Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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andere der Kinder zur Erziehung ins Ausland geben wvlle. Die Handwerkersrau sagte: „Sie wird nicht." Der Mann sagten „Warum soll sie nicht? Sie hat nichts, die Kinder zu ernähren." Die Frau sagte erregt: „Aber sie ist doch die Mutter." Darauf erklärte ich ihr, daß auf die Mutter keinerlei Zwang ausgeübt werde, daß man ihr eine Erleichterung anbiete und daß sie für die Zukunft auf ihre Rechte als Mutter nicht zu verzichterr braucht. Da sagte der Mann: „Madame, Sie tun eine große Wohltat, wenn Sie die Kinder irgendwo gut lernen lassen und Menschen aus ihnen machen. Wissen Sie, es gibt Mütter, die können Kinder ziehen, und es gibt Mütter, die können Geld verdienen. Dieses ist eine Mutter, die kann noch nicht für sich selbst sorgen, viel weniger für die Kinder, und kann keine Kopeke verdienen. „Verschreiben" Sie die Kinder." Ich notierte die Nanren der Kinder. Dann wandte ich mich nochmals zu Wera und Ora. Das Mädchen hatte sicher verstanden, wovon gesprochen worden war. Beide blickten mich wieder an, so unsäglich traurig, und beide Kinder seufzten wieder tief und schwer, gedrückt von der Last, die sie mit ihrem ganzen Stamme zu tragen haben. Litrrsrilchr Mitteilungen. Monumenta Judaica. Prima pars: Bibliotheca targumica. Das Targum des Onkelos, herausgegeben von Professor August Wünsche, P. Professor Dr. W. Neumann, Dr. U. Altschüler, unter Leitung von Dr. I. I. Hollitscher, im Akademischen Verlag Wien. Generalvertrieb „Union", Gesellschaft für Literatur und Kunst, Wien-Leipzig 1906. Lieferung I. Soeben ist das erste, prächtig ausgestattete Heft dieses großen literarischen Quellenwerkes erschienen, das es sich zur Aufgabe macht, jedem die Urquellen zu erschließen, die zur Erkenntnis des biblischen und talmudischen Judentums und seiner Geschichte führen. Die außerjüdische Welt, selbst die der gelehrtesten Fachkenner, mußte zum Schaden der historischen Treue und Wahrhaftigkeit oft zu Bearbeitungen aus zweiter und dritter Hand greifen. Nur wenigen Bearbeitern der Zeitepochen für die Targumim, das heißt aramäische Paraphrasen des Alten Testaments, die wie die Talmude Babyloniens und Palästinas Quellenwerke ersten Ranges sind, ist es gelungen, den Geist dieser uralten Paraphrasen vollkommen zu erfassen. Insbesondere die vielfach verkannte und mißverstandene historische Ueberlieferung der Talmude hat selbst bei großen und gründlichen Forschern wie Bousset, Schürer und Harnack, zu Grundfehlern ihrer Darstellungen geführt, weil ihnen das Eindringen in die überaus schwierigen Texte nicht gelang. Die Monumenta Judaica, die zunächst in Bibliotbeca Targumica und Bibliotheca Talmudica zerfallen, wollen der wissenschaftlichen Welt die aramäischen Übersetzungen des Pentateuch von Onkelos-Akylas und Jonathan, die unter den Namen Targum Onkelos und Targum Jeruschalmi bekannt sind, sowie die geschichtlich wertvollen Teile des babylonischen und palästinensischen Talmuds vollkommen zugänglich machen. An die seltsamerweise in lateinischer Transkription erscheinende Textausgabe der Tragumim und deren wort- und sinngetreue deutsche Uebersetzung und die Talmudtexte wird sich ein kritisch-exegetischer Apparat schließen. Die transkribierte Textedition muß natürlich auf jüdische Leser befremdlich wirken — aber für die nichtjüdischen ist sie doch wohl ein Vorteil. Die Monumenta Judaica werden vom akademischen Verlag (Wien und Leipzig) herausgegeben, an dessen Spitze Dr. I. I. Hollitscher als Direktor steht.' Dem Redaktionskomitee gehören ferner an: Universitätsprofessor Dr. W. Neumann (Wien), Universitätsprofessor Dr. A. Wünsche (Dresden) und Dr. M. Altschüler, Herausgeber der Vierteljahrschrift für Bibelkunde und Patristik (Wien). Diese