Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228710--62607-3289762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*227 schön, umrieselt und umstrichen voll Wellen und Wind ©mm und Elend zu vergessen und sonnenwärts zu blicken. Am jenseitigen Ufer stieg die Bäuerin ab, räumte ihre Ladung aus dem Wagen und vorwärts ging es im Trab auf einem Weg, der einem Sturzacker in Hügellanden sehr ähnlich war. Neben dem Wagen lief ein Strick, den ich manchmal erhaschen und mich sesthalten konnte. Da faßte unseren Bauern aber plötzlich der Ehrgeiz, einem andern Bauernwagen, der vor mt§ trottete, vorzufahren. Das waren erschütternde Momente. Aber ich darf es gestehen, als alles gut von statten gegangen war, freute auch ich mich des Rekords, über den der Bauer triumphierend seine blanken Zahne wies. Bald kamen wir an die deutsche Kolonie Ribalsk, auch einem landfremden Auge auffallend und kenntlich daran, daß Häuser, Höfe und Garten in musterhafter Ordnung und tadellos gehalten da lagen. Die Kinder kamen sauber gekleidet aus einem gepflegten Schulhause, sie grüßten uns freundlich, ein greller Gegensatz zu den russischen Kindern in dem nächsten, drei Minuten von Ribalsk entfernten Bauerndorfe, wo die in schmutzigen Lumpen steckende Jugend indolent herumlnngerte. Ich konnte es mir nicht versagen, einen Moment in ein solches deutsches Haus einzutreten. Der Bauer, dem es gehörte, ein Hüne mit freundlichem Ernst und Würde im Ausdruck und Haltung, erklärte, auf unsere Bitte seine Bereitwilligkeit, uns sein Haus zu zeigen. Peinliche Sauberkeit und Ordnung in allen Räumen. Die Betten bis an die Decke getürmt, ein Glasschrauk mit Tellern und Tassen, eine blanke, tiefenbe Pendeluhr, und in dem einen Zimmer die rundliche Bäuerin mit dicken Zöpfen um den Kopf gelegt an der Wiege sitzend, den Strickstrumpf in den flinken Fingern; die Großmutter, aus Joachimsthal gebürtig, hatte das Kleinste fest gewickelt auf dem Schoß. Es schrie mörderlich, als wir eintraten, doch sicher nicht aus Unliebenswürdigkeit, sondern vermutlich aus Unbehagen, da mir das rotgefleckte Gesichtchen und die Händchen auf Masern oder Scharlach zu deuten schienen. Alles, alles, die Magd am Fenster, die Katze am Ofen, schienen auf einen Gerhard Daw oder Jan Steen zu warten, und ich fühlte auf einmal, was Kultur in einem Volke ist. Endlich kam die Steppe. In unendlicher Weite baumnnd strauchlose Wellen Landes, mit grünlichem Schimmer kurzen Graswuchses, darüber der Sturm herrscht. Tausende von Werst köstlichen Ackerbodens, unbebaut, Raum und Brot, Leben und Kultur für Millionen von Menschen darbietend, und man wird tieftraurig, daß nur das Wort „Blut" der Sesam sein soll, der sie einem obdachlosen, kulturhungrigen Volke zugänglich machen soll. Jgren lag nun vor uns. In scharfem Trabe ging es durch eine mit Schneewasser gefüllte Mulde. Eine Herde Enten flog über die unerwartete Störung kreischend auf. Idyllisch zwischen Bäumen sahen wir die Bauernhäuschen, teilweise elende Hütten, daliegen. In welchen mochten wohl die Mörder wohnen, die straflos ihre friedlichen Nachbarn hatten anfallen und töten dürfen? Denn in Jgren waren es die Bauern selbst, die den Pogrom abgehalten hatten. Wir verließen den Wagen und gingen auf ein