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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-18 · Heft 20 (18.5.1906) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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Russen ja viel barbarischer wie wir Marokkaner, und mit welchem Rechte sitzen dann Russen zu Gericht über uns? Man wird zugeben müssen, daß Gras Cassini durch solche Frage in große Verlegenheit gebracht worden wäre. Der österreichische Delegierte wäre gleichfalls in Verlegenheit, wenn er von dem marokkanischen Herrn an den Oberbürgermeister von Wien, an verschiedene Parlaments- Vorgänge, an etliche Prozesse erinnert worden wäre. Die deutschen Delegierten selbst hätte El Mokri fragen können, ob die Juden in Deutschland sich gar nicht zu beklagen hätten, ob Graf Pückter und seine Freunde in den antisemitischen Fraktionen und Zeitungen, ob der Pöbel von Könitz und Umgegend denn so viel besser wären wie die Marokkaner? Man begreift, daß die Delegierten Europas das lebhafteste Interesse daran hatten, es nicht zu solchen Erörterungell kommen zu lassen, durch welche Europa vor Afrika, das Christentum namentlich des heiligen Rußland vor den: Islam öffentlich vor der ganzen nach Algeciras blickenden Welt gar zu arg kompromittiert worden wären. Aus Scham mußte Europa dieses Thema vermeiden. Daß der Delegierte White es doch anschnitt, war entweder einfach eine amerikanische Rücksichtslosigkeit den europäischen Kollegen gegenüber oder dem Umstande zuzuschreiben, daß er ja nicht richtiger Delegierter war und auch ausdrücklich betont hatte, die amerikanische Regierung übernehme für die Ausführung der Konferenzbeschlüsse keine Garantie. Was Europa auf dem Berliner Kongreß, wenn auch ohne praktischen Erfolg getan, das durfte es auf der Konferenz in Algeciras nicht wagen, ohne sich im höchsten Grade lächerlich zu machen. In fast drei Dezennien, die zwischen den beiden Diplomatenversammlungen verflossen sind, hat Europa zwar in der Waffentechnik und in manchen anderen Dingen, besonders technischen, große Fortschritte gemacht, in allgemeiner Humanität aber nicht nur keine Fortschritte, sondern dank der aritisemitischen Bewegung sogar große Rückschritte. Bit Woche. Berlin, 15. Mai. un hat auch das Abgeordnetenhaus seine Ausweisungs-Debatte gehabt. Die Interpellation der beiden liberalen Parteieil hat sie am 12. d. M. veranlaßt. Und Albert Träger^ der, obwohl er im nächsten Monat 76 Jahre alt wird, sich eine bewundernswerte Kraft und Frische erhalten hat, begründete die Anfrage in einer wirksamen, auf allen Seiten des Hauses mit gespannter Aufmerksamkeit angehörten einstündigen und wahrhaft glänzenden Rede. Er wies darauf hin, daß ein weitgehendes Gastrecht für Ausländer als heilige traditionelle Sitte des preußischen Staates festgestellt worden ist, und daß selbst der reaktionäre Minister von Manteuffel sich schon vor 50 Jahren für die gesetzliche Regelung des Fremdenrechts ausgesprochen habe. Er beklagte die massenhaften Ausweisungen und sprach es als seine Rechtsansicht aus, daß bei einer Ausweisung Tatsachen vorliegen müßten, aus denen -hervorgehe, daß sich ein Ausländer lästig gemacht habe. Er lehnte es selbstverständlich von vornherein ab, konfessionelle Rücksichten für die Ausweisung gelten zu lassen. * Am Schluß seiner Ausführungen betonte Abgeordneter'Träger die Notwendigkeit der Unterhaltung sympathischer Beziehungen zu den benachbarten Völkern. Der Minister des Innern beantwortete die Interpellation sehr ruhig und höflich. Er erklärte, daß die Juden aktiv und passiv an der russischen Revolution stark beteiligt seien — leider mehr passiv als aktiv — lehnte aber jedes konfessionelle Motiv für die Ausweisungen gleichfalls ab. Er habe nur