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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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fehlten noch betreffs der nötigen Routine, sich aus der Bühne schulgerecht zu bewegen. Dann beabsichtigte man, die junge Kraft dem Intendanten der Hofbühne zu Berlin vorzuführen. „Esther," sagte eines Tages Marie v. Bredow zu ihrer Freundin, „Du mußt mir versprechen, die letzten Ferien bei uns, auf unserem Gute, zu verleben, mein Vater wird sich freuen. Dich kennen zu lernen, und Richard, mein Bruder, welcher dereinst das Gut des Vaters bewirtschaften soll und gegenwärtig als Leutnant der Reserve von den Strapazen des Manövers sich ausruhen will, ist dann auch daheim. Glaub mir, das wird eine Freude sondergleichen." Beide Mädchen lachten und tanzten vor Vergnügen in jugendlicher Lust im Zimmer herum. Im Monat August wurde dieser Plan zur Ausführung gebracht. Wie wird der Herr Leutnant v. Bredow das Judenkind nur empfangen? dachte Esther in einiger Erregung. Wir finden die Freundinnen in bester Laune auf dem Stammgut derer v. Bredow. Der gemütliche Teekeffel sunWte und sang den Versammelten lustige Lieder ins Ohr. Vater. Bruder und die beiden weiblichen Unzertrennlichen in bester Stimmung vereinigt. Das war nun jetzt ein reges Treiben auf dem sonst so stillen Gut. Der alte Herr hatte seine helle Freude daran, die heitere Jugend zu betrachten und sich schmunzelnd seiner eigenen Jugend dabei zu erinnern. Richard, blond, mit blauen Augen, ein Hüne von Gestalt, das echte Bild eines deutschen Ritters. Er war einer jener Männer, denen nur wenige Mädchen zu widerstehen vermögen. Ein wahrhaft berückender Zauber ging von ihm aus — ohne besonders geistreich zu sein, tat sein natürliches Wesen jedem wohl, deffen Ursache weder seine Persönlichkeit, noch sein Benehmen hinreichend erklärte. Man kann sich nicht anmaßen, das Psychologische, das sich hierin verbirgt, zu lösen. Auch Esther fühlte sich gefesselt, doch überwand sie schnell dies ihr fremde Gefühl. Für jetzt gab sie sich unbefangen der Freude hin und amüsierte sich köstliche Wie aber alles sein Ende hat, so verging auch die wonnige Zeit auf dem Stammgut derer v. Breodw. Der Tag kam heran, da man Abschied nahm, der Gutsherr küßte sein Töchterchen und drückte väterlich die Hand ihrer Freundin. Richard jedoch blickte bewegt in die schönen, dunklen Sammetaugen Esthers, indem er sinnend die Hand des jungen- Mädchens küßte. * * * Wir finden Esther wieder, als sie sich in Begleitung ihres Lehrers dem Intendanten des Hoftheaters vorstellte. Sie hatte Elsas Traum von Wagner, „Fidelio" und die „Rosenarie" der Susanne aus „Figaros Hochzeit" von Mozart gewählt, um sich zur Prüfung ihres Talents bei dem Intendanten einzuführen. Unbefangen sang sie ihre Arien — sie fühlte nicht Angst noch Verlegenheit — eine wahre Künstlerin ist in den meisten Fällen erhaben über derartige Schwächen. Der Intendant wurde hingerissen, ebensowohl von ihrem Gesang als von ihrer äußeren Erscheinung. Man kam überein, daß in den nächsten Tagen die junge Sängerin ihr Gastspiel beginnen und als' Susanne dem Publikum vorgeführt werden sollte. „Wollen Sie unter Ihrem Namen auftreten, oder ziehen Sie es vor, einen etwaigen Künstlernamen anzunehmen?" fragte der Intendant. „Natürlich unter meinem Namen," antwortete Esther stolz. „Ich bin fern davon, mich