Häuschen zu, das einem Handwerker gehörte, der nur ausgeraubt worden war. Durch eine Tür, unter der ich mich bücken mußte, um nicht an den Balken zu stoßen, traten wir in einen winzigen Ramn, die sonstige Werkstätte, angeraumt mit allerlei privitivem Werkzeug, Gerümpel und altem Hausrat usw. Vor einer Tür, deren Füllungen durchgestoßen und mit Pappendeckel ersetzt waren, stand eine niedere Bank mit einigen Kissen. Als wir eintraten, erhob sich von der Bank eil: blasses, blondes, etwa achtjähriges Mädchen, sprang eilig an einen Wassereimer, wusch ihr Gesicht mit deu Händen, trocknete es mit einem Lappen, wickelte den Kopf nach Art alter Frauen in ein wollenes Tuch und setzte sich wieder auf die Bank neben ein ebenfalls blasses sehr hübsches Bübchen von etwa zwei Jahren, das regungslos dasaß. Gleichzeitig traf uns ein befremdeter Blick ans zwei paar großen, blauen, dunkelgeränderten Kinderaugen. „Wie heißt Du?" „Wera!" „Und Du Kleiner?" „Ora!" Nur das Mädchen hatte leise die beiden Namen genannt. Der Handwerker und seine Frau kamen. Sie geschwätzig, er ruhig und vernünftig berichtend. Ich fragte nach der Witwe rmd den Kindern. Die Frau sei in die Stadt gegangen, vom Komitee Geld erbitten, denn die 150 Rubel, die sie bekommen hatten, seien aufgezehrt. „Und die Kinder?" „Die Aelteste von sechszehn Jahren ist zum Augendoktor gegangen." „Was arbeitet sie?" „Nichts!" sagte der Mann mit selbstverständlichem Ton. „Es gibt keine Arbeit. Und ein Mädchen, was soll sie machen? Ich, ein gelernter Arbeiter, habe keine Arbeit," fügte er voll Bitterkeit hinzu. „Und die anderen Kinder?" „Drei sind bei Verwandten zum Essen und zwei sind da," er deutete auf die Kinder, „und das Siebente kommt bald, in zwei Monaten." „Wo schläft die Familie?" „Hier auf dem Bett!" Die Frau deutete auf die Bank mit den Kissen, und schaudernd erfuhr ich, daß sieben Menschen ihre Nächte auf dieser Bank und vermutlich auf dem Fußboden daneben zubrachten. Einen Moment konnte ich nicht sprechen, trat ans Fenster und blickte in die klare Sonne. „In jenem Hause dort haben sie gewohnt, bevor sie zu uns gekomlnen sind. Der Mann groß und stark — er hätt' können hundert Jahr alt werden — geht vor die Tür, drüben steht einer und schießt ihn nieder. Er war gleich tot, aber zum Vergnügen haben sie noch oft auf ihn geschossen." Ich blickte verstohlen nach den Kindern, sah Weras Augen in Tränen schwimmell und beide Kinder seufzten schwer. Um sie abzulenken, versuchte ich mit ihnen zu sprechen. Keine Antwort. Ich reichte ihnen etwas Schokolade, aber arrch dieses Volapük der Kinderstuben 'blieb unverstanden. „Der Kleine bangt nach der Mutter," sagte die Arbeiterfrau. Der Mann fuhr fort: „Und in jenem Haus wohnt ein alter Mann, er hatte zwei große Söhne, die haben sich nicht wollen gutwillig plündern lassen. Da hat man sie erstochen, auf die Straße gezogen, und hat ihnen zum Spaß die Köpfe auseinander geschlagen." Ich hatte in diesen Tagen schon viel Schreckliches gehört, aber das war zu viel. Mir war plötzlich, als sähe ich Blut auf der Dorfstraße. „Und die Mörder?" Der Mann zuckte die Achseln. „Man weiß und man weiß nicht." Und nun erklärte ich den Leuten den Zweck meines Konunens und fragte, ob die Frau vielleicht eines oder das