Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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und Haltlosigkeit. Mit Recht nennt einer der frömmsten Wort- > führen der Erneuerung und Verjüngung auf sittlichem und wirtschaftlichem Gebiete die Menschen ohne Gebet geistig verarmt- : wenn auch die Oberflächlichkeit ihren Geistesreichtuin feiert. - '?So fehlt es uns denn an der Fähigkeitneue Gebete zu schDfen, und wir müssen uns glücklich schätzen, daß die Alt- Dtoern uns so unendlich reiche Schätze der Andacht, so unvergleichlich köstliche Gebetsperlen hinterlassen haben, wie wir sie in dem Schatzkästlein unseres alten Gebetbuchs besitzen. Einen strahlenden Demant will ich ihm heute entnehmen und vor euch funkeln lasten seine sonnige Leuchtkraft, es ist die Keduscha, der Sang der göttlichen Heiligung.; ■: -• ' * rjr * Jesaias fühlt sich ergriffen vom Geiste des Ewigen. Es treibt ihn aus den Wirren der Zeit in die friedvolle Stille des Heiligtums. Er sieht dort in prophetischer Schau den Herrn , auf hohem heiligen Thron, himmlische Seraphim tungeben ihn, und einer ruft dem andern zu und singt: Heilig, heilig, heilig ist der Ewige der Heerscharen, voll ist die ganze . Erde seiner Herrlichkeit. - Welch beseligende Offenbarung! Gott ist heilig, ist voll vom Guten und frei vom Bösen, ist der Urquell der Tugend und die Bürgschaft des Sittlichen. Nicht an Gewalt und Stärke, nicht an Klugheit und Scharfsinn, nicht am Besitz und Reichtum hat er seine Freude, auch nicht an prunkenden Opfern und prächtigen Tempeln, sondern an der Nachfolge in seinen Wegen, in der Befolgung seines Beispiels, an den Werken der Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit, der Milde, der Güte, der Sanftmut, des Friedens, der Liebe. Werde auch Du heilig, Menschenkind, tilge aus Deinem Innern die sündigen Lüste, die wilden Leidenschaften, die Regungen des Tierischen, die Strebungen liebloser Selbstsucht, blicke hin auf den "Ewigen in seiner weltenerlösenden Heiligkeit und versuche es, in Tat und Gesinnung, in Handel und Wandel ihm nachzuleben und nachzustreben, als treues Kind dem meisterlichen Vater, als pflichterfülltes Ebenbild dem allvollkommenen Urbild. „Voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit." Wenn der Prophet von der ganzen Erde spricht, die voll ist der göttlichen Herrlichkeit, so meint er damit im Sinnes seiner Zeit das ganze Weltall, das für das damalige Bewußtsein nur aus der Erde und dem darüber gespannten Himmelsgewölbe mit den-Lichtlein daran und den beiden großen Leuchtern bestand. Wieviel gewaltiger aber ist des Wortes Eindruck, wenn wie es begreifen nach unserer jetzigen Kenntnis vom Weltbilde. Wir wissen, daß unsere Sonne, um die sich als ein williger Trabant die Erde dreht, nur eine der unendlich vielen Lichtquellen im Weltenozean ' ist. Wir wissen, daß es Sterne gibt, die soweit von unserer Erde entfernt sind, daß ihre Lichtstrahlen, um zu uns zu gelangen, tausende von Jahren gebrauchen, wenn sie auch in einer Sekunde viele tausend Meilen zurücklegen. Und alles in diesem unendlichen Räum ist ein Zeuge und Beweis, ein Bote und ein Prediger der göttlichen Herrlichkeit. Der Sonnenball, der ganze Scharen von Welten um sich vereint und das kleine Lebewesen, das nur Unter dem vergrößernden Kunstglase deinem sterblichen Auge sichtbar wird, alles, alles, das größte wie das kleinste, kündet Gottes Schöpfermacht und Weisheit und singt das Loblied seiner Herrlichkeit. * * * ' ' ' Ezechiel empfängt seine Prophetenweihe am Strome Kebar. Auch der rauschende Flnß gehört zu den wirksamen Predigern Gottes. Bald spiegelt er