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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-11 · Heft 19 (11.5.1906) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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■ -- 224 —— äNUMMMEWG Levy in Guhrau verbindet mich noch heute herzliche Freundschaft. Und nun komme ich zu einem großen, frommen und gelehrten Manne, dem Ahnherrn meiner Familie mütterlicherseits, den ich natürlich nicht mehr kannte, dessen Andenken aber unvergeßlich und unvergänglich lebt — Reb Meier Wehl, Vizeoberlandesrabbiner von Berlin, ein Onkel meiner Großmutter mütterlicherseits, jener Frau Rachel Biberfeld, geb. Wehl, deren das Lissaer Synagogenbuch als frommer Stifterin gedenkt. Mit berechtigtem Hochgefühl hat meine Großmutter stets von diesem Onkel gesprochen! Seine Enkelin Johanna war die zweite Gemahlin des Rabbiners Elchanan Rosenstein in Berlin. In jenem Hause in der Heidereutergaffe, in dem Frau Rosenstein bei ihrem Großvater ihre Jugend verlebte, habe ich als erwachsenes junges Mädchen bei dem edlen Paare unvergeßliche Stunden zugebracht und in Verehrung denke ich ihrer bis zur Stunde. Louis Wehl, Lehrer in Frankfurt a. O., welcher seinem verehrten Meister Reb Hirsch Abarbanell einen Nachruf in der „Allg. Ztg. des Judentums" widmete, war ein Vetter meiner Mutter. Ter Verleger E. Löwenthal, Buchhändler in Lissa, war ein Vetter meines Vaters; seine jüngste Schwester Henriette war die erste Gattin des berühmten Schulmannes und Reichstagsabgeordneten Dr. Anton Ree in Hamburg. 1883 lernte ich diesen und seine zweite Gattin hier in Breslau, anläßlich des deutschen Franentages, kennen, und es berührte ihn ungemein wohltuend, daß ich „seine selige Jette" gekannt hatte. Sie hatte am 5. September 1859 in Lissa mit ihrer einzigen Tochter Meta, die jung verheiratet starb, der Einweihung des Salomon und Joseph Wollheimschen Kranken- und Siechenhauses beigewohnt, einer Feier, die einen Familienkongreß für meine Verwandten väterlicherseits bedeutete. War doch die Mutter der edlen Stifter, Rechte, geb. Löwenthal, eine Schwester meines Großvaters väterlicherseits gewesen. Abraham Jekutiel Sachs, an dessen Stiftung Rabbiner Dr. Deutsch, jetzt in Breslau, bis vor wenigen Jahren als Rabbiner wirkte, war der Gatte der Consine meines Vaters, Bertha (Brendel) geb. Segall. Der stattliche, schöne und liebenswürdige Mann, die sanfte, bescheidene Frau, stehen noch lebhaft vor mir; ich verbrachte manche gute Stunde bei dem kinderlosen Ehepaare, das eine' besondere Vorliebe für die Jugend hatte. Der Familien Feilchenseld und Fernbach denke ich auch gern; die Verwandten des berühmten Dr. Kosch in Königsberg kannte ich ebenfalls. Dr. Joseph Schaier war der Hausarzt meiner Eltern und Großeltern; mit seiner jüngsten Tochter Wanda, Gemahlin des verstorbenen Oberlehrers Dr. Hermann Warschauer am Breslauer Johannes- Gymnasium, war ich befreundet; sie hat ihren Mann nur wenige Jahre überlebt. Dr. Heinrich. Scherbel, der so hohes Vertrauen bei dem polnischen Adel genoß, wurde später der Hausarzt unserer Familie im weitesten Kreise, und wir verehrten in ihm den Freund und Seeleuarzt ungeachtet seiner scheinbar rauhen Außenseite. R. Abraham Biberfeld in Berlin, ein Vetter meiner Mutter, steht als „Jüngling mit lockigem Haar" noch vor mir; er verkehrte in seinen Lissaer Jahren viel in meinem Elternhause, 1859 schenkte er mir das französische Lexikon von Thibaut, 1860, als ich das erstemal in Breslau war, führte er mich ins Theater, und ich hörte die erste Oper „Die Montechi und Capuletti" von Bellini, eine Wahl, die mein Entzücken, aber die