Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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219 mit Ausnahme der Antisemiten aller Richtungen — in der | 3ixd)e und in ihrem Urteil einig sind. Die Antisemiten ließen! ich durch Herrn v. Oldenburg-Januschau vertreten. „Juden ans!" war sein Standpunkt, nur daß er sogenannte anständige — nach seiner Meinung anständige — Juden ausnehmen wollte. Denselben Inhalt verrieten die Reden der Antisemiten Lattmann und Fröhlich. Der erstere benutzte die Gelegenheit, uu sich vom Radauantisemitismus loszusagen, was ihm aber lur schlecht gelungen ist. Er sagte: „Den Vorwurf des Antisemitismus machen uns ja die Gegner nuner, weil dann etwas Schmutziges an uns hängen bleibt. (Hört! )ört! links). Aber der Radauantisemitismus kann gar nicht scharf reinig zurückgewiesen werden, und für den Antisemitismus eines geistig verrückten Menschen, wie des Grafen Pückler, oder eines minderwertigen, wie Ahlwardt, tritt kein Mensch ein. (Oho! links und stürmische Heiterkeit.) Ganz anders steht es mit dem sittlich ernsten Antisemitismus, der in der gewaltigen Stärkung des jüdischen Geistes durch die Zuwanderung aus dem Osten eine Gefahr für unser Volkstum sieht." Aber das hilft alles nichts — der Radauantisemitismus, dem ja auch einzelne Fraktionskollegen des Herrn eifrig gehuldigt, bleibt an ihren Schuhsohlen kleben. Wenn der betr. Redner zum Schluß sagte: „Die Führer der russischen Revolution sind Juden", so ist das eine jener unqualifizierbaren Behauptungen, gleichviel ob sie von antisemitischer oder von sozialdemokratischer Seite komme, die dadurch nicht wahrer und nicht wahrscheinlicher werden, daß man sie oft und mit großer Emphase wiederholt. Sie steht genau auf demselben Niveau, auf dem die Behauptung des Abgeordneten Fröhlich sich befindet: „Ueber eine Million polnischer Juden sollen sich in letzter Zeit in Deutschland niedergelassen haben!" Und Leute, die solches öffentlich behaupten, verlangen ernst genommen zu werden. Die Aussichten des Schulgesetzes sind gegenwärtig nicht zu rosig. Die Nationalliberalen streiken vorläufig noch, und es ist nicht abzusehen, wie die Sache enden wird. Wir würden der Vorlage jedenfalls keine Träne nachweinen, denn die Regelung der Verhältnisse der jüdischen Volksschüler ist gänzlich unbefriedigend. Die Freisinnigen in der Kommission hatten in erster Reihe die Einbeziehung der jüdischen Kinder in die Simultanschulen verlangt, unter Gewährung verschiedenen Religionsunterrichts für die verschiedenen Konfessionell. In zweiter Linie verlangten sie Erteilung des Religionsilnterrichts an jüdische Kinder in den öffentlichen christlicherl Volksschulen lrnd Anstellung von jüdischen Lehrkräften, die außer dem Religionsunterricht auch anderen Unterricht erteilen sollten. Erreicht ist rrur, daß die Gemeillden einen solchen Religionsunterricht einrichten und unter gewissen Voraussetzungen die mit dem Religionsunterricht betrauten Lehrkräfte zur Erteilung anderweitigen Unterrichts anstellen können. Insofern die Gemeinden von diesen Befugnissen keinen Gebrauch machen, haben sie den Shnagogenverbünden einen Kostenbeitrag für den Religionsunterricht an jüdische Kinder zu gewähren. Im übrigen sind die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen über Einrichtung jüdischer Volksschulen aufrecht erhalten worden. Aber die staatliche Bestätigung der Rabbiner als Mitglieder der Schuldeputationen, im Gegensatz zu beit Pfarrern, ist aufrecht erhalten worden. Das heißt also alles in allem: Die Juden unterliegen nach diesem Gesetz allerlei Sonderbestimmungen, obwohl