Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Blut von Tieren genießen?" Daraus geht nach Reinach hervor, daß die christliche Gemeinde von Lyon um das Jahr 177 n. Chr. nur nach jüdischem Ritus geschlachtetes Fleisch genoß. Die Christin vom Jahre 177 gab also auf die wahnsinnige Anklage die gleiche Antwort, die man heutzutage auf die Blutbeschuldigung, die sich natürlich immer gegen rituell lebende Juden richtet, am richtigsten und einfachsten gibt. Reinach schließt noch weiter, daß man daraus auf eine Judengemeinde in Lyon um 177 schließen darf, die bis jetzt nicht bekannt war, da es unmöglich so viele Christen dort gegeben haben könne, um einen „schachtenden Christenmetzger" annehmen zu dürfen. * . * In der Berliner Gesellschaft für deutsche Literatur erörterte neulich Prof. Petersen das eigenartige Weiterleben einer mittelalterlichen Ritterdichtung, des „Wigalois" des Wirent von Gravenberg, bis ins 18. Jahrhundert. Die seltsame jüdisch-deutsche Reimbearbeitung des Josel von Witzenhausen („Bon König Artis Hof und von dem berühmten Ritter Wieduwilt"), die Wagenseil 169S aus hebräischer in deutschen Schrift zurückübertragen hatte/ gab 1786 einem in Berlin lebenden Augsburger den Stoff zu einem Amrnen° märchen, das die alten ritterlichen Abenteuer in den ironischen Märchenstil des 18. Jahrhunderts herabzog. Ueber diese jüdisch-deutsche Bearbeitung der Artus frage urteilte zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Professor Beneke in Göttiugen, daß „alle Frechheit eines jüdischen Bänkelsängers" darin zu finden sei. Heute denkt man anders darüber. In der „Zeitschrift für hebr. Bibliographie", Jahrg. 1905, hat M. Schüler das Gedicht zum Gegenstand einer eingehenden literarhistorischen Untersuchung gemacht. * * * In dem Buche, das die Geschichte der „Familie Mendelssohn" bis auf unsere Tage führt (Sebastian Hensel, Ein Lebensbild aus Deutschlands Lehrjahren. Berlin 1903, S. 185) finde sich aufS. 185 folgende Briefstelle: Rebecka Dirichlet, die Tochter Abraham Mendelssohns, schreibt an Hensel, Berlin, 4. April 1855: „Ich habe während meines Krankseins allerlei Bücher durchgeblättert, u. a. ein Buch von Auerbach. Dichter und Kaufmann; es. ist aber, obgleich manches hübsche darin ist, zu jüdisch für einen Juden. Unsereins kann sich nicht die Veilchen und Träubchen reizend denken, ich habe das ganze Buch durchgemauschelt. Außerdem halte ich es für ein verkehrtes Ding, das Leben eines bewußten Schwachmatikus einen dicken Band hindurch zu beschreiben, der nicht klüger (bet Mann nämlich) dadurch wird, daß er mit Moses Mendelssohn und Lessing verkehrt. Doch hat's mich persönlich interessiert, weil ich an viele Erzählungen von Vater und Mutter dabei gedacht habe, namentlich Vaters tiefen Haß gegen das Judentum, der mir «ft unangenehm war, wieder verschiedentlich darin erklärt und uwtiviert gefunden habe." Paul Mendelssohn-Bartholdy (geb. 1813), der Sohn Abraham Mendelssohns, schreibt dagegen an Hensel, Rom, 2. Februar 1858: „Gott weiß, woher es kommt; aber die prächtigsten Zeremonien in den Kirchen lassen mich auf eine Weise kalt — sie ekeln mich an — daß ich immer gern, wie der Geheime Kommerzienrat Meyer, zehn Klafter tief auf einem Wägelchen (wie er vorsichtiger Weise, um sich die Sache zu erleichtern, sagte!) unter die