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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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kein Wunsch, keine Bitte, die die zärtlichen Eltern ihrem Kinde, der schönen Esther, nicht gewährten. Nun war Esther verwaist — doppelt schwer empfand das verwöhnte Kind jetzt den Trauerfall. Vor einem halben Jahr starb die Mutter, und nun raffte der Gram um die verstorbene Gattin auch den Vater dahin. Eine glückliche Ehe wurde hier durch den grausamen Tod getrennt. Nun jedoch schliefen sie beide vereint friedlich den ewigen Schlaf. Ein Hügel deckte ihre Reste. Esther blieb zurück und stand nun ganz allein in der Welt. Das war viel und schwer zu tragen für ihre Jugend, die so zu sagen nur im Sonnenschein des Lebens gereist. Sie hatte, mit Ausnahme einer hartherzigen reichen Tante, keine Verwandte. An diese sich zu wenden, bei ihr Schutz zu suchen, widerstrebte ihrem Gefühl. So zog sie es vor, lieber allein, ohne Hilfe, den Kampf ums Dasein zu beginnen. Sie betete, Verzweiflung im Herzen — aber Gott gab ihr Kraft, hob ihren Mut zur Tatkraft. Sie wandte sich an den Rabbiner und dieser würdige Mann nahm sich des verwaisten Kindes an, indem seine Fürsprache verschiedene begüterte Familien für den betrübenden Fall zu interessieren versuchte. Dies gelang ihm insofern, daß man eine geeignete Pension für die Waise ausfindig machte, wo die Erziehung des Kindes genügend vollendet werden konnte. So war fürs erste für sie gesorgt. Esther war ein fleißiges und talentvolles Kind. Ihre Lehrer waren voll des Lobes über die Fortschritte ihrer Schülerin. Die Tante kam wohl auch dann und wann, um sich nach der Nichte zu erkundigen; das scheinbare Interesse hatte jedoch so etwas Gesuchtes, daß Esther jedesmal frei aufatmete, wenn die so reiche Tante sie verließ. Unsere Keine Heldin war inzwischen 16 Jahre alt geworden und geistig und körperlich zur blühenden schönen Jungfrau herangereift. Schön, berückend schön mußte man sie nennen; hinreißende Anmut gab ihren edlen Gesichtszügen noch einen besonderen Reiz, die dunkeln Sammetaugen strahlten wie Sterne, wenn irgendein schöner Gedanke sie belebte. Ihr tiefer Schmerz um die verstorbenen Eltern hatte sich in gottergebene Wehmut umgewandelt. Sie zeigte ihrer Umgebung niemals ein trübes Gesicht, sie störte nicht die Heiterkeit froher Menschen, teilte sogar gern deren vergnügte Stimmung. Ihre Natur neigte nicht zur selbstquälerischen Kopfhängerei. 'Wohl fühlte sie oft ein geheimes Sehnen nach einer Freundin, der sie ihr volles Vertrauen schenken konnte, aber ihre Mitschülerinnen waren meist christlicher Religion und vermieden in ihrem Unverstand den näheren Verkehr mit der vereinsamten Jüdin. Esther empfand oft recht schmerzlich die Zurücksetzung der törichten jungen Mädchen. Manch geheimes Tränlein, welches der Stolz nicht zeigen wollte, floß im Stillen aus diesem Grunde, ob dieser Härte, aus den schönen Augen unserer betrübten kleinen Heldin. Doch dem trat unerwartet eine wohltuende Veränderung entgegen. * * * Marie von Bredow, die Tochter eines begüterten Gutsbesitzers, wurde der Anstalt zur Vollendung ihrer Erziehung übergeben. Dies Ereignis bot dem Leben Esthers ein neues, nie gekanntes Bild. Die beiden jungen Mädchen waren sich sympathisch und fühlten sich beim ersten Blick magnetisch zu einander hingezogen. Dies Gefühl