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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
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234 Denkmäler gesetzt hat. Es wird wohl nicht als Uebertreibung angesehen werden, wenn ich in dieser Sammlung einen bedeutsamen Beitrag zur inneren Geschichte der Berliner Gemeinde während des letzten Menschenalters erblicke; jedenfalls sind wir an der Hand der Mahbaumschen Charakteristiken in der Lage zu ermessen. wieviel Intelligenz, Vornehmheit der Gesinnung, Herzensfrömmigkeit, sittliche Tüchtigkeit, in dem Judentum der Reichshauptstadt sich geltend gemacht haben. Die Jahre unmittelbarer.Beeinflussung und dauernder Berührung find nun längst dahin. Wir sind im eigenen Amt inzwischen hundertmal vor die Aufgaben gestellt worden, zu deren Bewältigung der Meister anleitete,- wieviel wir ihm verdanken, wenn uns einmal ein großer Wurf gelingt, läßt sich nur vor dem Forum der Erinnerung ausmachen. Eine Richtung der Maybaumschen Tätigkeit aber spielt noch fortwährend in unser gegenwärtiges Berufsleben als bedeutsames Moment hinein und läßt die Beziehungen zu ihm nicht locker werden: sein verdienstvolles Wirken an der Spitze des deutschen Rabbinerverbandes. Er hat .zunächst an der Wiederbelebung dieser Vereinigung hervorragenden Anteil, das ist ein Verdienst für sich. Je öfter bisweilen destruktive Tendenzen an der Arbeit find, einen Riß in, das deutsche Judentum zu bringen und Parteispaltungen zu verschärfen, um so höher müssen die Bestrebungen anerkannt werden, welche das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und das Trennende zu überbrücken suchen. Die Not der Zeit verlangt auch von unserm Stand ein geschlossenes Vorgehen. Es mag Maybaum, dem Verfechter liberaler Gedanken, nicht leicht gewesen sein, einem Statut zuzustimmen, das die Diskussion über religiöse Fragen von vornherein verhindert, aber er hat im Interesse der dringend gebotenen Einigkeit dieses Opfer gebracht. Er wollte vor allem dem Bedürfnis nach einer autoritativen Vertretung des Judentums Rechnung tragen, welche imstande war, Verunglimpfungen und Entstellungen der jüdischen Lehre vor der Oeffentlichkeit eindrucksvoll zurückzuweisen. Daß durch derartige einmütige Erklärungen aller Standesgenossen dem einzelnen Rabbiner oft ein unschätzbarer Dienst geleistet wird, haben viele von uns, die gelegentlich in exponierter Lage sich befanden, dankbar zugestehen müssen. Auch den staatlichen und Kommunalbehörden gegenüber ist ein Rückhalt, wie ihn jede feste Organisation bietet, von großem Nutzen. Ein anderes Verdienst, das sich Maybaum um seine Kollegen in ganz Preußen erworben hat, ist die Gründung der Pensions- und Reliktenkasse. Die. traurigen Verhältnisse unter denen viele würdige Rabbiner in kleineren Gemeinden wirken, sind zu bekannt, als daß sie ausführlich geschildert zu werden brauchten. Die Abwanderung begüterter Glaubensbrüder vom platten Lande in die Großstädte, die zunehmende Entvölkerung ehemals blühender Bezirke, mahnt eine Reihe von Gemeindeverwaltungen zu begreiflicher Vorsicht: sie fürchten ihren Budgets für die Zukunft unerschwingliche Lasten aufzubürden, und weigern deshalb vielfach lebenslängliche Anstellung ihrer Beamten, sowie Uebernahme der Pensionspflicht. Die dadurch herbeigeführte Unsicherheit der materiellen Lage ist dann keineswegs geeignet, die Berufssreudigkeit der Rabbiner zu erhöhen oder ihre Wanderlust einzufchränken. Maybaums Plan einer Kasse, die mit einem beträchtlichen Grundkapital und Jahresbeiträgen der Gemeinden und der Rabbiner arbeitet, bedeutet deshalb eine große, soziale Wohlthat, für die ihm auch alle diejenigen aufrichtig dankbar sind, die seinen religiösen Standpunkt nicht teilen. Aber nicht bloß die Idee der Selbsthilfe ist dem fürsorglichen Herzen Maybaums entsprungen, er hat auch die ersten wichtigen Schritte zu ihrer Verwirklichung