Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
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223 Das Werk von Lewin nennt an erster Stelle R. Hirsch Abarbanell. Reb Hirsch Fraustätter nannte man ihn; er hatte ineine Eltern getraut, und dies machte mir die ehrfurchtgebictende Erscheinung doppelt verehrungswürdig. Es war an einem sonnigen, wundervollen Frühlingstage, am Purim, ich war wohl auch zwischen zehn und zwölf Jahr. Purim war für unsere Kinderherzen eigentlich der herrlichste Festtag; um diese Zeit fiel die Frankfurter Frühlingsmesse, die mein Vater besuchte. Neben den berühmten Rasenackschen Pfefferkuchen brachte er die kleinen, bunten, mit Zuckerwerk gefüllten Holzschachteln mit und die Großeltern bekamen als „Schlachmones" alle möglichen schönen Süßigkeiten, den berühmten „polnischen Brotkuchen", ja sogar Apfelsinen, die damals bei weitem nicht so alltäglich waren wie in' unseren Tagen, von ihren verheirateten Kindern; das war ein Gaudium. Also an einem Purim versprach mir der Großvater eine ganz besonders große süße Belohnung, wenn ich seine Aufträge gut ausgeführt haben würde. Mit einem Geldpaketchen sandte er mich zu R. Hirsch Abarbanell. Derselbe wohnte in der Kostnerstraße, die Großmutter sagte noch' manchmal „jüdische Gasse", in einem spitzen Giebelhause, eine Stiege hoch; im Parterre wohnte der „alte Moll", sein Schwager, der mir in meiner Kinderphantasie mit seinem Käppchen auch stets wie ein Rabbiner erschien. Vis-a-vis hatten die beiden jüngsten Söhne des „alten Moll" ein Wein- und Südfruchtgeschäft, beide waren Jugendfreunde meines Vaters und neckten jahraus, jahrein die Schuljugend; dafür gab es aber zu Ostern eine Apfelsine für die gute Zensur, und das war etwas großartiges, denn eine Apfelsine kostete damals l’/a, auch 2 Silbergroschen, und man bekam höchstens zu Ostern, wenn die Verwandten zum Besuch kamen, ein Stückchen. Ich vermeine ihn deutlich vor mir zu sehen, den ehrwürdigen Greis, in seinem Zimmer vom Sonnenschein umflossen, ich sehe deutlich die großen Bücherregale mit mächtigen Folianten; „mein Großvater, Herr David Biberfeld, läßt grüßen und ich soll das abgeben." „Aha, Reb Teweles und Reb Jankefs Einekel", milde lächelnd, mit sanfter Stimme; ich höre noch diese Worte. „Ich lasse den Großvater schön grüßen und danken." Ich glaube, wenn Se. Majestät der König von Preußen mich inAudienz empfangen und eines Wortes gewürdigt hätte, ich wäre nicht stolzer die Treppe hinabgehüpft. Der Großvater hatte mir noch ein zweites Geldpaketchen eingehändigt und mir eingeschärft, um die Ecke zn biegen und dies bei Reb Liepmann Goldstaub abzugeben. So vorwitzig ich auch war, ich hatte doch nicht gewagt, die Geldpaketchen auf ihren Inhalt, der wohl nicht allzugroß gewesen sein wird, zu prüfensoviel hatte ich aber aus den Reden der Großen „aufgeschnappt", daß diese frommen und gelehrten Herren sehr karg besoldet wurden, und wenngleich sie etwas Privatvermögen besitzen mochten, doch auf diese freiwilligen Festgaben der bemittelten Gemeindemitglieder angewiesen waren, und daß sie in ihren Gattinnen wahre nationalökonomische Genies besaßen, die mit dem denkbar geringsten Wirtschaftsgeld auszukommen verstanden. Reb Liepmann Goldstaub war der Busenfreund des Großvaters und mir darum vertrauter; er war viel kleiner als Reb Hirsch Abarbanell, imponierte mir daher weniger in seiner äußeren Erscheinung, aber wenn er am Jom Kippur Nei'lah vorbetete und tief gebeugt, in Andacht schier aufgelöst, den Gebetmantel über den Kopf gezogen, vor dem „Allcrheiligsten" stand, da kam er mir auch in dem Alter von zehn bis zwölf Jahren — wie ein gottgeweihter Heiliger vor. Im