Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 222 Leben gerufen, und als sich dann herausstellte, daß diese Kasse den an sie herantretenden Ansprüchen auf die Dauer nicht gerecht werden könne, hat unser Ausschußmitglied Herr M. Li eben feld-Bochum zuerst auf den Anschluß an die Provinzialkassen hingewiesen. Er darf es sich zum hohen Verdienste anrechnen, uns den Weg gezeigt zu haben, den hoffentlich nach uns noch viele Synagogengemeinden gehen werden. Lur Gelchichte der Juden in Lills. Laienbetrachtung einer alten Lissaerin. Von Regina Neißer. „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied, ach so weit." or mir liegt ein treffliches Buch: „Geschichte der Juden in Lissa, von Dr. Louis Lewin, Rabbiner (Breslau 1905), ein Werk von kulturhistorischem Wert, das gewiß von autoritativer Seite gewürdigt werden dürfte. Es sei einer alten Lissaerill aber gestattet, die Erinnerungen, die das mit bewundernswertem Fleiße zusammengestellte Werk in ihr wachgerufen, und die auch weitere Kreise interessieren dürften, Erinnerungen, die länger als ein halbes Jahrhundert zurückreichen, hier zu veröffentlichen. Die „Geschichte der Juden in Lissa" wird von den zahlreichen Lissaeru, die in beiden Weltteilen allüberall zu finden sind, und die zll allen Zeiten mit großer Treue ihre Zusammengehörigkeit bekundeten und betätigten, ja auch von ihren Nachkommen, mit Freude und Rührung begrüßt und gelesen werden; sie alle werden das Werk, das für gar viele ein Stück ihrer Familiengeschichte bedeutet, gern zu dauerndem Besitz erwerben. Es ist daher sicher anzunehmen, daß das Werk die Verbreitung finden wird, die es so sehr verdient. Zu Ende des sturmbewegten Jahres 1848 in Lissa geboren, also gerade zu jener Zeit, als das Buch abschließt, gehörte ich zu jenen „enl'anls terribles", die alles sehen, hören, wissen, lesen — sobald sie dies nur können — was sie nicht sollen! Es war dies aber ganz natürlich. Die älteste Enkelin beiderseitiger Großeltern, ihr Verzug, wie nicht minder der einer Schar von „zärtlichen Verwandten", wurde mir, obgleich meine Eltern bei aller Liebe und Zärtlichkeit ziemlich streng waren, alles von ihnen erlaubt. Im Winter 1853 54 hörte ich von der Belagerung Seba stopols sprechen, fünf Vierteljahre später, am 1. März 1855 starb Kaiser Nikolaus I. von Rußland — iäj war damals kaum sieben und ein halbes Jahr alt, dies las ich in der „Posener Zeitung", die ich täglich mittags vom Nachbar/) der zu den gebildetsten Männern der Stadt zählte und mit meinem Vater sehr befreundet war, holte; den Luxus einer eigenen Zeitung gestattete man sich eben vor fünfzig Jahren nicht in der Kleinstadt. Wohin mein Blick in dieser „Geschichte der Juden in Lissa" sich wendet, grüßt mich Bekanntes und Vertrautes aus goldener Jugendzeit! War doch mein Onkel Jahrzehnte Obermeister der Kürschnerinnung und starb als solcher erst vor zwei Jahren, trieb doch mein Großvater mütterlicherseits, ein sehr kluger und frommer Mann, ein sehr bedeutendes Rauchwarengeschäft schon damals, als ich ein kleines Mädchen war, seit Jahrzehnten, reiste zu den Märkten nach Breslau, zu den Messen nach Leipzig und Frankfurt a. O., mehrmals im Jahre; 1) Herr Jtzig Eisenstädt; später hielten sie zusammen die „Nationalzeitung." und namentlich hatte das Ergebnis, der Leipziger Ostermesse nicht nur auf lange hinaus bedeutenden Einfluß auf seine Stimmung, sondern auch aus die gar vieler Kaufleute, deren Geschäft von den Messen abhängig war. Daß aber Lissa vor