Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 21 (2.5.1906)
- Date
- 1906-05-02
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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schwebte". Man lese die Psalmen — „Herr, bit bist unsere Zuflucht für und für," oder „Gott, du bist mein Gott", und die anderen — ist da nicht ein Aufschwung, eine Sehnsucht, eine Betrübnis, die niemals in einem Atem mit dem babylonischen Gvttesempstnden hätte genannt werden dürfen? 9Jlau hat unwillkürlich das Gefühl, als gehörten alle diese gewaltigen Worte mit Flammenschrift au den Himmel; die babylonischen Gottesworte aber gehören eben dahin, wo sie gefunden sind, in die Trümmerwüste, auf Steinbruchstücke, ohne fortzeugendes Leben. Es ist eben ein tiefes Weltgesetz, daß mir dem int Geist und im Gewissen wahrhaft Großen uitb Schöpferischen ewiges Fortwirken gegeben ist, und daß dagegen die Riesenreiche der Macht und des Erfolges trotz aller Wunderwerke der industriellen und wissenschaftlichen Technik dem Kulturtod verfallen sind. Das mögen sich vor allem auch die Stewart Chamberlains merken, die jetzt einen neuen Götzenkultus der gerlnanischen Rasse aufgebaut haben und nicht zu sehen vermögen, daß gerade die Rassen auf dem Wege der historischen Sterilität sind, die in lärmender Selbstverherrlichung und voll blinder Neberschätzung der bloß technischen Zivilisationskräfte alle höheren sittlichen Mächte durch das Rassenidol ersetzen wollen. Es ist „keine Verirrung des Menschengeistes", sondern das Ergebnis tiefen Wirklichkeitssinns, daß man jene geistigen Monumente der Bibel nicht als' „interessante" Literatur neben anderer Literatur, sondern als die heilige Schrift, das Werk Gottes, die Offenbarung Gottes zu bezeichnen das Bedürfnis trug. Es ist auch kein Zufall, daß gerade das jüdische Volk „auserwählt" wurde, daß in seiner Mitte die höchste Wahrheit Wirklichkeit werden sollte, weil das höchste Leben und die höchste Wahrheit nicht intellektueller, sondern ethischer Natur sind; weil die tiefste Wahrheitserkenntnis des Menschen nicht in seinem Verstand und in seiner Vernunft, sondern in dem sittlichen imb religiösen Mittelpunkt seines Lebens, in dem Herzen liegt, das Gut und Böse unterscheidet. Das unphilosophische Volk der Hebräer hat die höchste Wahrheit erkannt, rächt die kunstbegabten und philosophischen Völker, die Babylonier, Griechen und Römer. Denn die höchste Wahrheit kann nicht drrrch Forschung, überhaupt nicht durch die bloße Erkenntnistätigkeit gefunden werden, weil sie Gott selbst ist. Gott aber ist weder ein Naturgesetz noch eine Idee, sondern ein selbstbewußtes, vollendetes Ich, und offenbart sich denen, die „Hunger und Durst" nach ihm fühlen; nicht den Philosophen, die ihn zum Gegenstand hochrnütiger Spekulationen machen. Lik Wochr. Berlin, 23. Mai. ll den letzten Debatten im Reichstag und Abgeordnetenhaus über die Ausweisungen erhalten wir von einem angesehenen nichtjüdischen Politiker die nachfolgenden beachterrswerten Ausführungen: Das, was im Reichstage und tm Abgeordnetenhause von verschiedenen Männern in betreff der Behandlung Fremder als selbstverständlich hingestellt worden ist, kann man wohl kaum als maßgebend für die Anschauungen des deutschen Volkes ' halten. Danach ist es die einmütige Ansicht der Herren, daß arme Leute, Personen ohne gesicherte wirtschaftliche Existenz, im Gegensatz zu Wohlhabenden ausgewiesen werden müssen. Diese An sicht wurde von den (konservativen und etlichen andern ausgesprochen. Welche wirtschaftliche Existenz ist denn aber heutzutage absolut gesichert, welche Stellung ist für alle Zeiten sicher? Es ist nicht die Stellung des Reichskanzlers, nicht die der Minister, nicht die der Offiziere, geschweige denn die in kaufmännischen, gewerblichen öder sonstigen Berufen tätiger Personen. Bei den Ausweisungen wurde in zahlreichen Fällen nicht Rücksicht genommen darauf, daß die betreffenden Personen sich hier eine selbständige Existenz gegründet hatten oder