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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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bindüng mitseiner persönlichen Anleitung uns den-Schritt aus dem akademischen Hörsaal in das Leben, der Gemeinden wesentlich erleichtert. Wir hatten es darin besser als die ältere Generation, die . lediglich der wiffenschaftlichen Ausbildung aus den Seminaren oblag, für die praktische Betätigung aber der kundigen Führung entraten mußte und ' deshalb leider gar oft in. die Irre ging. '! - . . And wie verstand Mahbaum persönlich zu 'belehren! Mir stehen heute, nach mehr denn zehn Jahren, die Homiletischen Uebungen noch lebhaft vor Rügen, in denen er die Fülle seines Wissens und Könnens offenbarte. Nachdem der Kandidat seine Rede mehr oder weniger glücklich beendet hatte, ex^lgte zunächst der Ansturm der Kritik aus den Reihen der Studiengenoffen; sie war heftig oder matt, wohlwollend oder absprechend, bewundernd und auch manchmal hämisch, je nach der Zusammensetzung des Auditoriums und der Leistung, die der Beurteilung unterlag. Mahbaum ließ alle ruhig ausreden, verstattete auch wohl dem Angegriffenen eine kurze Replik, dann erst begann er.- Mit sicherem Gefühl hatte er sogleich die wunden Punkte heraus, die Mängel im Aufbau oder die nicht genügend motivierte Auslegung, unhaltbare religiöse Ansichten oder deplazierte Einzelwendungen, Sprachschnitzer oder Ungehörigkeiten im Vortrag. Den Anfänger machte er schonend auf seine Fehler aufmerksam, älteren Semestern wurde er deutlicher, der selbstbewußten Ueberhebung konnte er sehr energisch entgegentreten. Zu wahrer Größe aber erhob er sich, wenn er zum Schluß die positive Belehrung folgen ließ, . oder wenn er Beobachtungen aus seiner Amtstätigkeit, eigene Erlebnisse und Eindrücke mitteilte. Bilder von packender Gegenständlichkeit schweben, mir vor, köstliche Schlagworte, die sich unvergeßlich eingeprägt haben, klingen mir ins Ohr, wenn ich an jene Stunden zurückdenke. - Bei alledem wollte Mahbaum kein sklavisches Nachheten, kein ängstliches sich Anschmiegen andie aufgestellten Regeln. Manche haben feine Eigenart zu kopieren gesucht; sie „mahbäumeln", pflegten wir zu sagen; ihm selber taten sie damit keinen Gefallen. Er trug immer der Individualität seiner Schüler Rechnung,' er kannte weder Schema noch Schablone. Am meisten freute ersich über gut fundierte selbständige Auffassungen, über Originalität in Gedanken und Form: er konnte in Begeisterung geraten, wenn er ein ursprüngliches Talent entdeckt zu haben glaubte. Er warnte auch vor allzu früher Beschäftigung mit den Anforderungen des praktischen Amts;- der Theologe sollte zunächst tüchtige exegetische, talmudischc, philosophische und historische Studien getrieben haben, ehe er sich für die Kanzel vorbereitete. Von größter Wichtigkeit für unsere Ausbildung war es, daß wir in regelmäßigen Zwischenräumen den Lehrer selber als Prediger hören durften. Die Rollen waren dann scheinbar getauscht, der Meister stand im Feuer der Kritik, die Jünger saßen in gedeckter Stellung und spähten nach Schwächen und Blößen. Freilich verstummte auch dem Verwegensten das Läsierwort auf den Lippen, der Anstausch der Gedanken, der dem Besuch des Gotteshauses zu folgen pflegte, ergab stets rückhaltlose Bewunderung, immer neue Vorzüge Mahbaümscher Predigtkunst wurden entdeckt und zur Nacheiferung empfohlen. Da war zunächst der religiöse Ernst seiner Darlegungen, .der den noch mitten im Kampf um die Weltanschauung stehenden, nach Wahrheit, und Erkenntnis ringenden Studenten aufs tiefste bewegte. Mahbaum ging in der Wahl seiner Themata dem Unangenehmen und Schwierigen nicht aus