Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Liepāja 1× ep/1000744
- Minsk 1× ep/1000754
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-- >233 -— besch ritten. Es gibt kein Zurück mehr auf diesem Wege. Die ueue Aera der russischen Geschichte hat ihren Anfang genommen- und sie wird fortdauern. Wie aber wird der Weg beschaffen sein, den die junge russische Freiheit nun wird wandeln müssen? Und welche Folgen wird diese neue Aera für die unglücklichen Juden des Landes haben? Diese Fragen muß sich jeder in diesen Tagen vorlegen. Die Vertreter der konstitutionellen Idee werden natürlich nicht umhin können, auch die Judenfrage zur Lösung zu bringen. -Auf dem letzten Kongreß der Kadetten suchte man sie noch zu umgehen, aber schon da trat der Reichsduma-Abgeordnete Fürst Druzkoi- Ljubezki (Pole aus Minsk) sehr energisch für die Befreiung der Juden ein. Das will bei einem polnischen Edelmann schon viel heißen. In der eben beratenen Adresse der Duma an den Kaiser soll nach der Amnestie sofort Gewährung der bürgerlichen und politischen Freiheiten an alle Bürger verlangt werden. Davon kann man natürlich die Juden nicht ausschließen. Andererseits rüsten sich die Feinde der Freiheit, die auch die Feinde der Juden sind, natürlich um so entschiedener zum Kampfe gegen diese. Der Kongreß der „Russischen Männer" in Moskau hat verschiedene Resolutionen gegen die Juden angenommen: Sie sollen als Ausländer betrachtet werden; es soll ihnen verboten werden, irgendwelches Staats- oder öffentliche Amt zu bekleiden; sie sollen aller politischen Rechte verlustig gehen, ferner sollen sie der Militärpflicht enthoben werden, die aber durch eine besondere Geldsteuer abgelöst werden soll. Weiter soll ihnen der Eintritt in alle Regierungsanstalten verschlossen bleiben, sie sollen von der Preffe, den Post- und Telegraphenagentüren entfernt werden. Man soll ihnen verbieten, eigene Universitäten zu gründen und Land außerhalb der Städte anzukaufen. Der Ansiedlungsrayon soll aufrecht erhalten bleiben und die Frage der jüdischen Gleichberechtigung von der Tagesordnung der Duma gestrichen werden. Biel schlimmer ist es, daß man auch die Bauern gegen die Juden aufzuhetzen verstanden hat. Wie verschiedene Blätter berichten, ist schon am Tage der Duma-Eröffnung Unter den bäuerlichen Abgeordneten, die sich in Zahl von 150 auf Grundlage der Agrarfrage als geschloffene Partei betrachteten, dieserhalb ein tiefer Zwiespalt ausgebrochen. Tags vorher wurde nämlich die Stellungnahme zur Judenfrage erörtert, infolgedessen verließen alle bis auf 20 das' Bureau. Somit sind die Bauern, wie es scheint, überwiegend gegen die Judenemanzipation. Das ist recht traurig. Es wird harte Arbeit für die freisinnigen und speziell für die jüdischen Duma-Mitglieder geben, den irregeleiteten Bauern den Beweis zu erbringen, daß sie mit ihrer Abneigung gegen die Juden nur der Reaktion Vorschub leisten. Die Zahl dieser jüdischen Abgeordneten zur Duma beträgt nun nach zuverlässigen Meldungen 16. Zu den bereits mitgeteilten Wahlen kommen noch hinzu: vr. N. Katzenelsohn in Libau, vr. meä. Frenkel, Rabbiner vr. Ts cherwonenski- Talnoje und vr. weck M. Rachmilewitsch in Kiew. Doch sind noch nicht alle Wahlen bekannt. Aber es ist interessant zu lesen, daß verschiedene Blätter sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob diese Herren sich ohne weiteres in Petersburg aufhalten dürsten. Das ist