Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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stand lebhafter Erörterungen. Man schreibt darüber aus London vom 30. v. M.: „Unter den Anwesenden befanden sich auch viele Christen, z. B. Lord Kinnaird, Generalmajor Sir Alfred Turner, der Schriftsteller Sir A. Conan Dohle. Holman Hunt und viele andere. Israel Zangwill brachte eine den Zweck der neuen Vereinigung wiederspiegelnde Resolution ein, welche darauf hinausläust, eine autonome jüdische Kolonie unter dem Schutze der britischen Regierung auf britischem Gebiet zu gründen. Er verlas folgenden ihm von Chamberlain zugegangeuen Brief: „Die Tatsache, daß ich jetzt nicht im Amte bin, vermindert unvermeidlich die Aussichten, die ich gehabt haben könnte, mich nützlich zu erweisen. Wenn ich aber zu irgendeiner Zeit die Gelegenheit haben sollte, einem praktischen Vorschlag einen Dienst zu erweisen, so werde ich bereit sein, dies zu tun." Wie bekannt, nahm Chamberlain, zur Zeit als er Kolonialsekretär war, an der Frage der Gründung einer jüdischen Kolonie großes Interesse, ebenso hatte er au dem Angebot eines Territoriums in Britisch-Ostafrika, das jedoch von der „Jüdischen Kolonisations-Gesellschaft" dankend abgelehnt wurde, hervorragenden Anteil. Zangwill führte aus. daß die Notwendigkeit einer Zusluchtstätte für die Juden mit Blut über die Hälfte eines Kontinents geschrieben sei und daß sich das ganze Christentum mit dem Judentum vereinigen sollte, um die Zufluchtstätte zu schaffen. Cecil Rhodes habe mit einer Million Pfund Sterling Rhodesia gegründet. Die British East Africa Company fing nur mit 250000 Pfund Sterling an. Die Methoden, die da in Rhodesia zur Anwendung kamen, bildeten einen scharfen Kontrast zu dem, was die „Jüdische Kolonisationsgesellschaft" mit den von Baron Hirsch zur Verfügung gestellten Millionen tat, die durch zerstreute jüdische Ansiedlungen in Argentinien verschleudert wurden. Man zahlte dort für das Land und man bezahlte auch die Reisekosten und die Ansiedlung der Juden, die sich dorthin wandten. Dies war nicht der Weg, die Judenfrage zu lösen. Die Lösung liegt nur in der Richtung, daß eine autonome Kolonie gebildet wird. Man dürfe, sagte Zangwill, der politischen Seite der Frage nicht ängstlich aus dem Wege weichen. Es handle sich um die Bildung eines jüdischen Staates unter der Schutzherrschaft einer anderen Macht, in dem aber der Jude vor Verfolgungen seines Lebens und seines Besitzes sicher und kein Pariah ist. Unter der britischen Flagge ständen heute noch ungeheure Ländergebiete, die nur dem Namen nach britisch find, die umsonst zu haben wären und zu deren Besiedlung noch gerne staatliche Unterstützung gewahrt würde. Die britische Regierung ist liberal und judenfreundlich. Die Juden können daher die britische Flagge im Gebiete tragen, die bisher nur dem Namen nach unter ihr standen und so eine weitere Tochterkolonie dem britischen Weltreiche hinzufügen, die gleich allen anderen, das Mutterland segnen würde. Sir Samuel Montague, das liberale Parlamentsmitglied, erklärte sich für die Gründung einer jüdischen Kolonie unter britischer Flagge, wandte sich aber dagegen, daß dieser die Selbstverwaltung eingeräumt werden sollte. Herr Zangwill erwiderte darauf mit großer Wärme, daß er nicht verstehe, wie ein Liberaler gegen die Verleihung der Selbstverwaltung einer von Pionieren gegründeten Kolonie Einspruch erheben könne. Es erscheine ihm das ganz unverständlich und es müsse Sir Samuel überlassen bleiben, zu erklären, warum er die Erteilung der Selbstverwaltung an Natal billigte und jetzt an Transvaal und die Orange-Kolonie billigt, während er nichts davon hören will, einer jüdischen Kolonie die Selbstverwaltung einzuräumen, womit er die Juden den Negern gleichstelle. Lord Kinnaird unterstützte die Resolution und sagte, er habe stets an das Prinzip der Kolonisation und die Gewährung der Selbstverwaltung geglaubt und er hoffe darum, daß der Gedanke der Gründung einer jüdischen Kolonie die allgemeinste Unterstützung von