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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-02 · Heft 21 (2.5.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 21 (2.5.1906)
Date
1906-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 21 Berlin, 25. Mai 1906. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippfon. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin.' Lum Wochrnkrlt. Berlin, 24. Mai. er Glaube an Gott mag in den Religionsbüchern mit noch so klaren Definitionen gelehrt, von den Kanzeln herab mit noch so hinreißendem Feuer gepredigt, auf den Kathedern mit noch so geistreichen religions-philosophischen Beweisen gestützt werden, er kann in den Herzen nicht tiefe Wurzel fassen, wenn er nicht selbst erworben wird. Er kann aber nur erworben werden durch ernstes sittliches Arbeiten an sich selbst, durch ethische Selbsterziehung imVerkehr mit der Außenwelt. Darum tritt in der sinaitifchen Offenbarung eine Lehre niemals als eine bloße Theorie aus, sondern Hand in Hand mit praktischer Anwendung an einem weiten Kreis gesellschaftssördernder Bestimmungen. Die sinaitische Offenbarung breitet den Hauch tiefer Empfindung darüber aus. Bei der Erkenntnis des einzigen Gottes erinnert sie an die Rettung und Erlösung, die wir erfuhren; bei der Anbetung des unkörperlichen Gottes an die strafende und lohnende Vergeltung, die sich an den Haß und* die Lie^e knüpft; bei dem Sabbat an das göttliche Borbild^er Schöpfung; bei der Verehrung der Eltern an das Glück, das aus treuer Pflichterfüllung ersprießt. So vereinigen sich schE in dieser einen Partie der heiligen Schrift EinbildungskraGU Gefühl und Vernunft, um ein harmonisches Ganze für den Menschen zu schaffen.. Daher gibt es für unsere Religion ein in Worten ausgedrücktes Glaubensbekeuntnis in dem Sinne und zu dem Zweck, wie dies bei anderen Glaubensgenossenschaften vorkommt, nicht. Mag es sein, daß überall anderswo, wo gerade das Mysteriöse des Dogmas den unerschütterlichen Glauben zum Verdienst erhebt, ein Bekenntnis vor anderen als feierliches Kennzeichen für die Zugehörigkeit erfordert und ein Unterschied konstatiert wird zwischen der gläubigen und der ungläubigen Menschenwelt. Aber, was haben wir, die wir nur der Religion der inneren Offenbarung und der äußeren Bewahrheitung in Zeit und Raum angehören, mit solchen Aeußerlichkeiten zu tun? Die Formel für unser Glaubensbekenntnis sagen wir zur Erinnerung nur im Gebet uns selber vor. Aber ein Bekenntnis vor anderen wäre eher eine Entwürdigung unserer inneren Ueberzeugung, ähnlich einem Gebote der Scheinheiligkeit, das ohne Rückwirkung auf uns selbst bleibt. Für die innere Ueberzeugung gibt es nur einen würdigen Ausdruck: Durch die stillschweigende Tat der weihevollen Verherrlichung des göttlichen Namens, die das jüdische Volk mit der ausharrenden Geduld bei der täglichen und andauernden Schmach und Qual im Leben durch Jahrtausende bewährt hat. Bei dem ganzen neuesten Ansturm gegen den Offenbarungsgedanken in der Bibel hat sich wieder einmal gezeigt, wie wenig psychologisch die Vertreter der historischen Aufklärung zu denken vermögen, indem sie meinen, durch gewisse wissenschaftliche Banalitäten eine religiöse Vorstellung beseitigt und überwunden zu haben, die einer inneren Erfahrung des Menschen Ausdruck gibt. Da glauben die Wissenschaftler etwas Ungeheures geleistet zu haben, wenn sie den heiligen Schauer zerstört haben, der sich um gewisse Taten und Geistesschöpfungen der Vergangenheit gelegt hat, und wenn sie das, was den Menschen übernatürlich gewirktschien, eingeordnet haben in die natürlichen Verkettungen des Lebens und Geschehens. Sie bemerken dabei gar nicht, daß in den zertrümmerten Vorstellungen weit mehr Wirklichkeitserkenntnis steckte, als in den vagen Entwicklungslehren, die sie an die Stelle gesetzt haben. Ob und wieweit z. B. der Gott des „Hammurabi" dem Gott des alten Testaments ähnlich sei, das ist durch philologische Wiffenschaft ganz und gar nicht festzustellen. Denn Gott ist ein inneres Erlebnis — und wer so in den äußeren Aehnlichkeiten hängen bleibt, daß er nicht den ungeheuren, unvergleichlichen Unterschied des hebräischen Gottes von den Naturgesetzen Babels erfaßt, der ist wahrlich in dieser Frage weniger kompetent als die einfachste gläubige Frau aus dem Volke, die instinktiv die mächtige Seelenbeziehung ahnt, und durchfühlt, die die Weisen des Alten Testaments mit ihrem Gotte verband — eine Seelenbeziehung, die eben auch die Offenbarung der zehn Gebote auf dem Berge Sinai zu etwas innerlich ganz anderern macht, als es die kulturgeschichtlich ähnlichen Vorgänge in den Mythen anderer Völker sind. Wie kommt es, fragen wir, daß jene babylonische Gottesauffaffung nur in den geborstenen Steinbruchstücken und nicht als schöpferisches, herzbewegendes Ganze auf uns kam? Eben weil der monotheistische Gottesgedanke dort zwar den äußeren Umrissen nach vielleicht entstanden, aber niemals so schöpferisch und gewaltig konzipiert, so feurig erlebt und erlitten wurde wie im Alten Testament. Darum eben liegt in der alten Lehre von der Bibel als der Offenbarung Gottes doch zehnmal mehr Wahrheit als in jener Vermischung aller Unterschiede, wie wir fie in den Deutungen der neuesten Forschungen vor uns haben. Im Alten Testament ist „das Göttliche gegenwärtig", weil es von genialen Menschen in höchster Konzentration der Willensmächte erfaßt wurde. Und weil das der Fall ist, weil Gott dort ein brennendes Feuer, eine Steigerung und Sammlung aller Lebenskräfte ist, darum empfindet auch der Mensch, der nicht verbohrt ist, bei der Lektüre, daß er hier eine Schöpfung vor sich hat, die ungleich aller anderen Literatur durchglüht ist von jenem Geist des Lebens, der nach den Worten der Genefis am Weltbeginn „über den Wassern

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