Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 21 (2.5.1906)
- Date
- 1906-05-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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-- 2 —— unsere liberal gesinnten Brüder, die am meisten .unter dieser Zersetzung leiden, sich längst eine Organisation geschaffen, welche die Erhaltung des Judentums zum Ziele hat. Nach unserer Auffassung liegt der Schwerpunkt des Judentums nicht in der Synagoge, sondern im Hause. Die Worte: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" die in großen, goldenen Buchstaben über den Pforten unserer Gotteshäuser prangen, beziehen sich in Wahrheit aus unsere Wohnräume, die auch tatsächlich ein Heiligtum, des Herrn gewesen, solange sie noch so klein und eng waren, wie im Ghetto. Als jedoch unsere Häuser iuuner größer wurden, da war mit einmal in ihren Mauern kein Raum mehr für das Judentum. Es wurde aus den Wohnungen verdrängt und in die Synagogen verbannt, in deren kalter Pracht es zu erfrieren droht. „Da Israel seines Schöpfers vergaß, baute es Tempel" (Hosea 8,14). Das war eilt verhängnisvoller Fehler, der sich bitter gerächt hat. Wir aber, die nur uns glücklicherweise in dem alten Hause, das die Jahrtausende hindurch allen Stürmen getrotzt hat, noch wohl und heimisch fühlen, wir wollen in ihm wohnen bleiben; wir wollen es. schützen und verteidigen, wie es uns bisher Schutz und sicheres Obdach gewährt hat. Wir erblicken in dem überhandnehmenden Abfall, den nicht einmal der Antisemitismus aufzuhalten vermag, die verheerende Wirkung eines unabwendbaren Naturgesetzes, des Gesetzes der Wahlverwandtschaft, und sind daher überzeugt, daß diese schmachvolle Fahnenflucht, diese traurige Zersetzung nicht eher zum Stillstand kommen wird, als bis die Verbindung aller im Judentums vereinigten Elemente eine so innige geworden ist, daß keine noch so starke Anziehung eines fremden Elementes imstande sein wird, diese Geistesverwandtschaft zu überwinden. Eine solche Verbindung läßt sich aber nicht durch das bloße Schema Herstellen. Dazu gehört das Weohawtu, eine vor keinem Opfer zurückschreckende Liebe zur Religion. Und um eine solche zu erwecken und wach zu halten, bedarf es des Wehoja im- Schomea, einer unablässigen Selbsterziehung durch Gehorsam gegen die Forderungen des ererbten Judentums. Darum glauben wir auf dem rechten Weg zu sein, wenn wir das hohe, auch von den Liberalen verfolgte Ziel der Erhaltung des Judentums dadurch zu erreichen hoffen, daß nur uns um die Fahne des überlieferten Judentums scharen. Unsere liberalen Brüder müssen sich freuen und uns Dank wissen, daß wir auf einem anderen Wege als sie dem gemeinsamen Ziele entgegenstreben. Erreichen sie es nicht, .vielleicht sind wir glücklicher. Freilich sind wir nur gering an Zahl, aber es war ja stets das Schicksal Israels, in der Minderheit zu sein : „Li attern, harn’at." Was uns an Zahl und Einfluß abgeht, das müssen wir durch Einigkeit und Tatkraft ersetzen, zwei Eigenschaften, die von jeher lieber im engen Kreise als in der großen Menge gewohnt haben. Denken wir an das Wort des Propheten: „Nicht durch die Größe des Heerbannes und nicht durch die Macht des Ansehens, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen." An der lebhaften Debatte beteiligten sich die Herren Friedmann, Karfunkel, Chaim, Tr. Wechseln!ann, Casper, Dr. Lewy und Wedelt. In seinem Schlußwort beleuchtete Dr. Baneth oie besonderen Aufgaben des Vereins, der nach seinen Satzungen „dahin zu wirken hat, daß die religiösen Einrichtungen der hiesigen jüdischen Gemeinde stets auf solcher Höhe stehen, daß sie von allen Mitgliedern ohne Bedenken benutzt werden können." Ter Redner wies auf einige Mängel hin, deren Beseitigung um so dringender zu wünschen wäre, als sie sich aus den wichtigsten Gebieten des Gemeindelebens fühlbar machen; in der Waisenpflege, in der Religionsschule, in der Stellung des Rabbinats. In den Waisenhäusern müsse daraus geachtet werden, daß die Zöglinge nicht nur in der Anstalt selbst am Sabbat weder Schulnoch Handarbeiten verrichten, sondern auch in der Schule die Heiligkeit des Tages ernst verletzen. Die von der Gemeinde unterhaltenen Religionsschulen stehen mit wenigen Ausnahmen auf liberalem Boden. Wenn aber die Freunde dieser Richtung beanspruchen, daß ihre Kinder durch den Religionsunterricht in keinen Konflikt mit dem Elternhause gebracht werden, so könnten die Konservativen mit gleichem Rechte dasselbe verlangen. Ist die Gemeinde nicht imstande, die erforderliche Anzahl von Religionsschulen zu errichten, sollte sie doch wenigstens den verschiedenen