als Arbeiter irr Fabriken re. angestellt waren. Wir sollten meinen, daß arme Fremde im allgemeinen eher geschont werden müßten als reiche, denn letztere können leicht genug sich überall hinbegeben und überall sicher sein, gern ausgenommen zu lverden. Tie armen russischen Juden, denn die weitaus überwiegende Mehrzahl, ja mit wenigen Ausnahmen alte Ausgewiesenen, waren Juden, standen zu allen Zeiten und stehen noch überall in dem Rufe, daß sie mit wenigem allskommen, daß sie bestrebt sind, und von ihren Glaubensgenossen darin unterstützt lverden, sich ein Auskommen zu verschaffen und infolge ihres Fleißes, ihrer Nüchternheit, Selbstbeherrschung und Anstelligkeit meist auch finden. Aber es sollen auch politisch Verdächtige ausgewiesen werden, und da „die Inden" aktiv oder passiv an der russischen Revolution teilgenonunen haben, können bezw. müssen die russischen Juden ausgewiesen werden. Wir sehen einstweilen davon ab, die Behauptung von der Teilnahme der russischen Juden an der revolutionären Bewegung in Rußland auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Es haben tatsächlich viele Juden an der Revolution teilgenommen. Aber sicherlich doch nicht alle und gewiß auch nicht die, die sich nach Berlin geflüchtet haben. Es wurde ja auch anerkannt, daß der Beweggrund hierzu nreist zu suchen sei in der Verfolgung, welcher sie in ihrer Heimat ansgesetzt sind. Man hätte also jedenfalls Unterschiede machen müssen. Aber bleiben wir selbst bei den wirklich oder vernreintlich - revolutionären russischen Juden. Wer in feinem Vaterlande aus guten oder schlechten Gründen an einer revolutionären Bewegung teilnirnmt, ist darum doch noch nicht Revolutionär in jedem arideren Lande. Mazzini war ein italienischer Rebell, in England war er friedlicher Bürger und war in den besten Gesellschaftskreisen gern gesehener Gast. Aehnlich verhielt es sich mit zahlreichen andereu Rebellen. Hunderte und tausende verfolgter und selbst verurteilter, ja zum Tode verurteilter deutscher, österreichischer und ungarischer Rebellen sind im Auslande die besten Bürger geworden, haben zum Teil hohe Ehren erreicht und sind später sogar in ihrem eigenen Vaterlande zu dem höchsten Ansehen gelangt. Ich erinnere nur an den eben verstorbenen Karl Schurz. ' In Rußland hat die Revolution den Erfolg gehabt, daß eilte Volksvertretung zum erstenmal einberufen worden ist. In de-, ganzen zivilisierten Welt wird dieser Erfolg als ein Segen für Ruß land betrachtet. Und diese Volksvertretung hat es für ihre erst' Pflicht gehalten, für die Revolutionäre einzntreten. Es sei Pflicht. |V sagte der erste Redner ans dem Hanse, alles daran zu setzen, daß dü Freiheit, welche sich Rußland erkauft habe, keine neuen Opfer mein fordere. Es sei unmöglich, den lauten Schrei des Herzens zurück zudrnngen und die Frage nicht sofort und zuerst zu berühren. Do freie Rußland fordere die Befreiung der Verhafteten. Stürmische Beifall lohnte dem Redner. Und in der ersten ordentlichen Sitzum wurde unter lautem Beifall ein Antrag eingebracht, eine Kommissior einzusetzen, die das Verlangen nach vollster Amnestie zum Ausdruck bringen sott für religiöse, politische und aus politischer Ueberzeugung begangene Agrarvergehen. Uittf diese Kommission wurde die Pflichtkommission genannt. Es wurde alsdann der Grundsatz ausgestellt, daß jeder Staat das Recht haben müsse, Fremde auszuweisen, und es wurde dieses Recht für dasselbe erklärt, was für die Familie das Hausrecht sei. Zugegeben: aber diesem Staatsrecht steht das nobile officium des Fremdenschutzes gegenüber, die Ehrenpflicht der Nation, wie Abgeordneter Herold vorn Zentrunr sich ausdrückte, den Fremden Asylrecht zu gewähren und sie nicht ohne zwingende Grunde auszuweisen. Gewiß hat jeder Mann das Recht, Leute, die ihm sich lästig machen, aus seinem Hause zu weisen. Aber werdas Besuchern gegenüber tut ohne jeden Grund, wird als ein grober Mensch angesehen, der nicht den Ansprüchen genügt, die man an einigermaßen gebildete