Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 20 Berlin, 18. Mai 1906 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. vorcrten durch unsere verlriebsstkllen) b zogen viertelsährl. 3 in. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VörlsZs-Lxiieäitioll:- Berlin, Jerasalemerstr. 46,49. Alle Zuwendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf A7ofse, Berlin. Marokko und lkumamm. Berlin, 16. Mai. s wurde hier und da, namentlich in jüdischen Kreisen, erwartet nnd gewünscht, daß die Marokko-Konferenz den Marokkanern die Pflicht auferlege, die Juden menschlicher zu behandeln. Sie hat es nicht getan, nur ganz zuletzt, als alle wichtigen Fragen erledigt waren und die Diplomaten sich änschickten, ihr ödes spanisches Exil zu verlassen, brachte der amerikanische Vertreter, gewissermaßen als Vertreter des Erdteils, der es besser hat als unser Kontinent, der alte, und der modernsten Regierung, eine schüchterne Resolution vor, die von dem Vertreter Spaniens — so wollte es einmal die witzige Klio — das den Juden gegenüber am meisten auf dem Kerbholz hat, dafür auch von Madame Klio, die nicht nur witzig, sondern auch sehr unheimlich streng sein kann, ganz besonders hart bestraft worden ist, mit einigen herzlichen und offenbar Reue wegen alter schwerer Sünden bekundenden Worten befürwortet wurde. Das war alles und hat praktisch nicht den allergeringsten Wert. Es ist aber auch nicht leicht einzusehen, warum die Juden von der Konferenz etwas erwarteten, und fast noch weniger, warum sie so sehr bedauern, daß man In Algeciras nichts, beziehungsweise so wenig für die marokkanischen Juden getan habe. Der Berliner Kongreß war eine weit bedeutendere Versammlung von Diplomaten als die Marokko-Konferenz. Jener Kongreß hat Rumänien die menschliche Behandlung der Juden als Pflicht auferlegt, hat ihm sogar ein sehr anständiges Geschenk gemacht, so daß Rumänien schon aus bloßer Dankbarkeit gegen den Kongreß dessen Wünsche hätte erfüllen müssen, abgesehen davon, daß Vertragstreue an sich auch ein gut, ja wichtig Ding ist. Wie aber steht es mit. den Juden in Rumänien? Die edlen Bojaren kümmern sich nicht einen Pfifferling, um die in Berlin eingegangenen Verpflichtungen, oder, was vielleicht noch schlimmer ist, sie kümmern, sich gerade soviel um sie als nötig ist, um den Kongreß für ewige Zeiten in den Augen der Welt nachträglich lächerlich zu machen. Europa aber ist ruhig, nicht weil Europa ruhig sein kann, sondern es ist ruhig aus Mangel an Selbstachtung, und daß Europa so ruhig diesen Affront einsteckt, ist vielleicht die einzige Entschuldigung, ist wenigstens ein mildernder Umstand für die rumänische Vertragsverletzung. Man darf auch Völker nicht in Versuchung führen, zumal nicht Völker, die noch so laxe Begriffe von Recht und Pflicht und anderen sittlichen Grundsätzen haben wie die edlen Bojaren, Bojaren aus der Moldau-Walachei. Hören wir zum Beispiel aber auch einen Prosessor. Der Jaffyer Universitätsprosessor Lenopol, der nach antisemitischem Zeugnis der größte Historiker Rumäniens sein soll, sagt, die Gesetzgebung Rumäniens schließe keineswegs die Möglichkeit aus, daß dem einen oder dem anderen Juden die Naturalisierung, das heißt die volle politische Gleichberechtigung, verliehen werde. Aber in der Verpflichtung, die Rumänien auf dem Berliner Kongreß eingegangen ist, ist nicht von einein und dem anderen, sondern von den Juden die Rede. Das müßte der größte Historiker Rumäniens wissen. Er weiß es auch, aber er glaubt, den indifferenten europäischen Mächten .gegenüber sich diese Dreistigkeit leisten zu dürfen. Abgesehen davon, daß Europa in Algeciras nicht gern an sein schwächliches Verhalten Rumänien gegenüber erinnert werden mochte, hatte es noch andere Gründe, dort die marokkanische Judensrage möglichst unberührt zu lassen. Man mußte ja befürchten, daß die Marokkaner den Spieß umdrehten, mindestens den Diplomaten den Rat erteilten, sie sollten doch vor ihrer eigenen Tür kehren, oder gar daß sie den christlichen Vertretern biblisch kamen und ihnen vorwarfen, daß sie den Splitter in des Mohammedaners Auge sehen und nicht gewahr werden den Balken im eigenen Auge, oder daß sie Mücken seigten und Kamele schlucken. Man muß zugeben, daß das für die christlichen Delegierten sehr unbequeme Bibelzitate gewesen wären. Noch unbequemer vielleicht wäre es, wenn die marokkanischen Delegierten mit der den Orientalen eigenen Höflichkeit geschwiegen und nur durch ihren Blick gezeigt hätten, was sie von denen halten, die großes Geschrei erheben über den schwachen Sünder, ihn gar henkendie großen Sünder aber unbehelligt lassen. Hätte vielleicht der russische Delegierte dafür eintreten sollen, daß ein Marokkaner, der'einen Juden totschlägt, nicht bloß mit tausend Mark Strafe davon kommen, sondern schwerer bestraft werden soll? Aber in Rußland werden jä Tausende von Juden umgebracht, nicht bloß vom Privatpöbel, sondern unter Schutz, Führung, ja Teilnahme einer wohllöblichen Polizei und mächtigen Armee, jener Armee, die ohne Heiligenbilder nicht ins Feld zieht. Wenn dem Grafen Cassini das von El Mokri vorgehalten worden wäre, dann hätte er höchstens sagen können, wir berauben, schänden und morden keineswegs bloß Juden und Jüdinnen, sondern ohne 'Unterschied der Konfession und Nationalität. In Grusien sind die ältesten Frauen und jüngsten Mädchen vor den Lüsten der Soldaten nicht sicher, die zur Schändung von Greisinnen und noch nicht schulpflichtigen Kindern kommandiert werden. Eingekerkert, gefoltert, hingerichtet wurden viel mehr Christen als Juden. El Mokri hätte dann allerdings" den Vorwurf exzeptioneller Judenverfolgung in Rußland vielleicht zurückgenommen, aber behaupten können, dann sind die