Juden und Christen finden werde. Sir A. Conan-Dohle unterstützte gleichfalls die Resolution und gab seiner tiefsten Sympathie mit der Bewegung Ansdruck. Wenn er ein Jude wäre, so würde ihn zu jeder Stunde der Gedanke beunruhigen, daß nichts geschehe, um der Verfolgung der jüdischen Rasse Einhalt zu tun. Die in Aussicht genommene Kolonie sei für die verfolgten russischen Juden bestinnnt und wenn es nicht zu dieser Gründung käme und den Leiden der russischen Juden auf diesem Wege ein Ende gemacht würde, so wäre dies eine Schmach für die Zivilisation. Sir Alfred Tu rner erklärte, die Knechtschaft der Juden in Rußland sei schlimmer als die, welche ihre Vorfahren in Aegypten zu erdulden hätten. Er bedaure tief die Erlafsung des Fremdengesetzes in England; dessen Härte sei allerdings unter der jetzigen Regierung abgefchwächt worden, wenn aber Gründe Vorlagen, die Auswanderung von Ausländern und namentlich von Juden, gegen die doch das Fremdengesetz hauptsächlich gerichtet ist, zu beschränken, so war es die Pflicht der Regierung, den Juden Land anzubieten und ihnen die Möglichkeit der Bildung eines eigenen großen Gemeinwesens unter britischer Schutzherrschaft zu bieten. Zangwill erklärte, nachdem die Resolution einstimmig angenommen worden war, die „Jüdische Territorial- Organisation" sehe mutig die politische Frage auf ihr Programm. Was in Aussicht genommen wurde, sei, tausend sorgfältig ausgewählte jüdische Familien auf dem überwiesenen Gebiete als Pioniere anznsiedeln, ihnen die Organisation auf Grundlage weitgehender Autonomie zu übertragen und die weitere Entwicklung der Zukunft im Vertrauen auf das Gesetz der Schwerkraft zu überlassen, das nicht verfehlen würde, große Massen von Juden nach diesem jüdischen Staate zu ziehen .und so die Kolonie unter englischem Schutze zu bilden, wie sie in Aussicht genommen ist. Der Plan findet in der gesamten englischen Presse eine sympathische Besprechung. Lin bedeutsamer Lrkolg guk dkm Gebiete der loyalen Mrkorge kür dir jüdilchrn Gemeindebrgmten. Von Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld. er Verband der Synagogengemeinden Westfalens hat auf dem Gebiete der Beamtenfürsorge neuerdings einen bedeutsamen Erfolg errungen. Nach längeren Verhandlungen sind die sämtlichen Mitglieder der Beamtenpensionskasse des Verbandes in die „Pensionskasse der Kreise, Städte und anderer Korporationen in der Provinz Westfalen" und in die „Westfälische Witwen- und Waisenversorgnngskasse" ausgenommen worden. Dadurch ist den Beamten der beteiligten Synagogengemeinden Pensionsberechtigung und Reliktenverso rgnng auf staatlicher Grundlage gesichert. Vorläufig sind 21 Gemeinden — darunter neben vielen kleinen Gemeinden auch die großen (Dortimurd, Bielefeld, Bochum, Gelsenkirchen, Münster, Hagen nsw.) — und die Marks - Haindorfsche Stiftung in Münster mit insgesamt 42 Beamten als Mitglieder unserer privaten Verbandspenstonskasse in die beiden Provinzialkassen eingetreten; ich bin indessen überzeugt, daß sich fast alle westfälischen Gemeinden unserem Vorgehen anschließen werden. Und nicht nur das! Auch in den anderen preußischeil Provinzen werden zweifellos viele Gemeinden unserem Beispiele folgen, zumal verhältnismäßig geringe materielle Opfer erforderlich sind, um den Anschluß an eine unter der Verwaltung der Provinzialbehörde stehende Kasse zu ermöglichen. Ich habe als. Beauftragter der beteiligten Synagogengemeinden die mündlichen und schriftlichen Verhandlungen mit dem Herrn Landeshauptmann unserer Provinz bezw. seinen: Dezernenten Herrn Landesrat Schulze-Steinen in Münster geführt und glaube den Gemeinden und Beamten zu dienen, wenn ich hier die Satzungen der beiden Provinzialkassen und die Bedingungen, unter denen auch Synagogengemeinden und andere jüdische Korporationen ihnen beitreten können, kurz skizziere. Als Wesentlichstes hebe ich zunächst hervor, daß alle Beamten der Synagogengemeinden vom Rabbiner bis zum Gemeindediener in die Provinzialkassen ausgenommen werden, Lehrer, die an öffentlichen jüdischen Volksschulen