bürgerlichen Leben erschien er mir damals wie ein kleiner Torquemadal Obgleich man damals noch nicht vom „Milieu" sprach, - - hatte ich in meinem Kindergemüt doch volles Verständnis, daß diese beiden frommen und gelehrten Herren in ganz verschiedenem „Milien" lebten. Reb Hirsch hatte seine Kinder 7 verheiratet — eine Tochter, ich glaube Caroline, war eine Jugendfreundin meiner Mutter, eine jüngere, Eile, ist mir noch lebhaft in Erinnerung — und lebte ganz dem Studium 1 der heiligen Lehre. | Reb Liepmann war Vater einer zahlreichen Familie, und 1 da mag der Kiuderlärin doch oft in sein stilles Studierzimmer | gedrungen sein, wenngleich seine treffliche Frau ihm sicherlich \ jedes störende Geräusch möglichst fern hielt. Diese zarte blasse i Frau Chaje, geb. Wiener, in deren Familie jener in dem ' Werke von Lewin erwähnte Senatspräsident Dr. Wiener | gehörte, war die Tempelnachbarin ineiner Großmutter und ist i mir nicht nur durch den schönen rotwangigen Apfel, den sie | mir an jedem Purim gab, in Erinnerung geblieben, sondern durch ihre hohen Tugenden als Gattin, Mutter und Hausfrau, die ich als Kind ebensooft rühmen hörte. Sie hat sich buchstäblich für ihren Mann und ihre Kinder aufgeopfert und war eine berühmte, ja fast berüchtigte Fanatikerin der Sauberkeit; ich sehe ganz deutlich die blendend weißen Dielen, ganz fein mit Sand bestreut, in ihren Zimmern. Ms sie ziemlich jung noch ans dem Leben schied, betrachtete man sie; als Opfer ihrer übertriebenen Sauberkeit. Ich habe sie alle gekannt, auch Reb Fabisch Heldenstein, dem seine Frau auch die Sorgen für das tägliche Brot abnahm; während er seinen gelehrten Studien oblag, versah die allzeit freundliche Frau das Spezereigeschäst, stand oft an der Tür mit tiefer Haube und breiter Schürze, gab uns Kindern für den artigen Knix auch zuweilen manche Handvoll Mandeln und Rosinen, und war eine typische Erscheinung der Kostenerstraße. Ganz nahe von Heldensteins war die „Mewakrimschul", j die viele der verwandten und befreundeten Herren besuchten,; Im Monat Schwat, der Tag ist mir nicht mehr erinnerlich.! hatte die fromme Bruderschaft der „Achtzehn Männer", die mir sehr früh als Verkörperung von „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" imponierte, ein Festmahl, von dem die Großväter uns eine eigene Art Kuchen mit Mandeln mitbrachten; j mein Großvater Biberfeld war auch Vorsteher der „Leipziger Chewra". " ' » „Gabbete" in Liffa war Chawc Eitel Biberfeld, die Gattin des Oirkels meines Großvaters Reb Hirsch, eine kleine kugelrunde Frau; sie starb, als ich noch ein ganz kleines Mädchen war, vielleicht fünf Jahre alt, aber ihr Begräbnis am Rosch hafchana ist mir, wie sie selbst, in lebhafter Erinnerung, und alte Leute in Liffa gedenken der srommen, mildtätigen Frau gern noch nach fünfzig Jahren. Reb Jankef Hamburger war wohl derjenige unter seinen frommen Kollegen, der ein wohlhabender Mann genannt werden konnte; er hatte eine schöne Tochter Marie, die sich auch sehr schön zu kleiden wußte. Reb Josua Heschel Kntner, Reb Pinchas Bildhauer, Reb Elia Kalischer, sie alle stehen mir lebhaft vor Augen. Rabbiner Dr. Kalischer in Bonn, ein mir sehr werter Freund, trügt den Namen seines frommen Großvaters, wie ja überhaupt die Familie Kalischer eine Rabbiner - dynastie bedeutet.') Auch den Vater des gelehrten L. Lands- Hut, der in dem Werke so oft zitiert wird, Reb Meier Landsj Hut, habe ich sehr gut gekannt; mit seinem Enkel Ferdinand h Von dem berühmten humoristischen Schriftsteller Ludwig Kalisch, der in Paris lebte, hörte ich in ineiner Jugend sprechen; sein Buch „Aus meiner Knabenzert", das ja auch Lissa schildert, ist bekannt.