Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, l,Juni 1906. 70. Jahrgang. No. 22. Allgemeine Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Re-akierir: Gustav Tta.rpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson, Vbrlgzs-Lxpeäition: verlill.lviU8SlWer5tr.4K/4S. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der «Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Dir Juden in der Zeichsdums. Berlin, 30. Mai. ie erste russische Volksvertretung tagt schon seit drei Wochen, und mit berechtigter Spannung schaut jetzt alle Welt nach der Hauptstadt des großen Zarenreiches, wo eine neue geschichtliche Epoche ihren Anfang nimmt. Anch wir Inden folgen mit großer Teilnahme den Vorgängen an der Newa, da doch von ihnen das Schicksal von fünf bis sechs Millionen Juden abhängt. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, daß unseren Glaubensgenossen in Rußland das aktive und passive Wahlrecht für die Reichsduma zugestanden worden ist, obwohl ihnen das Bürgerrecht noch vorenthalten blieb. Wie es jetzt feststeht, sind im ganzen 12 Juden in die Duma gewählt worden, und zwar je einer in de» städtischen Wahlkreisen Petersburg, Wilna und Mitau, je zwei in den Gouvernements Kiew und Grodno, je einer in den Gouvernements Minsk, Witebsk, Kowno, Poltawa und Jekaterinoslaw. Indessen entspricht diese Zahl noch keineswegs dem Zahlverhältnis der jüdischen Bevölkerung in Rußland. Das Wahlgesetz begünstigt eigentlich die Juden noch mehr, ohne daß freilich behauptet werden dürfte, daß dies in der Absicht der Regierung lag. Wenn trotzdem die Zahl der jüdischen Abgeordneten auf 12 beschränkt blieb, so ist dies durch zwei Umstünde zu erklären. In den 10 Gouvernements des Weichselgebietes, wo mehr als 1'4 Millionen Inden wohnen, und wo sie etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist durch die Wahlkorruption der Polen und durch den von ihnen geübten Terrorismüs auch nicht ein einziger Jude gewählt worden, an den anderen Teilen Rußlands mit starker jüdischer Bevölkerung ist es leider vorgekommen, daß die Juden selbst durch Uneinigkeit und Ungeschick die Wahl jüdischer Abgeordneter vereitelt haben, so z. B. in den Gouvernements Mohilew und Podolien. In dem zuerst genannten Gouvernement ürste übrigens die Wahl von der Duma annulliert werden. Bleiben wir zuerst bei den Vorgängen in Polen. Was da geschehen ist, spottet aller Beschreibung. Es ist jedenfalls geeignet, überall die Sympathien für die Polen, die. unaufhörlich über Unterdrückung klagen, tief herabzudrücken. Auch nicht ein einziges Mandat wollten sie den Juden zukommen lassen; ja, sie erklärten es rundweg für eine große Anmaßung, >venn die jüdischen Wähler sich zahlreich an der Wahl beteiligen wollten, um, wo sie in der Mehrheit waren, ihre eigenen Kandidaten durchzusetzen. Für diesen Fall drohten sie mit Pogromen. Außerdem verfuhren sie eigenmächtig und strichen einfach eine große Zahl jüdischer Wähler von der Liste. Im Gouvernement Lomscha hatten die Inden eine Mehrheit von etwa 30V Stimmen. Flugs wurden etwa 600 jüdische Wähler aus der Liste gestrichen, und die polnische Mehrheit war gesichert. In der Stadt Lodz verbanden sich die polnischen Klerikalen, die sich überall „Nationale" genannt haben, mit den Deutschen, um das Mandat einem Antisemiten zu verschaffen. Es ist zu hoffen, daß diese „polnische Wirtschaft", die wir seit Jahren aus Galizien kennen, in der Reichsduma zur Sprache gebracht werden und durch diese ihre Korrektur finden wird. Es wird auch voraussichtlich nicht dabei sein Bewenden finden, daß die polnischen Schlachzizen in Schitomir öffentlich Stimmen erkauft haben, nm so die Wahl jüdischer Abgeordneter zu verhindern. So traurig diese Vorgänge in Polen waren, um so erfreulicher zeigte sich das Wahlergebnis im eigentlichen Rußland. Vor allem ist man angenehm davon überrascht, daß die Liberalen einen so großen Sieg errungen haben. Selbst die Bauern, von denen es iminer hieß, sie würden sich von den Regierungsbeamten an der Leine führen lassen, und daß sie namentlich gegen die Juden von großer Feindseligkeit beseelt seien, selbst sie haben gezeigt, daß sie an die Vorsehung der Tschinowniks absolut nicht mehr glauben. Alle antisemitischen Verlockungen prallten an ihnen ab, und in mehreren Gouvernements sind Juden nur dadurch gewählt worden, daß die bäuerlichen Wahlmänner es für gerecht hielten, eitrige Mandate auch der jüdischen Minderheit einzuräumen. Sie erklärten auch, daß sie die Scheidewand zwischen Mensch und Mensch nicht aufrecht halten wollten; die Juden seien schlechter daran als sie, weil die Juden ebenso arm sind wie die Bauern und rnehr geplagt werden als sie. Alle Mittel und Mittelchen, durch die der gewesene Minister Durnowo im buchstäblichen Sinne des Wortes Bauernfang zu treiben versucht hatte, sind völlig mißlungen. Man kann es als eine feststehende Tatsache bezeichnen, daß die Autorität der Regierung vollständig zusammengebrochen ist. Auch ihre Methode, den Zorn des gepeinigten Volkes auf die Juden abzulenken, verfängt nicht mehr. Die wenigen Antisemiten, welche den Weg in die Reichsduma gefunden haben, hat nicht etwa das Volk, das heißt die bäuerliche Bevölkerung, mit einem Mandat betraut; sie sind vielmehr nur die Vertreter der von der Polizei organi» sierten Hooligans und des gutgekleideten Pöbels in Lodz und Jekaterinoslaw. Alle anderen Großstädte, selbst Kischinew, haben durchaus liberal gewählt. Die jüdischen Abgeordneten in der Duma bilden ein kleines Häuflein. Dazu kommt noch der Umstand, daß nur zwei oder drei von ihnen als Juden, d. h. in Wahlkreisen mit überwiegend jüdischer Bevölkerung gewählt worden sind. Die anderen verdanken ihre Wahl ihrer Zugehörigkeit zur demokratischen Partei, zu den sog. Kadetten. Diese Partei hat allerdings in ihr Programm die Gleichberechtigung aller