Später wendete ■1 sich der juristischen Karriere zu. Aus einem Bocher kann man ja bekanntlich alles machen. Ob Herr Haßmann in seiner jetzigen hohen Stellung sich der früheren Glaubensgenosien freundlich erinnern wird, >st freilich eine andere Frage. Die Erfahrungen, die wir auf diesem Gebiete in Rußland seit jeher zu machen Gelegenheit hatten, stimmen uns allerdings etwas skeptisch in dieser Beziehung." Bit Juden in Lelterreich-Ängarn. Von Dr. S. Bernfeld. 4 u den letzten Jahren, seitdem in Rußland die Juden- " Verfolgungen einen so schrecklichen Umfang angenommen haben, ist oft in der jüdischen Presse und in Versammlungen über die mangelhafte Teilnahme der österreich-ungarischen Juden am Hilfswerk für die russischen Juden geklagt worden; insbesondere wurde gegen die Wiener Judenheit der Vorwurf erhoben, daß sie in der Hilfeleistung hinter den jüdischen Gemeinden von Berlin, London, Paris und selbst von Frankfurt a. M. weit zurücksteht. Dabei wird noch hervorgehoben, daß die Zahl der österreichisch-ungarischen Juden mehr als zweifach so groß ist wie die der jüdischen Bevölkerung in allen westeuropäischen Staaten zusammen. Wenn man jedoch die Zustände in der Habsburger Monarchie genau keimt, findet man, daß dieser Vorwurf, der auf unsere Glaubensgenossen in diesem Staate so kränkend wirkt, durchaus unberechtigt ist. Was die österreichische Reichshälfte betrifft, so darf man nicht vergessen, daß nahezu eine Million Juden in Galizien und in der Bukowina unter einem unbeschreiblichen wirtschaftlichen Druck leben. Die Verhältnisse verschlimmern sich dort zusehends, und während vor etwa 25 Jahren wenigstens in Ostgalizien und in der angrenzenden Bukowina die Armut unter den Juden etwas geringer war, ist sie jetzt auch dort aus verschiedenen Ursachen sehr groß geworden. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß von dieser Million Juden keine Spenden für die russischen Glaubensgenoffen eingesammelt werden können. Aber anderseits hat die Wiener Judenheit schwer an der Last zu tragen, die ihr durch die nötig gewordene Unterstützung der galizischen und rumänischen Juden auferlegt ist. Die jüdische Gemeinde in Wien zählt über 160 000 Seelen, aber davon sind reichlich 100000, die aus den östlichen Provinzen oder aus. Rumänien stammen und zum größten Teil in drückender Armut leben. Abgesehen von den vielen unglücklichen Menschen, die sich vergebens nach Arbeit umsehen und deshalb von der öffentlichen Wohltätigkeit erhalten werden müssen, gibt es noch in Wien viele Tausende jüdische Familien, die sehr kümmerlich ihr Leben fristen. Der kleinste Unfall genügt, um die wirtschaftliche Existenz einer solchen Familie in Frage zu stellen. In allen diesen Fällen muß die Armenverwaltung der jüdischen Gemeinde helfend eingreifen. Auch an private Wohltätigkeitsanstalten werden große Forderungen gestellt, denen sie kaum gewachsen sind. Unter diesen Umständen ist die Lage der jüdischen Gemeinde in Wien gewiß keine sehr beneidenswerte. Es ist bekannt, daß sie mehrere Jahre hindurch an einem chronischen Defizit von erheblichem Umfange litt. Dieses Defizit ist in der letzten Zeit durch Anspannung aller Kräfte fast beseitigt worden. Aber vom staatlichen Budget in der Höhe von rund zwei Millionen Kronen jährlich absorbiert die Fürsorge für Hilfsbedürftige etwa zwei Drittel. Das ist ein Verhältnis, welches wir in Deutschland gar nicht kennen. Ein gut unterrichteter Mann bezeugte mir unlängst, daß etwa drei Viertel aller jüdischen Leichenbestattungen in Wien unentgeltlich erfolgen müssen. Nicht nur in Wien, sondern in der ganzen österreichischen Reichshälste haben die Juden sehr stark unter dem Antisemitismus zu leiden. Wirtschaftlich hat sich der Judenhaß in Oesterreich bedeutend fühlbarer gemacht als bei uns in Deutschland. Insbesondere ist dadurch der Mittelstand ungemein in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn auch in den Großstädten eine Anzahl von jüdischen Millionären zu finden ist, so wissen wir doch aus Erfahrung, daß nicht einzelne Millionäre eine Gemeinde und die öffentlichen Wohl-