Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 21 (2.5.1906)
- Date
- 1906-05-02
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ nicht möglich umr und nie möglich sein wird? kleinen Sie, oaß es ein bloßes Phantom war, um das Israels Männer und Frauen sich zu Hunderttausenden hinschlachten liehen, da sie doch durch ein einziges Wort sich das.Leben und noch dazu die Ehren und Annehmlichkeiten des Lebens sichern konnten? Ist Ihnen gar nichts das felsenfeste Vertrauen, mit welchen! heute noch die russischen Juden in dem Höllenpfuhl ihres Vaterlandes das lebensgefährliche Odium ihres Judentums weiterschleppen?. Gar nichts die hoffnungsvolle Zuversicht, mit der wir deutschen Juden um die uneingeschränkte Gewährung unseres vollen Rechtes ringen, ohne den bequem-verächtlichen Weg der feigen Apostaten einzuschlagen?' Ja, muß nicht Ihr eigenes Buch Sie lehren, daß Israel nicht umsonst auf seinem einsamen Wege beharrte, indes ringsum der neue Glaube, das „Christentum", die Welt eroberte, daß Israel Recht hatte, als es die tausend und abertausend Versuchungen mit stolzem Mute von sich wies? War es nun Starrsinn, war es Trotz, der uns den alten Glauben festhalten ließ? Wo ist nun der berühmte Fluch, der auf Israel lasten soll? Nun — nicht wahr? — nun wird uns die Menschheit die Krone des Segens zuerteilen! Denn: Was Sie aus dem Christentum als unchristlich Hinausweisen, was Sie als Menschenzusatz, als entstellende Ueberwucherung ablehnen, die Dreieinigkeit, die Erbsünde, die Gottessohnschast, das stellvertretende Sühneleiden, überhaupt das ganze überlieferte christliche „Glauben" — das lehnen wir schon längst ab, demgegenüber sind wir ein einziger zweitausendjähriger, lebendiger Protest! Das aber, was übrig bleibt, das Hohe und Große, das „heilige Land" des Kai Jans, das ist jüdisch, urjüdisch, und das; es dies ist, konnten Sie durch Vertiefung in die jüdischen Quellen und durch das Studium der jüdischen Wissenschaft erfahren. Und da Sie es erfahren konnten — mußten Sie es nicht? Gestatten Sie mir eine ganz kurze, gedrängte Erläuterung! „Hohe göttliche Würde und Wert jeder Menschenseele?" Vermochte diese Wahrheit klarer und mit deutlicherer Umfassung all ihrer Konsequenzen ausgesprochen werden als in dem alttestamentarischen Wort von der Schaffung des Menschen im Ebenbilde Gottes? Jeder, der Menschenantlitz trägt, ein Abbild göttlichen Wesens! Jeder der Bewahrer eines Funkens vom Feuer der göttlichen Sonne! Um dieses Funkens willen konnte schon der Psaluisänger vom Menschen sagen, er sei göttlichen Wesen um ein weniges nachgesetzt und mit Herrlichkeit und Würde gekrönt, konnten talmudiiche Weise behaupten, jeder Mensch wiege die ganze Welt auf, nur jedes einzelnen willen sei die ganze Welt erschaffen worden. Würde und Wert jeder Menschenseele? Wenn wir Juden des Morgens nach dem Erwachen uns zu neuem Wirken rüsten und uns zuvor Kraft für dieses Wirken im Gebete suchen, dann bringen wir uns in erster Linie das Wesen unserer Seele zum Bewußtsein, und als erstes Bekenntnis tritt auf unsere Lippen das Wort: „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben, ist rein. Du hast sie geschaffen. Du sie gebildet, Du sie mir eingehancht und Du bewahrest sie in rneinem Innern —" „Die Güte und Nähe der ewigen Macht?" Unerschöpflich geradezu darf der Schatz von Lehren bezeichnet werden, in denen die jüdischen Schriften diese zweite Ihrer Grundwahrheiten ausgesprochen! Ob Moses lehrt: „Kinder seid Ihr dem Ewigen, eurem Gotte", ob der Psalmsänger jauchzt: „Die Liebe Gottes hört nicht auf und seine Barmherzigkeit schwindet nie. Mit jedem Morgen wird sie neu, ja, groß ist Deine Treue, o Gott", ob der Prophet tröstet: „Mögen auch Berge weichen und Hügel wanken, meine Liebe wird nicht von Dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht Dein Erbarmer, der Ewige", ob die talmndischen Weisen das Gebot „Gott uachzuwandeln" auf die Pflicht des Menschen deuten, „gütig und barmherzig zu sein, wie Er es ist", — immer ist es die „ewige Macht", deren „Güte und Nähe" im Mittelpunkt der Lehre steht. Mit Recht nennen Sie in Ihren: „Schlußwort" die Religion die tiefste, welche bekennt: „Ich will Gott, meinen Herrn lieben aus meinem ganzen Herzen, aus meinem ganzen Denken und aus uieiner ganzen Kraft, und meinen Nächsten als mich selbst!" Ist Ihnen bekannt, daß wir Juden zweimal täglich