Synagogenvereinen, insbesondere den weniger leistungsfähigen, die mit großen Opfern dem Bedürfnis abzuhelfeu sich bemühen, durch weitherzige Unterstützung das Leben etwas leichter machen. Was würde man von einem Magistrat denken, der die stiefmütterliche Behandlung einzelner Stadtteile damit rechtfertigen wollte, daß diese weniger Steuern aufbringen als die bevorzugten. Fast noch wichtiger als die Religionsschule ist eine seiner Bedeutung angemessene Stellung des Rabbinats. Was nützen die vollkommensten religiösen Einrichtungen, wenn sie nicht unter der Botmäßigkeit der allein zuständigen Aufsichtsbehörde stehen? In vielen preußischen Gemeinden hat der Rabbiner ein vertragsmäßiges Vetorecht insofern, als ohne seine Zustimmung keine kulturellen Neuerungen eingeführt werden dürfen. Dieses Recht ist freilich ein Messer ohne Stiel und ohne Klinge, denn der Vorstand kann den Rabbiner nach Ablauf der Vertragsfrist entlassen und bis zur Wahl des Nachfolgers seine Neuerungen durchsetzen. Immerhin ist der Zustand noch erträglicher als das in der Berliner Mustergemeinde zulässige Verfahren. Hier ist der Vorstand auch in religiösen Fragen souverän. Das.Nabbinat hat kaum eine beratende Stimme. Es braucht nicht gefragt zu werden, und wird es gefragt, braucht sein Gutachten kein Gehör zu finden. Auch über die Anstellung der Rabbiner auf dem leider nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Inserats ließe sich noch manches sagen. So schloß der Redner; aber das Angeführte dürste genügen, um darzutun, welch große und bedeutsame Aufgaben dieses Vereines harren. s. Berlin, 20. Mai. Das zehnjährige Jubiläum der Frauen-Vereiniguug des Humanitätsvereins Gewul Tauw gestaltete sich zu einer erhebenden Festlichkeit. Der große Saal der Gesellschaft der Freunde vermochte kaum die Zahl der Mitglieder, Freunde und Gönner dieser Vereinigung zu fassen, die alle gekommen waren, um an diesem Feste teilzunehmen und sich der errungenen Erfolge des Vereins und der ihm heut zuteil werdenden Ehrungen zu ersreuen. Unter den feierlichen Klängen eines Präludiums wurden die Deputationen gleichstrebender Vereine, unter, denen viele mit ihren Vereinsbannern sich eingefunden, in den Saal geleitet und in einer warmen Ansprache von Herrn Siegfried Köttner begrüßt. Ein von der Konzertsängerin Frl. Henriette Gottlieb mit weicher, sympathischer Stimme sehr ausdrucksvoll gesungenes' Hallelujah leitete zu den Festreden hinüber, deren erste die Vorsitzende der Vereinigung, Frau Henriette David, hielt. Rednerin gedenkt des überaus bescheidenen Anfangs dieser Vereinigung, zu der sich vor zehn Jahren zwei Herren und sechs Damen in dem Bestreben zusammengefnnden hatten, Hand in Hand mit dem Bruderverein Gewul Tauw Krankheit und Not unter unseren Glaubensgenossen zu lindern. Unglückliche zu trösten, vernichtete Existenzen wieder aufzurichten. In den zehn Jahren ihres Bestehens habe die Vereinigung 20282 Mark für humanitäre Zwecke verausgabt. Dies seien zwar nur trockene Zahlen, aber sie sprechen eine beredte Sprache, denn viele Tränen seien damit getrocknet, viel Not und Elend gemildert worden. Nednerin schließt mit der Versicherung, auf dem betretenen Pfade nicht stehen bleiben, sondern vorwärts schreiten zu wolleir, da mit dem stetig wachsenden Verein immer neue Ausgaben der Erfüllung harren. Sodann erstattete Herr Hermann Hirsch den Rechenschaftsbericht. Er gab einen kurzen historischen Rückblick auf die stete Entwicklung der Vereinigung, die mit einem Stiftungsfonds von 31 Mark ihr humanitäres Ziel begonnen, schon im ersten Jahre ihrer Begründung 176 Mitglieder sich erworben und nunmehr auf die stattliche Zahl von 815 Mitgliedern blicken kann. Redner gedenkt mit warmen Worten der aufopfernden Tätigkeit der Vorstandsdamen im Dienste der Nächstenliebe und schließt mit dem Appell,'die Ideale wahrer Humanität hoch zu halten, um späteren Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild zu bleiben. Nach einem Gesang des Herrn' Dallmann folgt hieraus die Festrede des Herrn Ludwig Rieß, der in poetischen Worten die idealen^Zestrebungen des Vereins pries, in pietätvoller Weise des verstorbenen ersten Vorsitzenden und Begründers des Vereins Gewul Tauw, Herrn Gustav Michaelis, gedachte und zum Schluß Gottes Segen zur ferneren Entwicklung der Vereinigung erflehte. In langer Reihenfolge überbrachten alsdann die Deputierten der Wohlfahrtsvereine ihre Glückwünsche. Namens des Gewul Tauw-Vereins wurde dem Schwesternverein eine von Herrn Königsberger gestiftete silberne Präsidentenglocke überreicht. Mit einem wirkungsvollen Schlußwort seitens des Herrn Köttner,