Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 21 (2.5.1906)
- Date
- 1906-05-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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70. Jahrgang. No. 21. Berlin, 25. Mai 1906 Der Gemrindevote. Dell»ge zur „Allgemeinen Leitung drK IudentumK". korrklpondknrkn und Oachrichtrn. Deutschland. 8. BerLirr, 20. Mai. Zum geschäftlichen Teil der heutigen Repräsentanten-Versammlung gibt der Vorsitzende Louis Sachs die Mitteilung des Gemeindevorstandes bekannt, wonach der Regierungspräsident in Potsdam im Einverständnis mit dem Polizeipräsidenten durch Verfügung vom 4. Februar verschiedene Ortschaften des Kreises Teltow und Niederbarnim, deren Namen wir bereits früher mitgeteilt haben, dem Synagogenbezirk Berlin angegliedert hat. Auf Wunsch einiger Mitglieder der Versammlung findet eine Besprechung dieser Mitteilung statt. Rechtsanwalt Tr. Cohn beantragt, die Angelegenheit dem Ausschuß III wegen ihrer prinzipiellen Wichtigkeit zu überweisen, wenngleich auch gegen die Verfügung, zu welcher der Regierungspräsident laut Statut der jüdischen Gemeinde befugt ist, nichts unternommen werden könnte. Direktor Dr. Minden moniert, daß der Gemeindevorsland über den Kopf der Repräsentanten-Versammlung hinweg die Angelegenheit erledigt hat, und wünscht ebenfalls Kommissionsberatung zur gründlichen Erörterung der Verfügung nach allgemeinen organisatorischen Gesichtspunkten. Herr H irs ch stimmt gleichfalls der nochmaligen Beratung zu; er fürchtet, daß, wenn einmal erst ein Groß-Berlin entstanden wäre, für die Gemeindeverwaltung außerordentliche Lasten entstehen werden. Syndikus Lilien thal weist darauf hin, daß es sich innerhalb der festgesetzten 15 Kilometer-Zone nur um die Eingemeindung der in der Verfügung genannten Ortschaften handle, und hebt hervor, daß die Berliner Gemeinde ein gewisses nobile officium habe, für die Glaubensgenossen in den Vororten zu sorgen. Die Vorlage wird alsdann antragsgemäß dem Ausschuß überwiesen. Zwei Zuwendungen der Eheleute Jacob und Therese Moritz geb. Schier im Betrage von 5000 Mark zugunsten der Armenkommifsion und von 4000 Mark für Graberhaltungszwecke wurden angenommen, ebenso ein Legat des Herrn Rudolf Mosse im Betrage von 10 000 Mark an das Hospital zur Errichtung einer Rudolf und Emilie Mosse-Bettstistung. Der Abschluß betr. die Einnahmen und Ausgaben für die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen im Jahre 1905 wurde genehmigt und die Mehrausgabe nachbewilligt. Herr Weinberg ist der Ansicht, daß die Einnahmen und Ausgaben für diese Festgottesdienste nicht recht in Einklang stehen und bittet deshalb, das gesamte Material einmal der Kommission für die Festgottesdienste zu überweisen. Herr Julius Jacoby gesteht zu, daß ein gewisses Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben vorhanden sei. doch ist nach seiner Ueberzeugung eine Herabminderung der Ausgaben unmöglich, urkd die Gemeindeverwaltung hat die Pflicht, Herrn Willibald Loewenthal für die große Mühewaltung und die zweckmäßige Auswahl der Räume für diese Gottesdienste recht dankbar zu sein. Herr Hirsch weist darauf hin. daß betreffs der Einnahmen die Ueberweisung von tausenden unentgeltlicher Plätze an die Armenkommission in Rücksicht gezogen werden müsse; die Bilanz bei einigen Lokalen sei auch deshalb ungünstig, weil bei ihnen im vorigen Jahre die Einrichtungskosten zum erstenmal vorhanden waren. Herr M a n h e i m e r hält für die Festgottesdienste nicht die Ausgaben für maßgebend, sondern hauptsächlich den Besuch und die Würdigkeit des Gottesdienstes. Er kommt aus den von ihm schon mehrfach vorgebrachten Wunsch zurück, endlich einmal den unzeitgemäßen und unwürdigen Verkauf der Alijoth einzustellen und die Mizwoth nur den würdigsten Gemeindemitgliedern zukommen zu lassen. Die Herren-Weinberg und Maurermeister Fränkel halten diesen Wunsch für undurchführbar; sie wollen den einzelnen Besuchern nicht das Recht genommen wissen, eine Alijo zu verlangen und sind der Ansicht, daß der Shnagogenvorsteher durch den Verkauf der Alijoth, der allerdings nur unwesentliche Einnahmen bringe, entlastet