Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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21G Ein paar Augenblicke überlegte der Rabbiner, da er nicht wußte, was er tun sollte. Wenn er stehen blieb, so konnte es scheinen, als ob er darauf wartete, ihre Dankesbezeugungen entgegenzunehmen. Es hätte ja auch ein gutes Weilchen gedauert, ehe sie mit ihrem Pastor fertig geworden wären. Er hatte ihr Heu, ihre Ställe, ihre Ernte gerettet; er hatte sie vor Mangel und Hunger beschützt; er war ein Held. Was hatte er — der Fremde getan? Nichts. Bloß sein Leben aufs Spiel gesetzt. O, du gütiger Himmel! War das für einen Juden nicht genug Belohnung, wenn ihm das Bewußtsein blieb, daß er sein Leben riskiert hatte, um ein paar Scheunen mit gutem christlichen Getreide zu retten? Und so schickte sich Eisenmann an, geradem dem Augenblicke nach Hause zu gehen, als der Pastor von der jubelnden Menge hochgehoben wurde, um auf ihren Schultern im Triumpf ins Pfarrhaus getragen zu werden. Aber so ganz ohne Belohnung sollte der Rabbiner doch nicht ausgehen. Als er sein Gesicht zuin Himmel erhob, um Gott für seine eigene Rettung aus Todesgefahr zu danken, waren seine Augen es, die zuerst die Herrlichkeit der ausgehenden Sonne sahen, die die letzten Schatten dieser unheimlichen Nacht zerstreute. Da er selbst das Bedürfnis nach Ruhe fühlte, machte sich Eisenmann auf den Heimweg. Wohl zum erstenmalmochte es ihm auffallen, daß sein Weg ihn an der Wohnung des Pastors vorbeiführte. Unwillkürlich blieb er am Pfarrhause stehen. Es wäre vielleicht nichts weiter als eine Pflicht der Höflichkeit gewesen, wenn er einmal hineinschauen und den Pastor fragen möchte, wie ihm die Anstrengungen der Nacht bekommen seien. Höflichkeit kostet ja nichts. Nach einem kleinen Kampfe mit sich selber schritt er rasch entschlossen über den offenen Korridor und klopfte an die Tür des Wohnzimmers. Eine unheimliche Stille schien im ganzen Hause zu herrschen. „Herein!" rief der Pastor. Als er Eisenmanns ansichtig wurde, erhob er sich mit Mühe aus dem Lehnstuhle, in dem er, in Decken eingehüllt, gesessen hatte. Große, schwarze Ringe standen um seinen Augen. ■ Er sah alt und leidend aus. Die Hand streckte er Eisenmann nicht entgegen. „Sie verdienten, daß man Sie vor Gericht zöge und einsperrte," begann er in strengem Tone. „Wenn nun heut Nacht Ihnen was passiert wäre, so hätten wir jetzt Ihre Frau und Kinder auf dem Halse. Was ging denn Sie überhaupt die ganze Geschichte an?" „Ich wußte, daß nichts passieren würde," antwortete der Rabbiner und hielt dem fest auf ihn gerichteten Blick des Pastors mutig stand. „Sie wußten das?" entgegnete Engzelius und runzelte dabei die Stirn. „Da täuschen Sie sich doch wohl, lieber Herr. Es ist doch etwas passiert. Gehen Sie gefälligst zum Herrn Bürgermeister und der wird Ihnen Ihren Bürgerbrief aushändigen. Ich habe es veranlaßt, daß die Männer auf dem Marktplatze stehen blieben, sich dann ins Rathaus begaben und dort Ihre Angelegenheit erledigten." Eisenmann war kreideweiß geworden und rang mühsam nach Atem. „Das ist ein grausamer Scherz, Herr Pastor," stammelte er. „Und eben deswegen ist es kein Scherz, sehen Sie her! Hier ist mein Bewerbungsschreiben für Mühlendorf." „Für Mühlendorf?" wiederholte Eisenmann erstaunt. „Ja freilich, warum denn auch nicht? Ich bewerbe mich um die dortige Stelle. Habe ich Ihnen nicht mein Wort verpsändet, daß, solange ich hier Pastor bin. Sie hier nicht Rabbiner werden würden. Und Sie werden mich doch nicht meineidig machen wollen?" „Mühlendorf ist aber nur ein kleines Kirchspiel von vielleicht nur sechshundert Seelen — was wollen Sie dort? Die Frau Pastorin ist leidend, sie bedarf guten ärztlichen Beistandes und kräftiger, kostspieliger Nahrung. Nein, Herr Pastor, ich kann Ihre Großmut nicht annehmen." „Die Frau Pastorin braucht keine kräftige Nahrung mehr. Die Frau Pastorin ist geheilt. Kommen Sie mit, iä)- will Ihnen zeigen, wiegut sie schläft." Er nahm Eisenmann an der Hand und führte ihn ins Schlafzimmer. Das Rouleau war hernntergelassen und die Frau Pastorin schien sich wirklich eines recht erfrischenden Schlummers zu erfreuen. „Ich wußte ja, daß der Regen ihr gut tun — ihr vielleicht Genesung bringen würde," flüsterte Eisenmann freudig erregt. „Ja, er hat ihr sehr gut getan. Sie ist tot. Der Schreck während des Gewitters war zuviel für sie gewesen. So habe ich sie gefunden, als ich zurückkam." Schweigend traten sie aus dein Sterbezimmer heraus in den herrlichen Sonnenschein. Draußen aus der Schwelle blieben sie stehen.- Der Pfarrer ergriff die Hand des Rabbiners. „Ihr seid ein wunderbares Volk und habt eine wunderbare Vorsehung, die über Euch wacht," sprach er. Und nach einer kleinen Pause fügte er nachdenklich hinzu: „Mühlendorf ist nicht sehr weit — wenn Sie Zeit haben, Herr Rabbiner, — ich mag mich dort vielleicht recht einsam fühlen." Lin Glückwunsch?u einer Ordensverleihung? Au meinen Vater bei Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes. eit fünfzig Jahren hast Du auf dem Rücken Des mühsamen Verdienstes Kreuz getragen; Kein goldnes war's, doch trugst Du's ohne Klagen Zum Wohl der Menschheit, mocht es schwer auch drücken. Nun wollen sie, in Deinen alten Tagen, Die biedre, treue Mannesbrust Dir schmücken Mit goldnem Kreuze. Eitle mag's beglücken, Dein Herz wird es nicht höher machen schlagen. Denn wem der Seele echter Adel eigen, Der heißt der niedern Menge Triebe schweigen, Gehoben durchs Gefühl der eignen Ehre, Die heller leuchtet als des Goldes Schimmer. Doch trag' des Kreuzleins leichte Last nur immer. O. daß Du's trügst so lange als das schwere! *) Dieses Gedicht wurde einem berühmten hiesigen Gelehrten eingesandt von der Witwe des Verfassers, Dr. Adolf Brecher in Olmi'ch, bekannt, besonders in Oesterreich, durch seine schöne metrische Uebersetzung der Psalmen (Wien 1864), durch humoristische Gedichte und einen Band geistreicher Rätsel, die unter dem Titel Sphinx, Olmütz 1864, erschienen, längst vergriffen sind und eine neue Auflage verdienten. Sein Vater, an den das Gedicht gerichtet, war Dr. Gideon (Gedalja) Brecher in Proßnitz, Verfasser eines hebräischen Kommentars zum Kusari und anderer Schriften. A. G. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.