angeordnet, daß mittellose, unlegitimierte und politisch verdächtige Personen sofort ausgewiesen werden sollten, daß aber Personen, bei denen diese Kennzeichen nicht in so scharfem Maße hervorträten, deren dauerndes Verbleiben im preußischen Staatsgebiet aber im staatlichen Interesse unerwünscht sei, bekannt gegeben worden sei, sie müßten sich in absehbarer Zeit nach einem andern Aufenthaltsorte Umsehen. Das Moment der Gastlichkeit müsse hinter den staatlichen Interessen zurückstehen. Die Besprechung der Interpellation ergab ungefähr das gleiche Bild wie die Besprechung im Reichstag. Sowohl der nationalliberale Abgeordnete Friedberg wie der Zentrumsabgeordnete Herold sprachen sich im allgemeinen im Sinne der Interpellanten aus. Beide beklagten die Mißgriffe und erklärten eine gesetzliche Regelung des Fremdenrechts für notwendig. Der Redner der Konservativen, der von seiner antisemitischen Korpsburschenrede bekannte Herr von Brandenstein, billigte natürlich die Ausweisungen vollständig; er tat so, als handle es sich bei den Ausweisungen in der Hauptsache um das Fernhalten revolutionärer umstürzlerischer Elemente und machte kein Hehl daraus, daß ihm die Ausweisung namentlich russischer Juden hochwillkommen sei. Eine recht scharfe Rede hielt der freisinnige Abgeordnete Brömel. Nachdem der sreikonservative Abgeordnete v. Wohna erklärt hatte, man müsse einer „Slavisterung Preußens" Vorbeugen, nahm noch der freisinnigvolksparteiliche Abgeordnete Gyßling das Wort. Aus seiner Rede heben wir den folgenden Passus hervor: „Der Abgeordnete Werner hat gleich den: Abgeordneten Lattniann im Reichstag Bezug genommen auf einen Brief des Königsberger Schutzkomitees. Das Schutzkonlitee hat mich beauftragt, auf Grund authentischen Materials den Fall klarzustellen. Herr Perlmann ist ein durchaus verdientes Mitglied des Komitees, hat aber diesen Brief geschrieben ohne dessen Wissen oder Genehmigung, auf Grund von Unzuträglichkeiten, die sich mit einigen Mitgliedern desjüdischen Arbeiterbundes ergeben hatten, und die er ungerechterweise verallgemeinert hat. Das Schutzkomitee hat den Brief in Form und Inhalt ausdrücklich desavouiert." Für die Polen sprach sich der Abgeordnete v. Jazdzewski im Sinne der Interpellanten aus, während der antisemitische Abgeordnete Werner einige judenfeindliche Hausknechtswitze vorbrachte, die absolut keine Beziehung zu der Sache hatten. Damit hatte die Debatte glücklicherweise ihr Ende gefunden. Es ist nur schade, daß der ungeschickte Brief aus Königsberg, den der Abgeordnete Gyßling besprach, nicht schon früher dementiert wurde. Und ebenso bedauerlich ist, daß der „Hilfsverein der deutschen Juden" es bisher versäumt hat, der „Kreuzzeitung" auf die folgende Anzapfung — um kein stärkeres Wort zu gebrauchen — die gebührende Antwort zu geben: „Der deutsche Hilssausschuß für.die russischen Juden hat mehr als 2'4 Millionen Mark, die sozialdemokratische Parteileitung für die russischen Revolutionäre mehr als 300 000 Mark zusammengebracht. Wie diese bedeutenden Gelder verteilt wurden, wird der Oeffentlichkeit vorenthalten. Doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sehr erhebliche Beträge davon in die Hände jüdischer Sozialrevolutionäre und Anarchisten gelangten. Das wirb sich rächen, zunächst an den verblendeten Gebern selbst." Der „Reichsbote" geht natürlich noch weiter. Er sagt : „Während die Juden- und Rabbinerpresse bei uns immer den hervorragenden Anteil des Judentums an der russischen Revolution zu verschleiern trachtet oder gar abzuleugnen versucht, rühmen sich die der Revolution selbst nahestehenden Juden desselben mit Nachdruck und sind sogar giftig, daß es noch nicht genug anerkannt wird.?

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