Mißbilligung meiner Eltern erregte. Vom Herbste 1863 bis zum Sommer 1865 weilte ich in Berlin im Hause meiner jüngsten Tante; neben dem deutschen Unterricht des Herrn Dr. M. Holzmann, der sich damals noch in seiner Sturm- und Drangperiode befand, genoß ich den Musikunterricht des greisen Komponisten A. W. Blumenseld, Sohn des Lissaer Kantors Eisik Blumenfeld. In jener Zeit, im Herbst 1864, trat Herr Rabbiner Dr. Samuel Bäck sein Amt in meiner Vaterstadt an. Als ich heimkehrte, wurde es mir Ehrensache, auch nicht eine einzige seiner lichtvollen Predigten zu versäumen; eine meiner schönsten Erinnerungen ist jene herrliche Rede bei dem Dankgottesdienste nach dem Kriege 1866: „Friede den Nahen und Fernen!" 1868 hat er uns getraut und ist mir und meinem Hause unentwegt durch Zeit und Raum treu gesinnt geblieben. Nun sei noch der typischen Figuren jener Zeit hier gedacht. Die groteske Erscheinung des Moscheche Schulkläpper ist mir ebenso gegenwärtig, wie die des „Hochzeitbitter", auch „Sarwer" genannt, Spanier. Letzterer riß bei jeder Hochzeit, wenn die Gäste und das Brautpaar versammelt waren, die Flügeltüren des Saales weit auf und meldete mit der Grandezza eines Oberzeremonienmeisters: „Das hohe Rabbinat erscheint". So erhebend es in der Tat war, wenn „das hohe Rabbinat" nahte, ich selbst konnte mich eines leichten Lächelns in der ernstesten Stunde meines Lebens nicht erwehren, und so erging es damals allen Bräuten und auch allen Gästen! Last but not least sei noch des berühmten Kalendermanns Mosche Selig Klopstock, eines wahren Rechengenies, gedacht. „Se sennen doch Awroms Tochter?" — „Se kennen doch Awroms Eidam?" — so begrüßte er uns bei jeder Begegnung in Breslau, um uns schnell auf der Straße einige Jahrzeiten und Geburtstage auszurechnen und eine kleine Gabe in Empfang zu nehmen.' Auch Simon Kremes, Abraham Peiser, seine Gattin und zahlreiche Töchter habe ich gekannt, der Name R. Liepmann Rawitsch tönte als Kind an mein Ohr, auch Reb Aronche Schachet. An den Vater des sel. Professors Dr. Saul Isaak Kämpf in Prag weiß ich mich noch zu erinnern. 1874 sind meine Eltern nach Rawitsch übersiedelt und ich bin dann nur noch sehr selten nach der alten Heimat gekommen. Goethe hat einmal den Ausspruch getan: „Alt werden, heißt viele sterben sehen!" nnd so fand ich stets mehr und inehr alte Freunde und Verwandte auf dem schönen stillen Gottesacker; und nur noch eine kleine Anzahl lebt und wirkt noch in dem alten lieben Lissa, dessen reiche Geschichte mir das Herz weit und froh macht, wenngleich ste auch unzählige wehmutsvolle Erinnerungen weckt. Daß der bekannte Freiheitskämpfer von 1848, der Verfasser des Liedes: „An der Pforte des Palastes Steht ein Volk, ganz bettelarm," Professor Stephan Born, der vor wenigen Jahren in Chauxde-fonds in der Schweiz starb, und sein Bruder, der verewigte Geh. Sanitätsrat Born einer alten Lissaer Familie Buttermilch entstammten, scheint dem geschätzten Herrn Verfasser der „Geschichte der Juden in Lissa" unbekannt zu sein. Indes tut dies seinem vortrefflichen Buche, ans das ich zum Schluffe nochmals die allgemeine Aufmerksamkeit lenken möchte, sicher keinen Eintrag. Lrlrkrüchtr. Bälomon Re in ach hat kürzlich in der Äcademie des Inscriptions et belles-lettres sehr interessante Mitteilungen über eine Christenverfolgung in Lyon gemacht, während der eine christliche Sklavin, die man durch die Tortur zwingen wollte, zu gestehen, daß die Christen Kinder töten, um ihr Blut zu genießen, aktenmäßig antwortete: „Wie könnt ihr Heiden glauben, daß wir dies tun, da wir nicht einmal das

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