jenes Bekenntnis tiefinniger Liebe zu Gott im Gebete oblegen? Nein? Um jo bekannter dürfte es Ihnen sein, daß das 250 - Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" sich in nuferer Thora, Leviticus XIX, 18, findet, und daß Exodus XI, 2. selbst der Aeghpter, der Feind und Bedrücker, mit dem. Namen „Nächster" bezeichnet wird! Und endlich: „Ein wunderbar hohes Ziel der Menschheit, das Reich Gottes?" Wer hat die Herankunft dieses Zieles mit majestätischerer Zuversicht ausgesprochen als die Propheten Israels? Sie wußten, daß in dem Worte von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen auch die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes klar gelehrt wird. Sie wußten, daß schon einem Abraham Segen für alle Geschlechter auf Erden verheißen wurde. Sie sahen das Göttliche in der Menschheit in ewigem Fortschritt und in steter Entfaltung. Mitten in tiefster Erniedrigung schauten sie mit ihrer Seele den leuchtenden Tag, wo alles Trennende wird geschwunden sein aus der Menschheit Mitte, wo Krieg und Feindschaft aufhören, wo man nichts Böses und Verderbenbringendes mehr üben wird, weil die ganze Erde voll sein wird von der Erkenntnis Gottes, voll wie das Meer von seinen Fluten! Dieses „Reich Gottes'" erstehen wir Juden, wenn wir an den heiligsten Tagen unseres religiösen Jahres, am Neujahr- und Versvhnungstag, vor Gott hintreten. Da beten wir: „Gib, o Gott, die Furcht vor dir auf alle deine Werke und die Scheu vor dir auf alles, was du geschaffen hast, daß alle Geschöpfe dich ehrfürchten und sich vor dir anbetend alle Wesen niederwerfen, daß sie alle zu einem Bunde werden, um deinen Willen mit ganzem Herzen zu tun" — „die Gerechten werden es schauen und sich freuen, die Redlichen werden jauchzen, die Frommen in lautem Liede frohlocken, die Gewalttat wird ihren Mund verschließen, alle Bosheit wie Rauch gänzlich verschwinden, da du fortschaffest die Herrschaft des Uebermuts von der Erde —Ja, der Ausblick auf dieses „Reich Gottes" bildet den Schluß eines jeden unserer täglichen Gebete: „Bor dir, o Gott, werden alle sich beugen und der Herrlichkeit deines Namens Ehre geben, alle werden auf sich nehmen die süße Last deiner Herrschaft und du wirst über sie regieren auf ewig. An jenem Tage wirst du König sein über die ganze Erde, du einzig und dein Name einzig". Und nun, der harmonische Grundton für den heiligen Akkord Ihres Erlösungsgedankens: Sie vollziehen die Rückkehr zu den alten jüdischen Wahrheiten von Gott und Menschheit, von Frieden und Sittlichkeit, von Liebe und wahrhaftem innerem Seelenglück. Indem Sie diese Wahrheiten aus all den entstellenden Umkleidungen klar und blank herauslösen, sind Sie zu dein Propheten geworden, der die Weltmission des Christentums auf starken Schultern um eineu bedeutsamen Schritt weiter trägt. Bon der hohen Warte dieser Weltmission aus haben auch jene Einkleidungen, jene „Zeitlichkeiten und Jrrtümer". wie alles geschichtlich Gewordene, ihren Wert gehabt. Das Christentum sollte der Bote sein, der die reine Gottesidee nüt all ihren erhabenen Konsequenzen in die Nacht des Heidentums hineintrage. Der einzig-unsichtbare Gott der jüdischen Lehre wäre für die Heidenwelt unannehmbar gewesen, eine so gewaltige Distanz vermochte sie nicht zu überspringen. Darum mußte das Christentum ihr diesen Gott in — ich möchte sagen — etwas vermenschlichter Gestalt darbieten. Indem die Welt so „christlich" wurde, gewann zugleich die Umkleidung selbst den Charakter unverletzlicher Heiligkeit, das Gewand drohte dem lebendigen Körper zu erstickenda erhob sich die Wissenschaft und loste das beengende Gewand, und auf deu Boden, den die Wissenschaft gelegt, traten Sie und schufen ein Kunstwerk, aus dessen leuchtenden Zügen die Reinheit des Unendlichen strahlt, und, die alten jüdischen Wahrheiten in die Welt hinausrufend, bieten Sie der Menschheit das „heilige Land", nach dem sie lechzt, bieten ihr — jüdisches Land! Eine kleine Schar nur ist's, die Ihnen lauscht und jubelnd znstimmt. Die große Menge lehnt Ihr unerhört neues Wort ab und hält fest am Alten und — Veralteten. Noch lange werden Gewalt und Unrecht das Szepter führen, werden Lieblosigkeit nnd Selbstsucht die Unschuld ohne Erbarmen niedertreten. Lassen Sie erst die Menschheit, die ganze Menschheit, Staaten und Reiche nnd Fürsten und Könige voran, in Gesinnung und Tat aus dem Boden Ihres —