meines Namens zu schämen." Der Tag kam heran, das Haus war ausverkauft. Marie v. Bredow war mit ihrem Vater nach Berlin gekommen, um bei dem ersten Auftreten ihrer geliebten Freundin zugegen zu sein. Lieblich und anmutig, wie eine frisch erblühte Rose, sah sie nicht ohne Beben vom ersten Rang herab dem Debüt ihrer Freundin entgegen. Der Vorhang hob sich und Esther sang das Duett mit Figaro in hinreißender Anmut. Ein stürmischer Beifall des Publikums lohnte die Leistung der jungen Debütantin. Der Beifall wollte gar nicht enden. Zwei bis dreimal mußte sie hervorkommen, man war begeistert ebensowohl durch ihren Gesang, als durch ihre entzückende Erscheinung. Mit jedem Akt steigerte sich der Beifall des Publikums, und als am Schluß der Oper Esther die „Rosenarie" sang, da erreichte dieser Beifall den Höhepunkt. Die ältesten Theaterfreunde erinnerten sich gar nicht, jemals eine solche Sängerin in den Räumen des Opernhauses gehört zu haben. Nach Schluß der Vorstellung kam Marie, um unter Freudentränen die Freundin ans Herz zu drücken. Esther hatte den Vater und Bruder Mariens erkannt und freute sich, zu hören, daß auch diese entzückt von ihrer Leistung waren. So ging es fort und fort, bei jedem erneuten Auftreten feierte Esther Triumph auf Triumph. Selbstredend wurde sie mit einer hohen Gage für mehrere Jahre fest engagiert. War sie nun glücklich? In gewissem Sinne Ja! Sie sandte bedeutende Summen nach Rußland, um das Elend ihrer Glaubensgenossen nach Kräften zu lindern. Das beglückte sie, sonst aber lebte sie einsam, pflegte keinen Verkehr, so sehr man einen Umgang mit der großen Künstlerin auch herbeisehnte, sie entzog sich allem, lebte ganz für sich — das Lob der Menge, die Schmeichelei des Publikums, fanden kein williges Ohr bei der Künstlerin. Der Briefwechsel mit ihrer Freundin Marie war ihre einzige Abwechselung. Es war, als habe sie ihr Herz begraben, sie lebte nur ihrer Kunst und verfolgte allein ihre heiligen Ziele. Liebe zu einem Manne, was doch eigentlich des Weibes Bestimmung sein sollte, wollte sie nicht empfinden, ihr Herz schlug nur für die einzige Sache — das drückende Joch ihrer Glaubensgen offen zu lindern. Dafür begeisterte sich die holde Jungfrau mit heiligem Eifer. Aus dem Briefwechsel mit ihrer Freundin Marie entnahm sie, daß deren Bruder Richard wärmere Gefühle für sie hegte, aber auch selbst diese Tatsache verlockte sie nicht — nein, sie lebte nur für das eine fromme Ziel, das sie sich selbst gesteckt. Eines Tages meldete man ihr den Besuch Richards. Sie empfing ihn und freute sich, ihn wiederzusehen, sie errötete tief bei seinem Anblick; zweifellos war er ihr wert, sehr wert, aber dennoch gestattete sie es sich nicht, ihn zu lieben. „Esther, geliebte Esther," stammelte Richard bewegt. „Ist es denn wahr? Sie wollen keinem einzelnen Ihr Herz erschließen und nur Ihrer großen Sache leben? Ich kann's nicht glauben. Ich liebe Sie so wahr und treu. Sie zu besitzen, würde mich zum Glücklichsten der Sterblichen machen. Ach, Esther, erhören Sie mich und werden Sie mein Weib, ich würde Sie auf Händen tragen." Aber auch diese flehende Bitte machte sie nicht schwankend. Sie reichte dem Freunde dankbar die Hand und sagte unter Tränen: „Nein, Richard, lasten Sie das Judenkind ihre heilige Aufgabe erfüllen. Ich darf mich nicht binden, ich will frei

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