den blauen Himmel wieder und preist, den ewigen Schöpfer, und sein Gssattg wird der sinnenden Seele des Sehers zu einem leisen Gruß seines himmlischen Vatersbald wogt und schäumt er wkndgepeitscht mit wilder Gewalt, und' weißer Schaum liegt auf seinen .brausenden Wellen. Auch darin fühlt der träumende Gyttesmänn eine Predigt, von der Allmacht Gottes und der Schwachheit der Menschen, und aus den Fluten klingt es ihm entgegen wie eine beherzigenswerte Mahnung zur Demut und Unterordnung, und überwältigt. von dem majestätischen Eindruck des Aufruhrs in der großen Natur und von den. mächtigen Gefühlen, die der gewaltige Anblick in seinem Innern auslöstbricht er aus in den Huldigungsruf: „Gepriesen sei.die Herrlichkeit des Ewigen an ihrem Orte, wo immer wir Menschen ihrer mne werden." -; Und wo gäbe es eine Stelle, die frei wäre von Gott? Ueberall weilt und waltet er, nur unser Sinn ist stumpf, unser Auge ist blind, wir merken nicht seine Nähe, wir fühlen nicht seine Gegenwart. Aus dem Geräusch der Welt hast du dich an den häuslichen Herd zurückgezogen, lieblicher Friede umfängt dich und labt dich mit seinem freundlichen Segen. Der Gattin weiche Hand scheucht dir das Sorgengewölk von der umdüsterten Stirne und freundlich grüßt dich das liebliche Lockenhaupt deines Kindes. Ein rätselhaftes Etwas umhaucht dein Gemüt, ein selig Gefühl beschleicht dein Herz. Gott hat dich, gegrüßt, seine Herrlichkeit ist im Hause. Du mußt wieder hinaus auf des Lebens wogenden Markt in Drang und Sorge. Ach, es ist schwer, treu und ehrlich zu bleiben in dem heißen Ringen um des Lebens Güter. Da naht die Verführung, die Versuchung weiß so sanft zu locken, so leicht zu tändeln, so freundlich zu . lächeln, sie breites eine Rosendecke über den Abgrund der. Sünde. Du. aber bleibst stark und fest. Du widerstehst dem Reiz des Bösen und überwindest. Geld verloren ist besser, als Seele verloren. Dir wird so feierlich zu Mute. Unwillkürlich blickst du aufwärts. Ein Himmelshauch umweht dich. Siehe, Gott ist bei dir und seine Herrlichkeit ist dir nahe. Du liegst auf dem Krankenbett. Schweres Siechtum hat dich befallen und deines Leibes Blüte vorzeitig welk gemacht. Lange, bange Wochen schon weilest du auf dem Siechenlager. Du murrst nicht, du klagst nicht, du trägst geduldig und fügst dich in Gottes Wille. Deine Seufzer werden zum Gebet, deine Tränen zur Andacht, du fühlst, dein himmlischer Vater ist bei dir, er gibt dir neue Kraft und wandelt deine Schwäche in Frische, und seine Nähe beseligt dich zum Loblied in Psalmenweife: „Preise, meine Seele, den Herrn und all mein Inneres seinen heiligen Namen. Preise, meine Seele, den Ewigen und vergiß nicht alle seine Wohltaten. Er verzeihet alle deine Schuld, er heilet all deine Gebresten. Er erlöset aus der Gruft .dein Leben, er krönt dich mit Huld unh Erbarmen." * $ .. , afc f ’ \ . ‘ . . . . ‘ . In Psalmentönen klingt aus-'der Heiligungssang: „Regieren wird der Ewige immerdar, dein Gott Zion für und für." Wir suchen nach einer Antwort auf manche dunkle Fragen, wir tasten nach einem Ausweg aus dem Gewirr der Sorgen. Wir klopfen an die Tür der Weltweisheit, da schaut ein greises Gelehrtenantlitz heraus, doch unserer Zweifel werden wir bei ihm nicht ledig. Wir schauen hinein ins Leben, voll ist's von Krankheit, Sorgen und Armut. Wozu das Leid in einer Welt, die ein Gott des Erbarmens geschaffen hat? Nur der Glaube zeigt die Lösung. Er sagt: Gott gibt uns den Kampf mit den Mächten des Unglücks, auf das wir uns sittlich bewähren und in der Ueberwältigung der Nöte unsere moralischen Kräfte immer mehr ausbilden. Wie der Morgenstern