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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-11 · Heft 19 (11.5.1906) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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geschehen sind, zur Schande derer, die sie geschehen ließe:!, und. unaustilgbar aus dem Gedächtnis derer, die sie am schmerzenden Leibe erdulden mußten. Aber die Natur schien dem Ausnahmezustände, dein Kriegszustände gegenüber, der sich in der Stadt durch Patrouillen und Kosaken bemerkbar machte, ihre unverwüstliche Kraft und Schönheit einmal so recht beweisen zu wollen. Breit und ohne sichtlichen Wellenschlag, unbelebt durch Schiffe oder Boote, lag der Dnjeper spiegelnd da, und wir ließen ihn bald weit zurück, denn Moitjas Pferde liefen gut. Der Weg war sogar ein Stück weit gepflastert, dann vielfach in einem angenehmen Mittelzustand zwischen Morast und Staub. Rechts ein Hain von schlanken, dunkelstämmigen Bäumen, die ihre zarten Zweige in den blanken Schneepfützen zu betrachten schienen, die aber dem praktischen Sinne meines Begleiters keine Sympathie abgewannen, weil sie weder zum Bauen noch zum Brennen taugen. Ich fand diese verachteten Assinen einfach schön, und vielleicht ist damit auch der schöpferische Gedanke, dem sie dienen sollen, erfüllt. Ich fragte mit einer gewissen Erwartung, ob wir denn bald die Steppe erreichen würden. — Erst jenseits des Samara, eines Nebenflusses des Dnjeper, hieß es. — Kleine niedere Sträucher rechts und links der Straße entlang sollten mir der Beweis sein, daß wir die Steppe noch nicht erreicht hatten. — Dafür erschien bald eine kleine, blank weiß getünchte Kirche: Fünf malachitgrüne Kuppeln, jede eine lazuliblaue Kugel balanzierend, die mittlere größte Kuppet noch besonders mit einem Kranz von sechs kugelgekrönten Türmchen umgeben. Die ganze Baulichkeit, die ohne sichtlichen Zusammenhang mit einer Ortschaft dalag, machte im Auftauchen und Verschwinden den Eindruck einer reizvollen Fatamorgana. Wir waren schon zwei Stunden gefahren, und von der Steppe herüber war ein heftiger Wind gekommen, der trotz herabgelassenen Halbverdecks unseres Wagens einen Kampf mit meinem Hut und Mantel aufnahm. Mein Begleiter wünschte trotzdem „der guten Luft wegen" das Dach des Wagens zurückzuschtagen, und nur langsam gelang es mir, ihm klar zu machen, daß er unter Umständen seine Reisegefährtin fortgewirbelt sehen würde, wenn er darauf bestünde, sein großes Lustbedürfnis, das mit den sonstigen russischen Gewohnheiten gar nicht übereinstimme, voll zu befriedigen. Neue dünne Baumstämme zeigten uns bald an, daß wir uns dem Samara näherten, und ich hatte auch von weitem einen hohen Eisenbahndamm und eine Brücke gesehen, über die mit landesüblicher Langsamkeit ein Zug geglitten war. Wir näherten uns dem Ufer, das sich am Bahndamm buchtartig verbreitete. Fünf Bauernwagen standen da und ich erfuhr jetzt erst, daß wir - Wagen, Pferde und Menschen — nur mittels einer Fähre über den Fluß setzen konnten. ® Die Fahre konnte aber nicht bis ans Ufer gerudert werden, da es zu flach war, die Fuhrwerke mußte:: also mit ihrer lebenden und toten Ladung ein gutes Stück durchs Wasser bis an die Fahre zu gelangen suchen. Ich sah auch auf den ersten Blick, daß unsere Kalesche zu niedrig war, um durchs Wasser zu kommen, ohne daß die Wellen das Trittbrett des Wagens überschtugen. Herrn O.'s Antrag, im Wagen sitzen zu bleiben, und meine Füße gegen den Rücksitz zu stemmen, lehnte ich mangels turnerischer Uebung ab. Darum versuchten wir, ob wir nicht zu Fuß über die Eisenbahnbrücke auf die andere Seite des Samara