wird. Justizrat Simon und Rechtsanwalt Cohn bitten ebenfalls, den bisherigen Modus bestehen zu lassen. — Die Ausgabe zur Pessachbeköstigung der Strafgefangenen in Schneidemühl wird debattelos bewilligt, ebenso die Ausgabe von 925 Mark zur Anschaffung eines eisernen Schrankes für die Steuer-Einziehungsstelle. Mit der Mietung des großen Saales des Langenbeckhauses zur Veranstaltung von Festgottesdienst erklärt sich die Versammlung einverstanden: der kleine Saal, in welchem bisher Jugendgottesdienst stattfand, ist nicht wieder gemietet worden. Statt dessen ist zu diesem Zweck der Saal vom Handwerkerverein genommen worden. — Die Inkassos der Friedhofskommission werden versuchsweise bis zum Höchstbetrage von 10000 Mark der Berliner Paketfahrtgesellschaft überwiesen. Die Paketfahrt wird einem Wunsche des Ausschusses zufolge ersucht werden, von der Einziehung der Gelder am Sonnabend möglichst Abstand zu nehmen. — Der aus hygienischen, erziehlichen und unterrichtlichen Gründen geforderte Teilung der VIII. Klasse der Knabenschule wird genehmigt. Auch die Teilung der VI.—VIII. Klasse der Mädchenschule ist geplant, zunächst steht die Teilung der VIII. Klasse zur Verhandlung. Die Debatte hierüber wird in der öffentlichen Sitzung nicht zu Ende geführt, da Herr Weinberg die Ueberweisung der Vorlage in die geheime Sitzung beantragte. Die Annahme der Vorlage erscheint jedoch gesichert. Bei der Neuteilung der Klassen sollen nach Möglichkeit feste Lehrkräfte, keine Hilfslehrer angestellt werden. — In den Schul- und Talmud'Thora-Vorstand wurde alsdann noch Herr Joseph Mayer, in den Vorstand der Alterversorgungsanstalt Herr Justizrat Dr. Kronfeld gewählt. Mit der Bewilligung zweier Umzugskostenentschädigungen im Betrage von .-.884,20 Mark und 30 Mark schloß die Sitzung. 8. Berlin, 21. Mai. Herr Moritz Manheim er, der, wie wir berichteten, am 1. Mai fern von Berlin in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag feierte und aus diesem Anlaß aus allen Kreisen der Gemeinde, von nah und fern, zahlreiche Glückwünsche erhielt, hat auf die Glückwünsche der Gemeindebehörden folgende Antwort gesandt: „Wiederum haben Sie die Reihe der Ehrungen, die Sie mir in so wohlwollender Weise schon wiederholt zuteil werden ließen, durch ein neues Blatt verschönt. Ihre Glückwünsche zu meinem 80. Geburtstage und daß Sie beschlossen haben, zum dauernden Gedächtnis dieses Tages an heiliger Stätte in der Neuen Synagoge ein „Porauches" zu stiften, erfüllen mich mit hoher Freude und gerechtem Stolz! Gerührt und tief bewegt sage ich Ihnen, den Herren des Gemeindevorstandes und meinen Herren Kollegen der Repräsentantenversammlung meinen herzinnigsten Dank! Aber auch Dank sage ich dem Allgütigen, daß es mir vergönnt ist, noch bis zu meinem 80. Jahre im Dienste unserer Gemeinde tätig zu sein und meine, wenn auch nur schwachen Kräfte meinen Aemtern widmen zu können." 8. Berlin, 10. Mai. Am 8. d. M. fand hier im „Altstädter Hof" eine öffentliche Versammlung des neu begründeten „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" statt. Nachdem Herr S. Wedell die zahlreich erschienenen Damen und Herren begrüßt hatte, erteilt er Herrn Dr. Baneth das Wort zu dem angekündigten Vortrage über Ziele und Zwecke des Vereins. In etwa halbstündiger Rede führte dieser ungefähr Folgendes aus: „Die Berührung mit der christlichen Kultur hat gegen Ende des 18. Jahrhunderts in vielen Köpfen eine unheilvolle Verwirrung angerichtet, deren Folgen noch heute nicht ganz überwunden sind. In wenigen Jahren war damals ein ansehnlicher Teil der Berliner jüdischen Gemeinde zum Christentum übergetreten. Seitdem ist vieles besser geworden. Man hat inzwischen erkannt, daß im Judentum nicht alles Schatten, im Christentum nicht alles eitel Licht und Sonnenschein ist. Man weiß heute schon, daß das Beste, was die Evangelien enthalten, rabbinische Weisheit ist, die sich ebenso lauter in dem verlästerten Talmud findet. Nichtsdestoweniger ist die schwere Krisis noch immer nicht Überstunden' wie die erschreckende Zahl von Taufen und Mischehen beweist, die wir jahraus jahrein zu beklagen haben. Um dem Abfall zu steuern, haben