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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-02 · Heft 21 (2.5.1906) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 21 (2.5.1906)
Date
1906-05-02
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 krischen Form hat mich im innersten gerührt. Sie haben mir einen Genuß von jener reinen Art geboten, wie ihn sonst nur die Feierstunden des Lebens bringen. Sie sollen es wissen, daß Sie ihn mir boten. Danach verlangt meine Seele. Aber noch ein anderes ist's, was mir die Feder in die Hand drückt: das Bedürfnis nämlich, eine Frage an Sie zu stellen. Eine Frage, die zu stellen ich als Jude, und als Rabbiner zumal, mich berechtigt, ja verpflichtet glaube, und die zu beantworten Sie — ich fühle es — keinen Augenblick zögern werden. Haben Sie doch in Ihrem Kai Jans mit überwältigender dichterischer Kraft einen Wahrheitsucher gezeichnet, sich selbst — ist's nicht so? — als Wahrheitsucher gezeichnet! Mie sollten Sie da nicht ein offenes Ohr einer Stimme leihen, die dey harmonischen Grundton angeben möchte für den heiligen Akkord Ihres wahrhaft prophetischen Erlösungsgedankens? Denn diesen Grundton, der erst den Akkord selbst in seiner vollen, das Weltall durchdringenden Schönheit ertönen ließe, ihn habe ich aus Ihrem Buche nicht vernommen. Vergebens wartete ich seiner. Immer wieder glaubte ich: jetzt — jetzt muß er erklingen! Täuschung! Er kam nicht. Ich schloß das Buch. Der Mensch in mir jauchzte vor Entzücken. Der Jude in mir sprach bedauernd: „Schade!" Eine Frage, sagte ich. Im Grunde ist es nur eine. Aber sie wird sich in viele einzelne zerteilen müssen. Ich . beginne mit dieser: Wußten Sie nicht, daß das „heilige Land", welches Kai Jans nach langem, bangen Suchen findet, die Liebe zu den Menschen, die Güte des Herzens, das Gefühl unmittelbarer Gottesnähe und Gotteskindschaft, das Hinaufheben der Seele zu Gott, das Bewußtsein ihres unendlichen Wertes, der Glaube an ein wunderbar hohes Ziel der Menschheit, dieses „heilige Land", in dessen Bezirk der Mensch wie in seiner wahren Heimat auch erst des wahren inneren Glückes teilhastig wird und sich gerettet weiß vor den zerrüttenden Wirrnissen des Lebens, wußten Sie nicht, daß dieses „heilige Land" ein jüdisches Land ist? Daß seine ersten Entdecker, die ersten Verkünder seines Ruhmes und seiner wunderwirkenden Heilkraft Juden waren? Wußten Sie das nicht? Ich meine: Sie wußten es nicht. Sonst hätten Sie, der Wahrheitsucher, es nicht verschwiegen! Ich frage aber weiter: Mußten Sie es nicht wissen? Sie bauen Ihre Dichtung auf ein „Leben Jesu", wollen mit der Schilderung dieses Lebens das schwere Problem, das Sie sich gestellt, seiner Lösung zusühren. Das „heilige Land", das er sucht, in diesem „Leben Jesu" soll es Kai Jans finden. Das Leben, das Jesu einst gelebt habe, nachzuleben — das sei die Erlösung aus aller Wirrnis, das bringe Glück und echte Befriedigung. Um aber ein solch „heiliges Land" zu finden, oder, im Sinne Ihrer epischen Technik gesprochen, um das Leber: Jesu für Ihre dichterischen Zwecke brauchbar zu machen, sahen Sie sich gezwungen, das überlieferte, landläufige Bild Jesu von all den Uebermalungen, all dem entstellenden Wust zu befreien, den die Jahrhunderte darauf gehäuft hatten. Alles Dogmatische, alles Christologische im engeren Sinne mußte schwinden, das Reinmenschliche zutage treten. Das Verdienst, diese Scheidung vollbracht zu haben, weisen Sie in Ihrem „Nachwort" ausdrücklich von sich. Sie fußten auf den Ergebnissen der theologischen Forschung deutscher Gelehrten, deren Werke Sie aufzählen. Nur den biographischen Extrakt haben Sie aus diesen Forschungen herausdestilliert, gewissermaßen als ein Lebenselixier, dessen Genuß Kraft und Frieden gewähre und über alle selbstquälerischen Grübeleien hinweghebe. Langjähriges Studium hat Sie zu diesem neuen Lebensbild Jesu hingeführt — also darf man. was ja ohnehin selbstverständlich war, annehmen, daß Sie in die Werke jener Gelehrten sich vertieft hatten, ihre Behauptungen nicht kritiklos Hinnahmen, sondern sie erst nach erfolgter Nachprüfung und auf Grund eigener, ernster Ueberzeugung Ihrem Lebensbild Jesu zugrunde legten. Ist Ihnen bei diesen Studien niemals in einem entfernten Winkel Ihrer Seele der Gedanke aufgestiegen, daß die Zeit, in die das Leben Jesu füllt, sowie diejenige, welche ihr unmittelbar voranging und nachsolgte, eine Zeit eminenter geistiger Regsamkeit innerhalb des jüdischen Volkes war, daß aus diesen Zeitperioden zahlreiche Früchte dieser geistigen Regsamkeit erhalten sind, und es