Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228711--62620-3289776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nämlich 14 Knaben und 14 Mädchen,, in der Anstalt. Neuerdings hat Kommerzienrat Aschrott in Berlin in der H. S. Aschrottschen und Regina Aschrottschen Stiftung , eine Summe zur Verfügung gestellt, die heute schon den Betrag von 24 000 Mark erreicht hat und deren Zinsen alljährlich zum Besten der entlassenen Zöglinge verwendet werden sollen. Zum Jubiläum schenkte derselbe für diese Stiftung 30 000 Mark. Mit einer Mahnung an die Kinder, durch Folgsamkeit, Fleiß und gutes Betragen in der Anstalt und im Leben sich auszuzeichnen, schloß Herr F. seine Ausführungen. — Nachdem der Waisenknabe Steinberger einen von Herrn Hermann Blnmenthal verfaßten Prolog eindrucksvoll gesprochen hatte, nahm der jüngst zum Landrabbiner ernannte Herr Dr. Doktor aus Bruchsal das Wort zur Gedenkrede auf die entschlafenen Wohltäter des Waisenhauses. Er gab seiner Freude Ausdruck, trotzdem er sein Amt noch nicht angetreten, bei dieser Festesfeier zum erstenmal vor den größten Teil seiner Gemeinde treten zu dürfen. Aus den Ausführungen sei hervorgehoben : „Was der Gegenwart als eine soziale Pflicht erscheine, das habe die Religion mit größtem Geschick zu einer Sache des Herzens gemacht. Dem Judentum könne niemand die Anerkennung versagen, daß es die systematische Schulung der Herzensregungen meisterlich verstanden habe. Im Herzen Israels zittre noch dasjenige nach, was in der Seele der Ahnen Jahrtausende lebendig gewesen sei. Der Weg des Leidens, den Israel habe nehmen müssen, brachte das Mitgefühl für die Armen und Hilflosen ihm zuerst und am stärksten zum Bewußtsein. Alle Religion gipfle aber in den Worten: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Der Talmud beantworte die Frage: „Was ist Liebes" damit: „Liebe ist Liebestätigkeit, ist Wohltun!" Wohltätig gegen Tote und Lebende soll man sein; gegen Tote, weil sie nicht danken können, gegen Lebende, ohne aus den Dank jemals zu rechnen. Das Wohltun ohne Rücksicht auf Lohn läßt die Religion im reinsten Lichte erscheinen. Ein solches Wohltun sei die Fürsorge an den Waisen. Der Seelsorger, der in seiner Gemeinde Sorge und Not miterlebt, weiß genau, daß für die Sterbenden nichts schmerzlicher sei, als in dem Gedanken zu verscheiden, ihre Kinder nun ohne Elternliebe zu hinterlassen. Die Unruhe über das Schicksal ihrer Kinder lasse oft die Sterbenden nicht sterben, und es sei furchtbar anzusehen, wie das entweichende Leben gleichsam gewaltsam zurückgehalten werde. Da sei es denn tröstend und beruhigend, wenn mau das Prophetenwort sagen kann: „Ueberlaß mir deine Waisen, daß ich für sie sorge." So könne man den Sterbenden die Versicherung geben, daß gute Menschen vorhanden sind, die die Fesseln des Egoismus niederreißerr. Dieser Gedanke der Waisenfürsorge habe etwas Göttliches in sich. So sorge Gott für die Verlassenen. Die Waisenfürsorge sei aber auch ein Akt ausgleichender sozialer Gerechtigkeit. Es gäbe wohl keinen fühlenden Menschen, der nicht mit Rührung und Wehmut eine Waise erblicke und nicht das Bedürfnis empfinde, ihr zu ersetzen, was ihr fehle. So erkläre sich jene sonderbare, aber echt jüdische Auffassung, daß wir eigentlich die Armen als unsere Wohltäter ansehen müßten, denn ihnen verdanken wir es, daß wir das Ideal echter Menschlichkeit verwirklichen können. So werden die Waisen unsere Erzieher, denn alle Erziehung bestehe darin, die guten Seiten in dem Menschen zu entdecken und auszubilden. Die Waisen aber zeigen uns unsere schönsten und besten Seiten, wir geben ihnen eigentlich nur zurück, wir verdanken ihnen unsere beste Erziehung. Hochherziges Verständnis für solche hohen Ziele, echte Menschenliebe, praktischer Sinn, haben das israelitische Waisenhaus ins Leben gerufen. So sei denn der heutige Tag ein Ehrentag für die hiesige jüdische Gemeinde, die stolz sein könne auf eine solche Anstalt, in der Liebe zur Religion, zu König und Vaterland, zu allem Guten und Schönen gepflegt werde. Wenn die Geister der verklärten Eltern der Kinder heute herabschauen würden, so würde ein Hauch des Segens das Haus