konunen könnten. Wir patschten darurn erst eine Strecke über moorartigen Grund und wollten den Bahndamm erklimmen bis zu einer Stelle, an der eine unvollendete Treppe weiter führte. Aber mit Gummischuhen an den Füßen, im Kampf mit dem Sturm — es war keine Zimperlichkeit — es war wirklich unmöglich. Mir war aber doch, als lachten auf dem Rückwege die Pfützen uns leise aus, als sie leise klatschende Töne hören ließen. Ans Ufer zurückgekehrt, entstand zwischen allen Bauern, unserm Kutscher und Herrn O. ein unendlich langes Konsilium. Zeit ist ein Faktor, mit dem man in Rußland wenig rechnet. Mein Vorschlag, die Ueberfahrt auf einem der hohen Bauernwagen zu machen, blieb unbe:nerkt, bis endlich, nachdem die Achsenhöhe unserer Kalesche und eines Bauernwagens umständlich mit einiger: Peitschenstilen ausgemessen war, auch einer der Bauern auf die Idee kam, uns auf sein Fuhrwerk zu nehmen. Man hatte nämlich indessen eingesehen, daß Moitja überhaupt nicht durch den Fluß fahren konnte, und der Bauer hatte sich darum sogar erboten, seine eigene Fahrt zu unterbrechen, von seinem Wege abzuzweigen und uns nach Jgren und zurück zu expedieren. Er verlangte zwei Rubel für die Leistung. Herr O. fand das zuviel. Es begannen nun neuerliche langwierige Verhandlungen, an denen sich wieder — bis auf mich, die durch Sprachunkenntnis zur Rolle der Taubstummen verurteilt war - alle Anwesenden lebhaft beteiligten. Es waren auch drei Bauern von der nahen deutschen Kolonie da. die freuten sich, deutsch sprechen zu können. Sie erzählten mir, daß sie in den berüchtigten Pogromtagen eine jüdische Familie, die nahe bei der Kolonie wohnte, hätten schützen wollen. Da hätten die Polizisten und Soldaten ein Papier vorgewiefen, das den Auftrag nachwies, die Juden zu plündern. In: Falle des Widerstandes seitens der Kolonisten hätten sie das deutsche Dorf niederzubrennen! Die Angreifer waren in der Uebermacht, die Habseligkeiten der Inden wurden auf die Straße geworfen und möglichst zertrümmert. Nachdem die Hüter des Gesetzes wieder abgezogen waren, halfen die Deutschen den Juden ihr Eigentun: wieder zusammen suchen. Nur vor Mord und Totschlag hatten sie sie zu retten gewußt. Inzwischen waren Herrn O/s Verhandlungen mit dem Bauer so weit gediehen, daß dieser Recht behalten hatte und wir uns für zwei Rubel auf den Weg machten. Ich kletterte mit freudiger Selbstverständlichkeit auf den Wagen. Der Bauer und die Bäuerin begannen äußerst umständlich Mehlsäcke, ein Heringsfäßchen und einen Eimer mit dicken roten Rüben so umzuordnen, daß für die zwei neuen Passagiere auf einem Brett, über einer Lage Stroh, reichlich Platz wurde. Die Bäuerin lachte, der Bauer auch. Der Wind blies andauernd, aber ich dankte der Brise, die den Dust der Schafpelze vor mir in die Steppe trug. Endlich — es war inzwischen 4 Uhr geworden — zogen wir den anderen Wagen voran durchs Wasser auf die Fähre. Die Pferde mußten bis an die Brust durch die schmutzig-grünen Wellen des Samara. Aber nicht alle Gäule hinter uns waren so bereit wie die unseren, sich mit ihrer Last einem kalten Flußbad anzubequemen. Das war denn ein Schreien, Fluchen, Lachen, Rufen, Peitschenknallen, bis endlich auf der kleinen Fähre fünf Wagen, 13 Pferde und mindestens 20 Menschen so eng zusammengekeilt waren, daß ich es dem Fuchs hinter mir verzeihen mußte, als er der Lust nicht widerstehen konnte, an meinem Pelzkragen zu knabbern. Neun Mann ruderten, zwei steuerten. Leider dauerte die Ueberfahrt nicht lange, denn trotzdem die Luft inzwischen recht rauh geworden war, war es doch sehr

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