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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-02 · Heft 21 (2.5.1906) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 21 (2.5.1906)
Date
1906-05-02
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 Menschen zu stellen berechtigt ist. Die Gastfreundschaft war dach zu allen Zeiten heilig. . Der freikonservative Abgeordnete Dr. van Woyna behauptete, England und Amerika verfahren viel schlimmer gegen die Ausländer wie wir mit unseren Ausweisungen. Zur Illustration dieser Behauptung führen wir an, daß hier Massenausweisungen vorgenomulen wurden, weil im Laufe von zwei Jahren sich 7000 Russen in Berlin augesiedelt haben sollen, während in Newyork seit Jahren in jedem Monat mindestens so viele russische Juden allein landen. Auch ist es ein Unterschied, ob mau ohne jeden Grund jeden Beliebigen answeist, oder ob man gesetzlich bestimmt, daß mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, Idioten, verurteilte Verbrecher, Analphabeten und Personen ohne alle Geldmittel nicht ins Land kommen dürfen. Selbst diese gesetzlichen Bestimmungen werden in England wie in Amerika energisch bekämpft. Aber sie sind doch unendlich viel besser als vollständige Willkür untergeordneter Polizeibeamter, die aufs Geratewohl oder auf irgendeine unbegründete Denunziation hin Alte, Kranke, Kinder, Frauen, Gelehrte usw. plötzlich ausweisen. Wenn nun darauf aufmerksam gemacht wird, daß solche Ausweisungen für Deutschland wirtschaftlich nachteilige Konsequenzen haben könnten, daß die jüdischen Fabrikanten in Rußland deutsche Arbeiter entlassen, deutsche Waren boykottieren dürften, dann heult die antisemitische Presse: Juda droht. Noch bezeichnender aber ist folgende Bemerkung, die ein Antisemitenblatt zu der Sonnabendsitzung int preußischen Abgeordnetenhause, in welcher die Interpellation stattfand, machte. Das genannte Blatt schreibt: „Und wollen wir gegenüber „unfern" Juden warten, bis wir dank ihrer Tätigkeit auch mitten iu der Revolution stehen? Rußlands Erfahrungen rufen uns zu: Lernt, ihr seid gewarnt." Mit andern Worten: Man schaffe ein Ausnahmegesetz gegen die Juden, man nehme ihnen das Bürgerrecht. Das ist antisemitische Gerechtigkeit, Weisheit und Menschenliebe. * Die russi sche Dmna hat ihre Adresse an den Zaren abgeschickt. Die Judensrage als solche findet darin keine Erwähnung. Diese Unterlassung erklärt sich einfach und zwanglos daraus, daß die Judeufrage in den Augenblicken, zu eristieren aufhört, wo das in der Adresse ausgestellte Verlangen nach Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und nach Aufhebung aller ständischen, nationalen und religiösen Vorrechte verwirklicht wird. Bemerkenswert bleibt es jedenfalls, daß der Bischof von Wilna, Baron Roop, die Duma gebeten hat, in die Adresse einige Worte aufzunehmen betreffend liebevolles Verhalten aller Klassen, Nationalitäten und Konfessionen gegeneinander. Ein solches Muster verdient Nachahmung. Uebrigens ist die Stimmung der Ba uern-Deputierten in der Duma durchaus nicht so judenfeindlich, wie es anfangs den Anschein hatte. In einer Sitzung der Fraktion der Duma, die sich Arbeitsgruppe nennt, wurde die Frage wegen der Gleichberechtigung der Nationalitäten, im besonderen der Juden, aufgeworfen'. Ein Bauer mit mehreren Medaillen ans der Brust - ein Zeichen, daß er sich zu Hause der Administration angenehm zu machen gewußt hat, was in der Mehrzahl der Fülle nnt direkter Verbindung mit dem „Schwarzen Hundert" identisch ist — erhob sich mit der Forderung, die Juden von der Gleichberechtigung auszuschließen und sie in ihren Rechter! wesentlich zu kürzen. Andere Bauern sprachen dagegen. Als die Versammlung, um in dieser Frage endgültig ins reine zu kommen, zunr Schluß eine Abstimmung' über die Stellung zrrr Gleichberechtigung der Juden beantragte, wurde sie vom Vorsitzenden zuerst negativ gestellt, d. h. es wurde abgestimmt, wer der Beschränkung der Inden in ihren Rechten