bildete sich mit der Zeit zu einer intimen Freundschaft, welche für beide Teile gleich wohltuend und dauernd zu sein versprach. Wohin war nun der geheime Kummer, das unerfüllte Sehnen der einsamen Jüdin geflogen? - Zerflossen in Nacht und Wind, wie durch Zauber verweht. Da lachte der Himmel, die ganze Welt freute sich, die Vögel in den Zweigen sangen laut und verkündeten froh: Zwei Freundinnen haben sich gefunden! Marie von Bredow war vorurteilsfrei und liebte Esther mit der ganzen Hingabe eines jungen Herzens. Welche Wonne, welche Seligkeit! Die Lehrer Esthers entdeckten ein hervorragendes Talent für Musik bei ihrer Schülerin, besonders bewunderte man ihre selten schöne Stimme und versprach sich viel davon, wenn dieselbe vollständig ausgebildet würde. Esther ergriff diesen Gedanken mit Begeisterung. Sie lebte jetzt nur ihrem Studium; mit unermüdlichem Eifer löste sie die schwierigsten Aufgaben Mit erstaunlicher Leichtigkeit. Wenn sie dann Abends, ihrer Freundin von ihren Erfolgen erzählte, so war auch diese bei dem Gedanken, Esther vielleicht in Zukunft als gefeierte Sängerin bewundern zu können, ganz Feuer und Flamme. „Sieh, Marie," flüsterte leise Esther, sich bewegt zur Freundin wendend, „nicht für mich allein, ich -schwöre es Dir, erstrebe ich so eifrig diesen Rühm — nein, ich tue es zum Wohle eines so hart geprüften und verkannten Stammes, für die Juden, die im Elend schmachten und umkommen." „Hast Du nicht die Berichte aus Rußland gelesen?" sprach sie begeistert weiter'; „wenn ich jemals durch mein Talent Schätze gewinne, so behalte ich nur das Notwendigste für mich und sende alles meinen unglücklichen Glaubensgenossen zu ihrer Hilfe." Ihr Gesicht strahlte bei diesen Worten von edlem Feuer, wie eine Prophetin ging sie begeistert weiter. „Aber es wird eine Zeit kommen, da wird man es erkennen, wie weh man uns getan. Welch unseligen Vorurteilen find nicht Tausende und Abertausende russischer Juden in den jüngsten Wochen zum Opfer gefasten! In einer Stunde die Früchte eines langen, arbeitsvollen Lebens vernichtet. Haus und Habe verbrannt. — Das Weib ermordet, unschuldige Kinder getötet. Zitternd steht der Greis dabei und sieht diesen Jammer — verzweifelt ruft er aus: Und warum? Was taten wir? Was hat unser unglücklicher Stamm verschuldet? Jeden Augenblick sind wir der Gefahr ausgesetzt, getötet zu werden. — Alle Schrecken des Mittelalters leben wieder auf. Die Bestie im Menschen ist entfeflelt, sie stürzt sich wütend auf die wehrlosen Juden. Ist es nicht himmelschreiend, ich appelliere an alle edeldenkende Christen: Habt Erbarmen! Dies alles fühle ich mit meinen unglücklichen Glaubensgenoffen, Marie. — Ich teile ihren Schmerz," ruft weinend Esther und umschlingt unter Tränen die Freundin. „Weine nicht, Esther," erwidert tröstend die sanfte Marie, „e8 wird eine Zeit kommen, da werden alle Vorurteile schwinden wie Spreu vor dem Winde, da wird der Mensch mit gleichem Rechte dem Menschen gegenüberstehen." Es war ein rührendes Bild, die beiden Freundinnen zu betrachten: Esther mit dem stühreifen Verstände und Marie mit dem warmen Mitgefühl. * * * ' Die Zeit, die niemals rastende, rann schnell dahin, Esther zählte jetzt achtzehn Jahr. Der Zeitpunkt näherte sich, da man sie mit Sicherheit als geschulte Sängerin betrachten durfte. Nur einige Anleitungen

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