umschweben. Möge Gott auch fernerhin der Anstalt seinen Segen schenken. Dankbar und pietätvoll aber soll man heute aller edlen Verklärten gedenken, die an dem Liebeswerk mitgearbeitet hatten." Nach dem Kaddischgebet nahm Herr Regierungspräsident Graf Bernstorff das Wort, indem er etwa folgendes sprach: „Geehrte Versammlung, geehrte Herren des Kuratoriums der Anstalt! Wenn ich Ihnen meinen Dank ausspreche für die freundliche Einladung zu dieser Feier, so tue ich dies zugleich auch im Namen des Herrn Oberpräsidenten, der leider verhindert ist, anwesend zu sein und dessen Grüße und beste Wünsche für das Gedeihen der Anstalt ich Ihnen übermittle. Daß nicht nur wir, die hiesigen Vertreter der Staatsregierung, lebhaftes Interesse an Ihren Bestrebungen nehmen, sondern daß dies auch an allerhöchster Stelle der Fall ist, das beweisen zu können, habe ich die Freude und Ehre gehabt, indem ich dem verdienten Leiter Ihrer Anstalt eine Auszeichnung habe übergeben dürfen. Durch die eingehenden und interessanten Ausführungen Ihres Herrn Vorsitzenden bin ich erfreut und ergriffen worden. Ich hoffe und wünsche, daß der bekannte und immer bewiesene mildtätige Sinn der Kasseler jüdischen Gemeinde auch in der Zukunft sich zum Besten dieses Hauses geltend macht, damit jederzeit die Mittel vorhanden sein mögen, Ihre Ausgaben voll zu erfüllen. Es ist vielleicht ein glückliches Zeichen, daß die Räume dieses Hauses gegenwärtig zu groß sind, daß nur 28 Kinder aus dem ehemaligen Kurhessen der Pflege bedürfen. Aber da Sie beschlossen haben, auch Waisen aus anderen Bezirken aufzunehmen, so werden an Ihren Wohltätigkeitssinn fürderhin neue Anforderungen gestellt werden. Daß Ihre Anstalt sich weiter glücklich entwickle und gedeihe, das ist der Wunsch, den ich hier aussprechen will." Herr Justizrat Dr. Rothfels brachte im Aufträge des Vorsteheramtes und der Gemeinde den Vertretern der Königlichen Staatsregierung herzlichen Dank für das Wohlwollen, das den Institutionen der Gemeinde stets erzeigt worden sei und gedachte deS verdienstvollen Wirkens des Kuratoriums. Namens der früheren Zöglinge der Anstalt widmete Herr Lehrer Holzapfel aus Münden rührende Worte der Liebe und Dankbarkeit dem Anstaltsleiter Herrn Scheye, als einem berufenen Erzieher, der nur für seine Pfleglinge lebe, und dessen verstorbener Gattin, die allen Kindern eine wahrhaft aufopfernde Mutter gewesen sei. Jeder, der im Hause erzogen sei. denke im Leben mit Freude an die dort verlebten Tage und weile gern in den Räumen, die allen soviel Gutes geboten habe. Mit dem weihevoll vorgetragenen Choralgesang: „Lobe den Herrn", schloß die erhebende Feier, die einen Merkstein in der Geschichte unserer Gemeinde bilden wird. Möge die Huld Gottes dem Hause, seinem Kuratorium, seinen Lehrern und allen, die ihm Wohlwollen bezeigen, beschieden sein. Drr rrttgiölr Gehalt der Ledulcha. Von Kreisrabbiner Dr. Max Be er mann-Insterburg. ißt Ihr, warum tief angelegte Naturen mit einem gewissen Recht unsere heutige Zeit eine Epoche des Verfalls und des Niedergangs nennen? Sie sehen, daß es den Menschen an dem Reichtum des Innenlebens, an der Glut religiös-sittlichen Empfindens fehlte daß sie — sozusagen — an geistiger Blutarmut leiden. Man ist so zerstreut und oberflächlich, daß man für die zarteren Vorgänge des Seelenlebens kein Verständnis hat. Vor lauter Berufssorgen und Geschäftspflichten, vor Politik und Vergnügungen, vor lauter äußerem Drang und Gebahren verlernen sie es allmählich, in ihr eigenes Innere zu schauen und sich dort mit dem Gottesgeiste zusammenzufinden. Alles ist in dem großen Getriebe unseres lärmenden Lebens wichtiger als die Zwiesprache der Menschenseele mit ihrem Schöpfer. Der Leib genießt und schwelgt, die Seele aber darbt und schweigt. Wie der Riese der Sage aus der Berührung mit der Allmutter Erde für den Kampf immer neue Kraft gewann, so würden auch wir aus der Versenkung in den Allvater gekräftigt und gestärkt zu des Lebens Wahlstatt zurückkehren können. Es fehlt uns der Segen eines innigen Gebetsverkehrs mit Gott. Daher unsere Schwäche und Mattheit, unsere Kraft-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.