echt russisch! MW Ksbdinkr Dr. Msybsum. EinGrusi zum Is. Alai 1906. ' .; Von Dr. S.,'Hochfeld, Rabbiner in Düsseldorf. r m 1b. Mai sind es 25 Jahre, daß Prof: Dr.' Maybaum in Berlin als Rabbiner Und Prediger wirkt. Tausende, die während dieser Zeit das Glück hatten, seinen Worten zu lauschen, werden den Tag preisen, der den begnadeten Redner der Berliner jüdischen Gemeinde zuführte; die, welche sich seine Freunde und Verehrer nennen, werden es sich Nicht nehmen lassen, ihm begeisterte Huldigungen darzubringen; am allerersten aber ziemt es seinen Schülern, heute ihm dankend zu uahen und freudig zu bekennen, wie tief sie sich ihm verpflichtet fühlen. Dem Rabbiner wird mehr als irgendeinem anderen Stande Gelegenheit geboten, Freunde zu werben und Gefühle der Dankbarkeit wachzurufen. Er ist ja in unserer Zeit überall kraft seiner Stellung der Berater der Familien, der Erzieher der Jugend, der Wohltäter der Armen; er spendet Trost und Beistand in den traurigen Lagen des Lebens, er nimmt innigen Anteil an allen freudigen Ereignissen; er darf die Gedanken und die Gefühle, die in seinen Zuhörern schlummern, zum Ausdruck bringen und lebhaften Widerhall in ihren Herzen wecken, er darf auch außerhalb seiner eigentlichen Berufssphäre lehrend und anregend wirken. Alle diese Segnungen, an denen gewiß die Maybaumsche Amtstätigkeit überreich ist, mögen von anderen gewürdigt werden; was er uns Jüngern in den Jahren des Su.chens und Lernens war, ist darin «och nicht einbegriffen. Und schließlich ist es heute jedem von uns gegeben, in der oben bezeichneten Weise mehr oder minder wertvolle Arbeit zu leisten; was aber Maybaums Lebenswerk weit über das übliche Maß emporhebt, beruht auf der dreifachen Wirksamkeit,. die er als akademischer Lehrer, als Prediger einer Großgemeinde, als Vertreter der Interessen des Rabbinerstandes ausübt. Er ist der Hochschuldozent, der sein Spezialfach, die praktische Theologie, aus dem Stadium unsicheren Probierens und Tastens auf die Höhe wissenschaftlicher Behandlung gehoben hat; er ist der reichbegabte, vorbildliche Verkündiger des Gotteswortes, der von Woche zu Woche die Berechtigung seiner theoretischen Ueberzeugungen an sich selber prüft und ihre Anwendung seinen Schülern vorlebt; er ist der Vorsitzende des deutschen Rabbinervexhandes und als solcher für den Zusammenhalt der Kollegen, für den Ausgleich gegensätzlicher'Anschauungen, für das äußere Ansehen unseres Amtes, unermüdlich tätig. Was Maybaum für die Lehre von der Kanzelberedsamkeit und für die Theorie des Religionsunterrichts geleistet hat, liegt in seinen Schriften über Homiletik und Didaktik klar vor aller Augen. Er hat es wohl als erster unternommen, das Wesen der jüdischen Predigt genau zu umgrenzen, ihre Geschichte und ihre Eigenart aufzuzeigen, ihre Form und ihren Inhalt gesetzmäßig abzuleiten; er ist den Aufgaben der Pädagogik nachgegangen und hat die Ziele der religiösen Unterweisung und ihre Wege zu bestimmen versucht. Für das heranreifende Theologengeschlecht sind diese Schriften von großer Bedeutung gewesen, sie haben ihm manchen Umweg, manch bittere Enttäuschung erspart. Gewiß können auch die besten Bücher die praktische Schulung in den Arbeiten des Berufs nicht ersetzen, aber sie können vorbereiten, auf Schwierigkeiten Hinweisen, die Mittel zu ihrer Ueberwindung an die Hand geben. Die Maybaumschen Bücher, der Extrakt seiner Amtserfahrungen, haben in Ber-