Zusammensetzung, gegen welche manches Bedenken zu erheben sein dürfte, soll dafür Bürgschaft leisten, daß 'in der Auffassung und Beurteilung namentlich der ^Talmudqüellen nicht irgendein subjektiver Standpunkt zum Ausdruck gelange oder daß Tendenz die Erläuterung trübe. Aus demselben Grunde wurde eine große Anzahl von katholischen, protestantischen und jüdischen Fachgekehrten als Mitarbeiter angeworben. Das vorliegende erste Heft der Monumenta enthält eine Über Zweck und Anlage vollkommen orientierende Einleitung, das Mitarbeiterverzeichnis, die angewandten Abbreviaturen, einen Exkurs über „die mündliche Ueberlieferung", ein Abschnitt über „Namen und Leben des Onkelos nach talmudischen Quellen". Das Transkriptionsalphabet gibt Aufschluß über die Grundsätze der Umschreibung. Hierauf folgt der Tragumtext mit Uebersetzung bis Gen. XVIII. inet. Ein bestimmtes wissenschaftliches Urteil über das ganze eigenartige Unternehmen muß den Männern voll Fach überlassen bleiben. Diese werden es sicherlich an strenger, aber gerechter Kritik nicht fehlen lassen. $ — Einen in feiner Art höchst originellen und interessanten Katalog I. gibt der in Fachkreisen längst hochgeschätzte Antiquar Martin Breslauer (Unter den Linden 16) heraus. Er enthält seltene und sehr wertvolle Bücher und Manuskripte jeder Art. meist aber aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Für unsere Kreise ist darin von besonderem Interesse der „Judenbücherstreit" zwischen Reu'chlin und den Kölner Dunkelmännern, der sich in dieser Sammlung nahezu vollständig vorfindek. Es sind 50 Nummern von seltenem Werte und großer historischer Bedeutung. Aber der ganze Katalog ist geeignet, das Interesse der Sammler und Antiquare zu erregen. Schon rein äußerlich betrachtet, übertrifft er die meisten der bisher in Deutschland veröffentlichten Antiquariatskalaloge. Der sehr sorgfältige Druck und die reichen illustrierten Beigaben (über 100) verleihen ihm das Gepräge einer vornehmen Publikation. Der Kenner wird sich an der mit großer Sachkenntnis ausgeführten Bearbeitung erfreuen. Die Titelaufnahmen sind bibliographisch genau wiedergegeben; diesen schließen sich meist eingehende, sachlich gehaltene Beschreibungen an, die nur durch gewissenhaftes Forschen mit Hilfe eines großen bibliographischen Handapparates möglich sind. Alles in allem ein Prachtkatalog, dessen Studium allen Bibliophilen und Antiquaren angelegentlichst empfohlen werden kann und der seinem Autor zur Ehre gereicht. Angesichts eines solchen Katalogs kann man die unqualifizierbaren Aeußerungen Adolf Bartels über die Verjndung des deutschen Buchhandels am besten beurteilen. Sxrechsasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! meinem Bericht über die Organisation des jüdischen Religions- Unterrichtes an den hiesigen höheren Lehranstalten ist durch Versehen des Setzers ein Wort fortgelassen und dadurch ein wesentlicher Satz sinnlos geworden. Der betreffende Passus (Seite 209, Spalte 2) muß lauten: „. . . so ergibt sich. das erfreuliche Resultat, daß der gesamten Jugend unserer Gemeinde eine planmäßige und systematische religiöse Erziehung und Ausbildung während ihrer ganzen Schulzeit, das ist acht bezw. zwölf Jahre hindurch, zuteil wird." Ihr ergebener Stettin, 6. Mai 1906. Dr. Worms. * In meinem Artikel „Leon Modena" hat sich im letzten Abschnitt (S. 214, letzter Absatz) ein sachlicher Fehler eingeschlichen, den ich berichtigen muß. Es soll nicht heißen . . . Mantua, das damals unter spanischer Herrschaft stand," sondern „. . . das unter der Herrschaft der Gonzaga stand." Dr. S. Bernfeld. * In dem „Brief aus Köln" in Nummer 17 hat sich ein Druckfehler eingeschlichen. Die Firma, welche die Orgel lieferte, heißt E. F. Walcker L Co. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.