zustimme. Es erhoben sich im ganzen drei Mann. Als die Frage umgekehrt gestellt wurde, gaben 150 Mann ihre Stimmen für volle Gleichberechtigung der Inden ab. Etwa drei bis vier Anwesende enthielten sich der Abstimmung. — „Wenn wir heute die Inden Preisgeben und zulassen, daß die Administration eine Schichte der Bevölkerung entrechten kann, können morgen wir die Entrechteten sein. Nur gleiches Recht für alle," sagte der Bauer Sokolowskh bei diesem Anlaß. Sehr interessant sind auch die folgenden Mitteilungen der „Fr. Ztg." über das Verhalten der russischen Bauern gegen die Inden: „Die Antisemiten behaupten bekanntlich, daß der rassische Bauer einen „tiefwurzelnden" Hatz gegen die Juden habe. In den U'htett Wochen ist nun über einige Ereignisse berichtet worden, welche diese Behauptung als unbegründet erscheinen lassen. Im Dorfe Wibli, das zum Kreise Tschernigow gehört, lveigerten sich die Bauern, den Händlern Feldsrüchte zu verkaufen, die, wie ihnen bekannt, an den Judenhetzen teilgenommen hatten. Diese Tatsache ist um so bemerkenswerter, als die Adurinistration und das Gericht in dortiger Gegend diesen Unruhen mit Rat und Tat sympathisch gegenüberslanden. Noch unangenehmer mag den Antisemiten ein Gemeindebeschluß sein, den die Ortschaft Norvo - Petrowsk. Kreis Tiraspol, faßte und demzufolge 14 Bauern, die an beit Jndenhetzen teilgenommen hatten, ans der Gemeinde ausgeschlossen und fortgeschickt rvurden. Selbst der Protest des noch von Plehwe ernannten Landhauptmanns konnte an diesem Beschlüsse nichts ändern. Für das Verhalten der Bauern zum Antisemitismus ist auch eine Erklärung bezeichnend, die ein Mitglied des Kiewer Bureaus der konstitutionelldemokratischen Partei in den „Birsh. Wjedom." veröffentlichte. Nach seiner Versicherung trügen sich die Bauern des Kiewschen Gouvernements mit der Absicht, im Parlament zu den Juden zu halten. „Sie werden uns Land, wir ihnen Recht verschaffen!" Während die Duma sich mit solchen Fragen beschäftigt, arbeitet die „schwarze Bande" unentwegt weiter an der Verhetzung des Volkes. Die „Rufs. Korr." erhält folgende Depesche aus Petersburg: Ich hatte Gelegenheit, den Bericht des Beamten für besondere Aufträge beim Polizeidepartement Makarow einzusehen, iu dem der Nachweis gegeben wird, daß auch nach den Oktoberkrawallen Inden- Hetzereien von Beamten der politischen Polizei an Ort Und Stelle verbreitet wurden unter der schweigenden Zustimmung des Chefs der politischen Polizei in Petersburg. Der Chef der Gendarmerieabteilung in Alexandrowsk (Gouvernement Jekaterinos-! law). Budgolsky, berichtet an das Polizeidepartement, er tue alles, > um Aufrufe zur Ausrottung der jüdischen Bevölkerung zu verbreiten! und hoffe, die Ausrufe werden Erfolg haben. Als die Chefs des Polizeidepartements, der berüchtigte Ratschkowsky und Timofejew, das l nlter ego Trepows, darauf aufmerksam gemacht lvurden, daß hier ein! direktes Arntsverbrechen vorliege, wurde von ihnen nicht nur kein | Schritt dagegen getan, sondern Bndgolsky zur Beförderung vor- geschlagen. Trotz alledem bleibt Ratschkowsky auf seinem Posten und ist als Kandidat für einen höheren Posten genannt. Timofejeff ist zum Beamten für besondere Aufträge bei Trepow ernannt worden. Und der „Birschewja Wjedomosti" wird geineldet, daß in Reschitza Unterschriften für die Beteiligung an einer Judenvertreibung gesammelt werden. Auch in Rostow und Kischineff und Hömel soll wieder eifrig gehetzt werden. Unter diesen Umständen ist es sehr wichtig, daß in einer der letzten Duma- Sitzungen die Abgeordneten Redischow und Lewschakow zündende Reden gegen die Tätigkeit der russischen Polizei als Anstifter von politischen Verbrechen und Unruhen hielten. Die Duma beschloß, Erklärungen vom Minister des Innern betreffs dieser sonderbaren Tätigkeit der Polizei zu verlangen. * Vor einiger Zeit ging eine Notiz durch die Blätter, derzufolge die argentinische Regierung das Schächten verboten

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