sie zu den Volksschnllasten wie alle anderen Bürger beitragen müssen. ft Was haben die Juden in Rußland von dem neuen Ministerium zu erwarten? So gut wie nichts. Es ist derselbe Faden, der fortgesponnen werden wird. Herr Goremykin war ja schon 1895, bald nach dem Regierungsantritt des ZarenNikolaus H., Minister des Innern, und man kann nicht sagen, daß er auch nur den Versuch gemacht hätte, die traurige Lage der Juden zu bessern oder die auf ihnen so schwer lastenden Ausnahmegesetze abzuändern. Es ist kaum anzunehmen, daß er jetzt hierzu die Macht oder auch die Lust haben wird. Im übrigen weilt der brave Trepow wieder in Zarskoje-Selo und übt abermals seinen verhängnisvollen Eiitfluß auf die Regierung des Landes aus. Das Geld aber, welches sich Rußland durch die letzte Anleihe mit Hilfe jüdischer Bankiers verschaffte, benutzt man zu Parteizwecken der Reaktionäre und nicht zur Wiederherstellung geordneter politischer, finanzieller und wirtschaftlicher Verhältnisse! Unter solchen Umständen richten sich alle Hoffnungen auf die demnächst zusannnentretende Duma und hier Wiederaus die konstitutionell - demokratische Partei, die die Aufgabe hat, das Recht der Juden zu verteidigen,, da diese bei den Wahlen mit aller Kraft und Energie für die „Kadetten" eingetreten sind und ihnen zum Siege verholfen haben. Die Wahlbeteiligung der Juden (manchmal bis zu 97 Prozent) wird selbst von den Gegnern gerühmt. Sie kam fast ausschließlich jener Partei zugute. Und nun hat diese in der abgelaufenen Woche einen Kongreß in^ Petersburg abgehalten, auf dem die nächsten Aufgaben der Partei in der Reichsduma festgestellt wurden. Worin bestehen diese? Zunächst soll, ein Entwurf? eingebracht werden zur Sicherung der induviduellen^Unverletzlichkeit und Gleichheit für alle Bürger ohne Unterschied der Nationalität, der Religion, des Geschlechts und des Standes, zweitens ein Wahlgesetzentwurf, drittens ein Entwurf eines Agrargesetzes, viertens soll sich die Partei bemühen, diese ihre Ziele mit friedlichen Mitteln zu erreichen, ohne jedoch im Notfälle vor einem Bruche mit der Regierung zurückzuschrecken; dann aber müsse dafür gesorgt werden, daß alle Schuld an einem etwaigen Bruche sowie die volle Verantwortung dafür auf die Regierungsvertreter falle. Schließlich sei sofort ein Amnestiegesetz und ein Gesetz zur Aufhebung der Todesstrafe einzubringen, sowie eine Kommission einzusetzen zur Prüfung des l Verhaltens der Beamten in der Zeit nach dem Oktobermanifest. Es ist kein Zweifel, daß alle diese Gesetze auch den russischen Juden zugute kommen, würden — aber es kann auch nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß deren Lage trotzdem nicht wesentlich gebessert würde. Und darum wirkt es verstimmend, daß in dem Programm der „Kadetten" von der Judenfrage direkt nichts erwähnt wird. So wird es Sache der jüdischen Abgeordneten zur Duma sein, deren Zahl etwa auf 14 geschützt wird, für ihre Glaubensgenossen nut aller Entschiedenheit einzutreten. Es befinden sich unter ihnen Männer, denen die Gabe der Rede zu eigen, die mit Sachkenntnis ausgerüstet und großes juristisches Wissen, vor allem aber eine innige Liebe zu ihrem unglücklichen Volke haben. Ihre Aufgabe ist ihnen vorgezeichnet. Herr Witte selbst hat es getan, indem er einer jüdischen Deputation sagte, die jüdischen Deputierten zur Reichsduma sollten vor allem nur an die Besserung der Lage der Juden in Rußland denken! Die Frage der Gründung einer jüdischen Kolonie unter englischer Flagge bildete bei dem ersten Meeting der neugegründeten „Jüdischen Territorial-Organisation" den Gegen-