daher zur Gewinnung eines wahrheitsgemäßen, unverfälschten Zeitbildes unerläßliche Bedingung sei, die jüdischen Quellen, welche diese Früchte enthalten, zu Ratezuziehen? — die jüdischen Quellen, sage ich. und zwar in ihrer vollen Originalität, ihrem ganzen eigentümlichen, sprachlichen und inhaltlichen Charakter nach? Die jüdischen Quellen, nicht etwa Sammelwerke, Lexika, Anthologien, welche in moderner Sprache Auszüge aus diesen Quellen bringen. Haben Sie diese Quellen studiert, ehe Sie ein Leben Jesu zu schreiben wagten? Oder haben Sie, der Dichter, der Wahrheitsucher, sich auf das Urteil und die Meinung Ihrer Gewährsmänner, der deutschen Gelehrten, verlassen? Und wußten nicht, daß die christlich-theologische Forschung den jüdischen Einschlag des geschichtlichen Gewebes der Zeit Jesu nicht ohne jedes Vorurteil behandeln kann? Ja. nicht kann?! Schon deshalb nicht, weil sie eben theologische Forschung ist, also gewissermaßen in gebundener Marschroute einem bestimmten Ziele zustrebt, das vielleicht in hundert Einzelheiten verschiedene Meinungen und Resultate zuläßt, in dem einen, letzten aber unbeugsam fest steht: Dem Wunsche, die höhere Wahrheit und Schönheit des Christentums zu erweisen? Dursten Sie, der Dichter, sich den Gelehrten auf Gnade und Ungnade ausliefern? Mußten Sie sich nicht frei machen von der beengenden Tendenz, in die jede theologische Forschung ihrer Natur uach eingezwängt ist? Warum zeigen Sie uns Helle Boje und Male Jans, die Mütter Ihrer Helden,in so klarer Beleuchtung, und lassen die Mutter des Christentums ganz und gar in dem dunklen Winkel stehen, dahin die Tradition vieler Jahrhunderte sie gewiesen? Ein Prophet wollten Sie sein, mit leuchtendem Finger die Menschheit Hinweisen auf das „heilige Land" und sahen nicht einmal die Nächstliegende Pflicht der Gerechtigkeit, ehe Sie über das Christentum schrieben, zuvörderst das Judentum, aus dem jenes geboren, nach den Quellen kennen zu lernen? War Ihnen ganz verborgen geblieben, daß in den letzten Jahrzehnten auch eine jüdische Wissenschaft emporgeblüht ist? Und daß diese jüdische Wissenschaft in jüngster Zeit den Kampf gegen die Vorurteile der christlich-theologischen Wissenschaft ausgenommen? Daß sie gegenüber der unerhörten Gepflogenheit, eine geschichtliche Erscheinung zu beurteilen, ehe man sie aus allen ihren Quellen studiert, das heilige Reckt des Judentums in Schutz nahm und aus den jüdischen Quellen erwies, wie die gesamte christliche Sittenlehre, wenn man sie von allen dogmatischen und tendenziösen Beimischungen befreit, sich als jüdische Sittenlehre darstellt? Kam Ihnen gar nicht der Gedanke, auch einmal diese Stimmen' aus dem anderen Lager zu hören? Haben Sie Eschelbachers „Das Judentum und das Wesen des Christentums", Bäcks „Wesen des Judentums", Elbogens „Die Religionsanschauungen der Pharisäer", Perles' Kritik des Boussetschen Werkes, mein „Judentum und Christentum" gelesen? Sind Sie davon unterrichtet, daß vor kurzem sogar die ganze Bergpredigt sowie das Vaterunser in jüdischer Fassung, aus Stellen des jüdischen Schrifttums gewoben, erschienen ist? Durften Sie als Dichter, der ja nicht bloß zu einem engen Kreise von Genossen, sondern zur ganzen Menschheit spricht, der gleich dem Dichter des Hiob und gleich dem des „Faust" um die Lösung höchster Menschheitsfragen ringt, die in jedem Sinne gewaltige Geschichte des Judentums gänzlich übergehen und wie einen irrelevanten Faktor stillschweigend aus Ihrer Rechnung ausschalten? Ich möchte nicht mißverstanden werden. Gewiß sind auch „Hiob" und „Faust" auf das rein Menschliche gestellt und lösen ihre Probleme, ohne das spezifisch Religiöse zu Hilfe zu nehmen. Sie jedoch haben nun einmal das „heilige Land" als das Land der reinen, der „tiefsten" Religion bezeichnet. Und Sie wollen die Menschheit lehren, diese reine Religion sei die des Christentums, des geläuterten, von allen jahrtausendealten Trübungen befreiten Christentums! Waren Sie dessen so sicher, daß das, was Sie nach Entfernung aller Ueberwucherungen als den strahlenden Kern aus dem Leben und der Lehre Jesu heraushoben, überhaupt noch den Namen Christentum verdiene? Daß es einen Fortschritt über die jützische. Mutterlehre hinaus darstelle? Durften Sie ohne weiteres diese Mutterlehre abseits liegen lassen? Die Mutterlehre und die unvergleichliche, einen einzigen, großen Opfergang darbietende Geschichte ihrer Bekenner, die jene Mutterlehre mit ihren großen Wahrheiten festhielten, weil ihrer Ueberzeugung nach ein Fortschritt über sie hinaus

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