Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität ausgenommen. Die Kadetten wissen sehr gut, daß sie ihren Sieg in vielen Wahlkreisen den jüdischen Wählern zu verdanken haben. Sie. wollen'auch daher die Regelung der Judenfrage in erste Reihe rücken, was nach ihrer Anschauung um so leichter wäre, als sie einfach die Beseitigung aller gegen die Juden erlassenen beschränkenden Gesetze und Bestimmungen fordern. Es wäre aber sehr falsch, wenn wir uns der Hoffnung hingeben wollten, daß die Befreiung der Juden in Rußland so leicht vonstatten gehen wird. Vorläufig hat die Hofkamarilla in Petersburg, die sich den Namen einer Regierung anmaßt, noch immer die Macht in den Händen, und sie wird sie nicht so leicht lassen. Diese Kamarilla hegt in ihrer Verblendung einen unbesiegbaren Haß gegen die Juden. In der Erklärung, die der Ministerpräsident Goremykin am 26. Mai vor der Duma abgegeben hat, finden wir den Versuch, auf manche Forderungen der Volksvertretung einzugehen — die Forderung der Juden aber auf bürgerliche Gleichstellung überging der Nachfolger Wittes mit Schweigen. Der jüdische Abgeordnete Winawer antwortete auch gleich darauf mit einem scharfen Protest. Unsere Glaubensgenossen in Rußland gehen zweifellos noch schweren Kämpfen entgegen, und wir wünschen, daß sie den Kampf mit Mut und Ausdauer bis zum vollen Erfolg durchführen. Die politische Befreiung der Juden in Rußland wäre aber nur dann das erwünschte Endziel, wenn sie nicht, wie leider zu befürchten steht, eine Schädigung des Judentums zur Folge hätte. Wir haben bisher die traurige Erfahrung gemacht, daß die Besserung der Lage der Juden in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht nicht immer dem Fortbestand des Judentums zuträglich war. Wir würden es sehr bedauern, wenn die Tinge in Rußland dieselbe Entwicklung nehmen sollten. Was da in den letzten zwei Jahren geschehen ist, kann man wirklich nicht als ermutigend bezeichnen. Ueber dem Kampf für die Juden hat man die Sorge für das Judentum völlig zurücktreten lasten. Wir sprechen hier nicht von der revolutionären Jugend, die in ihrer Unkenntnis die Vernichtung des Judentums als eine notwendige Bedingung für die Verwirklichung ihrer politischen und sozialen Utopien bezeichnete. Aber, selbst besonnene und wohlerzogene Männer ließen oft im Kampf für die politische Freiheit jede Rücksicht auf die Erhaltung des Judentums außer acht. Es gibt keine politische oder soziale Theorie, mag sie noch so fern von der praktischen Verwirklichung sein, die nicht von jüdischen Publizisten in unzähligen Zeitungsartikeln und Flugblättern mit der den Juden so . geläufigen Haarspalterei behandelt worden ist. Das Nahe-. liegende, was die Juden als solche betrifft, übersah man. Es dürfte wohl vielen bekannt sein, daß in ganz Rußland, mit Ausnahme der polnischen Gouvernements, die jüdischen Gemeinden seit achtzig Jahren aufgelöst sind. In religiöser Beziehung entbehren die russischen Inden jeder korporativen Vertretung. Die Gemeindeanstalten bestehen als private Wohltätigkeitseinrichtungen. Die Einnahmen rühren aus freiwilligen Spenden und aus der Fleischsteuer her, die eine schwere und ungerecht verteilte Last ist. Dazu kommt noch der große Mißstand, daß diese Fleischsteuer nicht von den Juden selbst eingetrieben und von ihnen für die Gemeindeinstitute verwendet wird, sondern dies wird von den städtischen Magistraten unter Aufsicht der Regierungsbehörden besorgt. Aus dieser Steuer entnimmt man hohe Beträge zur Unterhaltung des Straßenpflasters, der