getan: persönlich werbend hat er eine große Anzahl potenter Mitglieder seiner Gemeinde für sein Hilfswerk zu interessieren vermocht und eine stattliche Summe für den Garantiefonds zusämmengebracht. Möchte die Kaste ihre segenbringende Tätigkeit bald beginnen, das würde der schönste Lohn für seine uneigennützige Mühe sein! - Fünfunddreißig schwere Berufsjahre, fünfundzwanzig Jahre angestrengter Arbeit in dem aufreibenden Leben der Weltstadt, gehen natürlich auch an dem festesten Körper nicht spurlos vorüber. Und doch macht Maybaum häufig noch immer den Eindruck eines Jünglings: nicht nur die Lust zu schaffen und zu wirken ist in ihm ungebrochen, auch die Gestaltungskraft, die Frische der Empfindung, die rhetorische Fähigkeit ist ganz die alte. Es ist bestimmt zu erwarten, daß die von ihm herbeigesehnte partielle Entlastung von den Pflichten des Amtes auf seine Produktion den günstigsten Einfluß ausüben wird. Eine zärtliche Gattin sorgt mit feiner Klugheit für die äußere Behaglichkeit seines Heims, ein holdes Töchterchen zaubert den Sonnenschein in die stille Gelehrtenstube: mit diesen guten Hausgeistern wird es noch lange aufwärts und vorwärts gehen. Wir grüßen den verehrten Lehrer, den liebenswürdigen Kollegen, den väterlichen Freund, an seinem Jubeltage mit dem alten Wort: nerau joTr, sein Licht leuchte!') fflritf aus Halle!. , L. Htz. Kassel, 6. Mai. as hiesige israelitische Waisenhaus gehört unstreitig zu denjenigen Anstalten, die sehr wenig von sich reden machen. In stiller Zurückgezogenheit, ohne in die große Oeffentlichkeit .zu treten, hat dieses Haus nun ein halbes Jahrhundert die ihm gestellten Aufgaben getreulich erfüllt, zum Heile der ihm andertrauten Kinder und zum Besten der Menschheit. Wenn nun die sonst so stillen und friedlichen Räume am letzten Sonnabend viele Freunde und Gönner bei sich sahen, die Feier des 50 jährigen Bestehens festlich zu begehen, so wollte man nur damit die Pflicht der Dankbarkeit gegen diejenigen edlen Männer und hochherzigen Frauen erfüllen, die das Haus gegründet und erhalten haben, und auch die Mitwelt mahnen, das Erbe der Väter weiter auszubauen. An dem Jubelfeste des Hauses nahmen alle Kreise der Stadt regen Anteil. Leider mußte der Herr Oberpräsident von Windheini noch in letzter Stunde sein Erscheinen absagen, denn in seiner Familie war ein schwerer Krankheitsfall. Ihn vertrat der Herr Regierungs- Präsident Graf von Bernstorff, der Herrn Inspektor Scheye den Kronen-Orden IV. Klasse überreichte. Wir sahen ferner die Herren Polizeipräsident Freiherrn von Dalwigk, Regierungsrat Goedeke, Bürgermeister Jochmus, die Mitglieder des Vorsteheramtes der Israeliten, die Aeltesten der Gemeinde, die Vertreter der Sinai-Loge und sonstigen israelitischen Vereine unserer Vaterstadt. Nach einleitendem Chorgesang der Zöglinge hielt das Kuratoriumsmitglied Herr A. Fiorino eine längere interessante Ansprachedie ein Bild der Entwicklung der Anstatt gab, welche von Philipp Feidel durch eine letztwillige Schenkung im Betrage von 20 000 Talern 1856 begründet wurde. Andere Mitglieder der Familien Feidel und Goldschmidt, Herr Albrecht Feidel, haben weitere 20 000 Taler vermacht. Danach heißt die Anstalt „Israelitisches Waisenhaus, genannt die Ph. Feidel und Emilie Goldschmidtsche Stiftung zu Cassel". 192 Kinder, 119 Knaben und 73 Mädchen, haben im Laufe der verflossenen 50 Jahre hier Aufnahme gefunden, und seit im September 1899 das neue Haus bezogen und Platz für eine größere Anzahl Kinder geschafft werden konnte, befinden sich jetzt 28 Kinder, *) Wir schließen uns diesen innigen Wünschen unseres geschätzten Mitarbeiters auf das Herzlichste an. Möge es Herrn Rabbiner Dr. Maybaum noch lange beschieden sein, das Wort der Lehre in so begeisterter und begeisternder Weise in unserer Gemeinde zu verkünden! Ad meoh schonoh! Die Red.

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