Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 21 (2.5.1906)
- Date
- 1906-05-02
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Dabei stürzten die Tränen aus Mendeles Augen, und mit bebender Stimme fuhr er fort: „Es liegt ein tiefer Sinn in diesem Ausspruch. Die Thora ist unzerstörbar. Man kann ihr äußeres Gefäß, das Pergament, vernichten, aber ihr Inhalt, ihre Moral, ihr Geist bleibt für alle Ewigkeiten!" * * * Es war in den Omertagen. Die russischen Hooligans begannen in der Stadt zu wüten und bald brach eine Revolte aus. Teuflische Mordgesellen stürzten sich auf die Juden, raubten und plünderten ihr Hab und Gut, mordeten die Männer und marterten Frauen und Kinder. Die Bestie im Menschen regte sich, und sie war nicht mehr zu bändigen. Die Bestie im Menschen war entfesselt und — „wehe, ivenn sie losgelaffen!" Greueltaten geschahen, wie sie in den finstersten Zeiten deS Mittelalters Glicht schauderhafter verübt worden waren. Schon hatte die entmenschte Meute ihre Raub- und Mordgier an den Juden gestillt, als ihre verruchten Anführer die Parole ausgaben: Auch das geistige Gutder Juden soll ver-. nichtet werden! Flugs stürmte die Bande in die Synagoge ... Mendele, in Talles und Tefillin gehüllt, beendete eben sein Gebet. Er sprach die dreizehn Glaubensartikel: „Ich glaube fest und unerschütterlich, daß die Lehre wahr ist . . >• Da standen sie vor ihm, die wilden Bestien in Menschengestalt. „Gib die Thora her, alter Jude!" Und Mendele kämpfte mit aller Kräfte Aufwand, mit aller Macht und Stärke. Der alte, schwächliche Jude ward ein Schimschon Hagibbor, ein Juda Makkabi. Er, der-einzelne, kämpfte gegen eine ganze Räuberschar. Nicht sein Leben wollte er retten, er wollte die Entweihung des Allerheiligsten von ftecher Frevlerhand verhindern. Eine längere Zeit gelang es ihm, sie von der heiligen Bundeslade fernzuhalten. Doch bald verließen ihn die Kräfte und er stürzte, von einem mächtigen Hieb getroffen, blutüberströmt zu Boden. „Menschen," röchelte er, „es ist das Allerheiligfte!" Wenn es „Menschen" gewesen wären! Er versuchte, sich abermals zu erheben, aber ein zweiter, wuchtiger Stoß mit einem Eisenstabe schmetterte ihn zu Boden. Er wälzte sich in einer Blutlache und rang im Todeskampf. Noch einmal schlug er die Augen auf und — welch Entsetzen! — vor seinen Füßen lagen die Thorarollen in Stücke gerissen. So ward der Märtyrerverehrer selbst zum Märtyrer. Als man ihn später nach' Hause brachte, waren seine letzten Worte: „Das Pergament" ist vernichtet, die Bibel bleibt ewig; der Jude stirbt, das Judentum lebt!" Zum Offenbaniiiösfeste. eglückende, befreiende Kunde, Die mit dem Wonnemonat kam, Die, kommend mit der Morgenstunde, Das Dunkel von dem Menschen nahm! — Wenn Sonnenstrahlen treulich wecken Zur Auferstehung die Natur, Sie suchen unter starren Decken , Die eingesenkte Lebensspur. Von Gustav Steinert. Und Flammen fielen, die noch zünden, Vom Horeb zur geweihten Zeit; Sie lösten, wie der Strahl in Gründen, Im Menschen die Ursprünglichkeit. »Den Himmel nicht mutzt, du ersteigen „Nach meinem Wort, ziehen übers Meer, „Es lebt in dir, es ist dir eigen; „Verstehe dich und dein Begehr!"! Entsendet war, daß es entbrenne. Das Ideal, das ewig gilt; Im Lichte Gottes sich erkenne Das reine Gottesebenbild. Glückselig Volk, du kannst nicht wanken Mit dem Gesetz für alle Zeit, In Werken, Worten und Gedanken Gestützt, geleitet und geweiht! Nicht Menschenwitz und nicht das Eisen I Wie magst du den Beglücker preisen, Ten Frieden schafft und seine Macht. > .Der einst am Horeb dein gedacht! Sprechsaal. An die geehrte Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Berlin. "^n der Beilage Nr. 16 d. I. zu Ihrer geschätzten Zeitschrift brachten Sie die Mitteilung, daß Herr Dr. Jacob in Dortmund einen Ruf nach Wien als Professor an der israelitisch-theologischen Lehranstalt und Nachfolger des als Direktor des theologischen Seminares nach London berufenen Professor Büchler erhalten hat und daß derselbe, wie Sie hören, dem Rufe nicht folgen wird. In Richtigstellung dieser Mitteilung beehrt sich das gefertigte Kuratorium, Ihnen bekannt zu geben, daß bis nun eine Berufung eines Nachfolgers des Professors Büchler an die hiesige israelitischtheologische Lehranstalt überhaupt nicht erfolgt ist. Wien, am 7. Mai. Hochachtend Das Kuratorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. 'Litersrilche Mitteilungen. — Der Roman ^Ein Kampf ums Recht/ von Karl Emil j Franzos ist soeben im Verlage der I. G. Cottaschen Buchhandlung I in fünfter Auflage (2 Bände) erschienen. Die Dichtung, ein erschütterndes Seitenstück zu „Michael Kohlhaas", gehört zu den bedeutendsten Schöpfungen der deutschen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts; sie wirkt heute noch ebenso frisch und lebensvoll, wie vor etwa einem Vierteljahrhundert. Die neue fünfte wird voraussichtlich nicht die letzte Auflage dieses Meisterwerkes des allzu früh dahingegangenen Franzos sein, über das kein Geringerer als W. E. Gladstone, der große englische Staatsmann und Schriftsteller, der eine Uebersetzung des Werkes in England eingeführt hat, seinerzeit schrieb: „Der Roman gleicht einem Gemälde, das von Licht und Luft strotzt. Ein Dichter, wie dieser, eröffnet und erfrischt die tiefsten, reinsten und innersten Quellen unserer Natur." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.