Polizei und Feuerwehr, wie auch zum Bau von Kasernen. Währenddessen leiden die Wohltätigkeitsanstalten die größte Not. Hat sich doch die abgetretene Regierung geweigert, den von den Pogromen in den schrecklichen Novembertagen hart mitgenommenen Gemeinden jene Millionen zurückzuzahlen, die sie in früheren Jahren „leihweise" ans den Einnahmen der Fleischsteuer entnommen hatte. Dies ist nur ein Beispiel von den vielen inneren Schäden, unter decken die russische Judenheit seit Jahrzehnten zu leiden hat. Von dem Unfug, den die Regierung mit der Anstellung der sogenannten „Kronrabbiner" treibt, braucht wohl ausführlich nicht die Rede zu sein. Es genügt, auf die geradezu skandalösen Vorgänge in Odessa hinzuweisen, wo die Polizei den Juden einen ihrer Diener als Rabbiner aufdrang und diesen länger als ein Jahrzehnt im Amt hielt, obwohl die Gemeinde oft genug ihren Unwillen gegen diese Verhöhnung kundgab. Wenn die Juden in Rußland Verständnis für die Zeitumstände haben, so wäre für sie jetzt eine günstige Gelegenheit, aus diesem Chaos herauszukommen, die Gemeinden zu organisieren, den Bestand der öffentlichen Institute zu sichern, den Jugendunterricht einzurichten. - Diese Organisationstätigkeit erscheint jetzt um so dringender notwendig, als doch immerhin zu hoffen steht, daß früher oder später wenigstens ein Teil des Druckes von außen aufhören wird. Dieser Druck, so schlimnie Folgen er sonst für die Juden hatte, führte doch dazu, daß sie zusannnenhielten und in der Pflege des geistigen Gutes Trost und Erhebung fanden. Das wird jetzt anders iverden, zum Guten, leider aber auch zum Schlechten. Wenn nicht dann vieles von Gemeindewegen geschieht, das Judentum zu erhalten und das konrmende Geschlecht im jüdischen Geiste zu erziehen, so steht zu befürchten, daß das Judentum in Rußland rapid verfallen wird. Die jüdischen Mitglieder der Reichsduma, die doch immerhin als die Vertreter der russischen Judenheit gelten können, haben zweifellos die Pflicht, sich nicht nur mit der Verteidigung der politischen Rechte zu befasse», sondern auch die Organisation der jüdischen Gemeinden in die Hände zn nehmen, um sie auf eine sichere Grundlage zu stellen. Diese Arbeit wäre entschieden ersprießlicher und segensreicher als manche andere. Das jüdische Volk hat stets großen Sinn für das allgemeine Wohl bekundet, das es über das Wohl des Individuums zu stellen verstand. Das ist auch das Wesen der jüdischen Moral. Mögen sich die führenden Männer der russischen Judenheit dessen bewußt sein, und möge ihnen der Vorwurf erspart ' bleiben, daß sie den geeigneten Moment zur Hebung des Judentums verpaßt haben. - Air Woche. . Berlin, 29. Mai * «ä n dieser Woche beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus wieder mit dem Schulunterhaltung s ge setz. Vergebens brachten die fortschrittlichen Parteien die Abänderungsvorschläge der ersten Lesung in bezug auf die Behandlung der jüdischen Gemeinden und Schulen wieder ein; vergebens sprachen die Abgeordneten Cafsel, Peltasohn und Aronsohn für diese. Schließlich wurde aber doch noch ein wertvolles Resultat erreicht. Auch das Zugeständnis, daß die für de» Eintritt der christlichen Geistlichen in die Schuldeputation geltenden Vorschriften sinngemäß auch auf den Eintritt des Rabbiners Anwendung finden, dieser also wenigstens keine Ausnahmestellung hat, wie es ursprünglich die Abficht der Regierung gewesen, ist wichtig. ' Bei der Bedeutung der Sache geben wir aus den Verhandlungen vom 23. und 25. d. M. die auf die jüdischen