dem Wege, er suchte gerade die Probleme auf, die strittig und von wejttragpnder Bedeutung wären, er bemühte sich, große weltbewegende Fragen zu beantworten oder doch Fingerzeige zu ihrer Lösung zu geben. Man.verließ seine Predigt stets mit dem Gefühl der Bereicherung, man hatte etwas Neues, Tiefes. Lebendiges in sich ausgenommen. Mit diesem Vorzug hängt ein anderer zusammen, der sich auch dem Laien sofort aufdrängte und viele Jahre allgemein als bedeutsames, wichtiges Kennzeichen Mahbaümscher Art gegolten hat: die Aktualität. v :;- Der Redner liebte es, alle Vorkommnisse des öffentlichen Lebens, soweit Religion und Glaubensgemeinde dabei beteiligt waren, in den Kreis seiner Betrachtung zu ziehen; gerade das jüngste Ereignis, das in aller Munde war, bot ihm willkommenen Anknüpfungspunkt. Der Wert einer solchen Predigtweise liegt auf der Hand, die gesprochenen Worte gewinnen an Verständlichkeit, der Zuhörer horcht gespannter auf, aber auch scheinbar Gleichgültiges und Religiös-Irrelevantes wird in höhere Beleuchtung gerückt und dadurch mit einmal wichtig und bedeutsam. Noch ein drittes charakteristisches Merkmal hatten die Reden Maybaums: die Sorgfalt in der Ausarbeitung. Wir wußten ja aus seinem eigenen Munde, mit welcher Gewiffenhaftigkeit er tagelang vorher seine Manuskripte anfertigte, wir wußten, wie er feilte und glättete, um seinen Gedanken die adäquate Form zu geben, aber eine Freude war es, zu beobachten, wie sich auch der Gemeinde, das Gefühl wohltuender Sicherheit mitteilte, sobald er die Kanzel bestieg. Man konnte auf allen Gesichtern leseru diesem Prediger darf man sich unbedingt anvertrauen, der hat alles wohl abgewogen: Entgleisungen, Ueberstürzen sind nicht zu befürchten. Und wie paarte sich mit der fleißigsten Vorbereitung, mit der sicheren Herrschaft über sich selbst nun doch wieder die teniperamentvollste Vortragsweise, die hinreißende Wärme, das Feuer einer ungekünstelten Begeisterung! An den Kraststellen seiner glänzenden Ausführungen schien alles an ihm zu leben, Auge und Mienenspiel, Haltung und Geste schienen aufgeboten, um den letzten Widerstand in den Herzen der Hörer zu besiegen und ihre Zustimmung vorwegzunehmen. Wie weit Mahbaum als Redner eine Entwicklung durchgeniacht hat, das zu untersuchen ist wohl heute nicht Sache des Schülers. Gewiß ist auch er, als er aus der böhmischen Provinzialstadt nach Berlin kam, in die Aufgaben der Großgemeinde erst allmählich hineingewachsen. Fest steht jedenfalls, daß seine Tätigkeit mit dem Wachstum und der Entfaltung der Berliner Gemeinde a.ufs innigste verknüpft ist. Wie oft ist gerade er berufen gewesen, Ehrentage der Gesamtheit durch die religiöse Weihe zu verklären, wie oft hat er Gotteshäuser, Wohltätigkeitsanstalten, Schulen ihrer Bestimmung übergeben! Wie war er so ganz der Mann, fyr den großen Moment das rechte Wort zu finden, das Zauberwort, das die Einzelhandlung aus ihrer Isolierungriß und der Kette großer historischer Zusammenhänge einsügte! Und wie mit den Aufgaben und Zielen der Gemeinde, so hat er auch mit ihren Hervorragendsten Gliedern stets enge Fühlung behalten. Manch schöner Freundschaftsbund ist während der gemeinsamen Arbeit für die gleichen Interessen geschlossen worderr, manch inhaltvolle Stunde für gegenseitige Ansiäherung und Achtung von Nutzen gewesen. Wie sehr Mahbaum es vermochte, sich der anders gearteten Persönlichkeit anzupaffen und ihr Verständnis abzugewinnen, davon legt das Buch beredtes Zeugnis ab, das er heute vielleicht mit wehmütigen Gefühlen durchblättern wird, eine Sammlung von Kasualpredigteu, in denen er dahingeschiedenen Freunden würdigste

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