fünfzig Jahren nicht nur eine Pflanzstätte jüdischen Wissens war, daß auch deutsche Bildung längst Eingang unter der jüdischen Bevölkerung gefunden hatte, bekundet, daß mein Großvater väterlicherseits, der als Witwer zwanzig Jahre ein still beschauliches Leben, dem Studium der heiligen Lehre, aber auch deutscher Gelehrsamkeit gewidmet, hinbrachte, ein Konversationslexikon von O. L. B. Wolff-aus dem Jahre 1834 besaß. Wenn ich Sonnabend nachmittags mit meinen Geschwistern und noch oft einigen Freundinnen dazu den Großvater besuchte, so war unser höchstes Entzücken, die Bilder, die zu dem Konversationslexikon gehörten, besehen zu dürfen; die Porträts Dantes, des Abbe de l'Epne, Friedrichs des Großen, Franklins sind mir so lebhaft in Erinnerung geblieben, daß ich sie ebenso wie eine Abbildung der Vendomesäule deutlich vor mir sehe. Damals war ich wohl zwischen zehn und zwölf Jahre alt, und von jener Zeit datiert auch meine Bekanntschaft mit der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", ja meine Vorliebe für dieselbe, die mein Großvater hielt, während ich um dieselbe Zeit die Novellenbände „Saron" bon Philippson, die zu den ersten Schriften, welche das „Institut zur Förderung der Israelitischen Literatur" herausgab, zählten, und auf die mein Vater abonniert war, mit wahrem Heißhunger verschlang, sie „himmlisch", „entzückend" usm.fand, sie allen Freundinnen lieh und mit ihnen gemeinsam dafür schwärmte. Es war dies zu einer Zeit, wo ich eigentlich nur an die Schule und Jugendschriften hätte denken sollen und müssen, aber in dieser Beziehung erlaubte ich mir alles, und alle Verwandten drückten beide Augen zu; nur meine Mutter war unglücklich über meine Lesewut. Diese war jedoch nicht zu unterdrücken; hatte ich doch schon 1857, als meine jüngste Tante von ihrem Bräutigam Brachvogels „Narziß" in zierlichem Goldschnittbändchen erhalten hatte, ganze Szenen von der Pompadour und Choifeul den Meinen „vorgemacht", und wenige Jahre später ging ich sicherlich niemals einen Roman von Luise Mühlbach für die Mutter oder die Tanten git dem alten Freunde der Familie, den: Buchhändler Hansen in der Hirschgasse, tauschen, * ohne mindestens ein Dutzend Seiten gelesen zu haben! Die 300jährige Jubelfeier des Gymnasiums fiel in meine Jugendzeit; seit 1824 besaß Lissa eine von Fräulein Auguste Killer trefflich durch vier Jahrzehnte geleitete Töchterschule, die von zahlreichen jüdischen Mädchen besucht wurde; es herrschte das beste Einvernehmen mit den christlichen Mitschülerinnen. Die Lehrer des Gymnasiums erteilten Unterricht in den Hauptfächern, so auch der in dem Werke oft zitierte Direktor Ziegler. Nachdem ich einige Jahre bei Herrn Lehrer Rackwitz hebräisch lesen gelernt hatte, genoß ich mit einigen Freundinnen, von denen schon mehrere heimgegangen sind, den Religionsunterricht des Lehrers Poper, der uns für jüdische Literatur und Geschichte zu begeistern wußte. Wenn ich weiter in der Reihe der 'frommen, gelehrten und angesehenen Männer Umschau oder beffer^Rückschau halte, die in meine Jugend hineinragen, so steigen neben den ehrwürdigen ©eftalten meiner teuren Großväter gesegneten Andenkens die einer Anzahl ihrer Freunde und Gesinnungsgenossen vor meinem geistigen Auge ans, Träger bekannter und berühmter Namen, weit über Lissas Grenzen hinaus! * h Kurz darauf gab die Schauspietertruppe, die alljährlich Lissa besuchte, „Narziß", und ich erbat und ertrotzte, daß ich ins Theater mitgehen durfte; eine unauslöschliche Erinnerung! /