Erde fahren möchte. Lessing empfahl einmal an Moses Mendelssohn einen jungen Mann, welcher ein Land suchte, „wo es weder Christen noch Juden gäbe!" — Und möge mir Gott meinen Ungeschmack verzeihen; — im Ghetto fühle ich mich innerlich mehr zu Hause als in St. Pet^r, wenn der Papst sein Wesen daselbst treibt. Müßte also eins oder das andere sein, so würde ich mich eher dem Hohenpriester als dem Papst anschließen." * * * Björnsterne Björnson, sonst ein großer Philosemit, entwickelte einrnal, wie die „Frankfurter Zeitung" erzählt, seine Einwendungen gegen die Betätigung der Inden in Literatur und Publizistik: „Sie machen aus alleul eine Sensation", sagte er, „sie wollen um jeden Preis modern sein, hypermodern, nicht von heute, sondern von morgen, und verhindern dadurch jede gesunde Entwicklung." Ich fragte, an welchem „Literaturjuden" er denn diese Eigenschaft konstatiert habe. „An Hermann Bahr zum Beispiel", war die Antwort. Ich hatte Mühe, dem Alten glaublich zu machen, daß Bahr nie Jude gewesen, aus einer urarischen oberösterreichischeu Familie stamme und eine Zeitlang auch als deulschnationaler Antisemit gewirkt habe. „Nein> ich kann es kaum glauben," erwiderte Björnson innner wieder kopfschüttelnd, „Jüdischeres" ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen." Woraus wieder zu ersehen ist, wie unfehlbar die Wertungen und Schachtelungen nach der Rasse sind. Mrm. Ein Tagebnchblntt. Von Bertha Pappen heim. ollen Sie auch nach Jgren fahren?" fragte mich Herr £>., mein liebenswürdiger Führer von Jekaterinoslaw. „Aber es sind dort „nur" vier Familien pogromiert worden: drei Mann sind getötet, einer zerschlagen und verwundet, und eine Witwe mit sechs Kindern ist da." „Wir wollen fahren." „Aber es sind 22 Werst mit dem Wagen!" „Ich möchte die Frau und die Kinder gern sehen." Am andern Tag um 12 Uhr waren Herr O. und Moitja der Kutscher da und es ging fort in scharfem Trabe. Die Luft war frisch und durchsichtig, die Sonne wärmte wie an einem schönen Ostertage in Baden-Baden,.und Herr O. bestätigte, daß dies eine ganz ungewöhnliche Temperatur sei, zn einer Zeit, in der es sonst noch harte Fröste gäbe. Ich freute mich dieses Ausnahmezustandes, der mir etwas von dem Drucke des anderen Ausnahmezustandes nahm, der in Jekaterinoslaw herrschte. Gegen Entrichtung einer kleinen Mautgebühr ging es erst über eine Riesenbrücke, die über den Dnjeper führte. Rechts ein Fabrikdorf mit rauchenden Schornsteinen. 18 000 Arbeiter wohnen dort, die, als „von oben'^ der' Befehl des Plünderns kam, den Juden mit bewaffneter Hand beigeftanden hatten und gedroht hatten, den Ort in Brand zu stecken, wenn ein Angriff auf die Juden geschähe. Die offiziösen Mörder wichen der bewaffneten Ueberzahl und keine Untat geschah, wie überall, wo die Arbeiter die Menschenrechte zu schützen imstande waren. Anders in dem nahen Amur, wo die Zahl der Sozialisten gegen die Uebermacht des Militärs nicht genügte und mehrere Familien geplündert und einige Männer getötet und verwundet wurden. Wie die Raben unfern Wagen begleiteten, und oft aufkreischend das friedliche Landschaftsbild störten, so auch die Erzählungen meines Begleiters, sein Hindeuten auf Begebenheiten, sein Ergänzen und Ausführen von Ereignissen, die einfür allemal unaustilgbar sind aus dem Boden, auf dem sie