Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*J1Ö Ludwig Blatt hüt durch die Veröffentlichung dieser Briese einen nicht uninteressantenIBeitrag zur Kulturgeschichte jener Zeit geliefert. Er hat auf diese Arbeit große Sorgfalt verwandt und 'in zahlreichen Anmerkungen über-Menschen und Ereignisse jener Zeit, soweit sie für diese Briefe in Betracht kommen. Aufklärung gegeben. Vielfach hat er and) versucht, dunkle Stellen in Modenas Stil anfzuhellen, was ihm in den meisten Fällen , gelungen ist. An einigen Stellen hat er freilich fehlgegriffenaber es ist nicht hier der geeignete Ort, dies zu erörtern, zumal es sich doch nur um Nebensächliches handelt. Hingegen muß ich bemerken, daß der Abschreiber der Briefe mit der italienischen Kursivschrift des Hebräischen nicht genügend vertraut gewesen zu sein scheint. Daraus sind viele Korrupteln entstanden, die dem Herausgeber große Schwierigkeiten machtell. Nicht immer ist ihm die richtige Losung gelungen. Selbst im Druck kann inan, wenn man diese Kursivschrift beherrscht, einen großen Teil dieser Korrupteln erraten- Hätte man die Handschrift vor Augen, so dürfte dies ltnt so leichter^sein. Freilich sagt uns Blau, daß die Schrift schon stark verblaßt gewesen ist, was vieles entschuldigt. Jedenfalls hat er sich durch die Herausgabe dieser Briefe den Anspruch aus den aufrichtigen Dank aller Freunde der jüdischer: Literatur erworben. Diese Publikation gehört zrr den besterr. die ans den' handschriftlichen Schätzen früherer Jahrhunderte genracht wurden, und zwar hinsichtlich des Inhalts wie auch der sorgfältigen Bearbeitung bei der Veröffentlichung. Lum Seelenhirtru. Erzählung von S a m nel Gordon. V. Au diesem kritischen Moment fühlte Eisenmann plötzlich, wie ihn jemand anstieß, rrnd er hörte, wie eine Stinune — es war die des Pastors — zu ihm sagte: „Hier, lieber Mann, ^halten Sie doch nral meinen Rock. Ich muß hin und sehen, was sich da tun läßt." „Ich begleite Sie, Herr Pastor," versetzte, ohne sich zu besiunen, Eisenmann, reichte des Pastors Rock einem Nebenstehenden und zog selbst den seinen aus. Er hatte das gesagt, ohne'sich der Bedeutung dieser Worte so recht bewußt zu werden. Die Worte waren ihm entfallen ohne jede Absicht, ohne jeden Vorbedacht, ohne jede Prahlerei, ohne daß er dabei ein eigenes Interesse verfolgte oder sich damit irgendeinen Vorteil verschaffen wollte. Er hatte sich zur Begleitung erboten, weil ein Gefühl, das schon lange in ihm geschlummert hatte, plötzlich in ihm lebendig wurde. Ja, das war es! Solche Arbeiten in Wassersnot waren für ihr: nichts Neues. Als Jüngling war er darin ausgewachsen, als er seinen: Vater half, an den Ufern der Weichsel Flöße zu bauen. Floßbauen hatte äuch sein Lebensbernf werde:: sollen, und nie hatte er es sich einfallen lassen, etwas anderes werden zu wollen, bis er eines schönen Morgens sah, wie sein Vater, der einen einzelnen Banmftannn zu sich herüber auf die andere Seite des Stromes ziehen wollte, vor seinen Augen ertrank. Das hatte ihn mit solchem Abscheu vor der Flößerei erfüllt, daß er es vorzog. ei:: Gelehrter zu werden. Und merkwürdig genug, jetzt sollte ihm sein altes'Gewerbe gutzustatten kommen. Er war es, der es zuerst wagte, auf den fest zusammengebundeneu Holzstapel den Fuß zu setzen, und ohne ein Wort zu sagen, folgte ihm der Pastor. „Seile und Stangen müssen wir haben," rief Eisenmarm. „Seile! --- Stangen!" brüllte der Pastor m:d in: Nn waren Rettungswerkzeuge zur Hand und jetzt begann die Arbeit. Es war zwar nur sehr einfache Arbeit, aber so einfach sie war, so gefährlich war sie auch. Sie :väre imn:öglich gewesen, hätte nicht der Regen aufgehört gehabt, auch die Gewitterwolken hatten sich verzogen und der Mond ließ sein klares, silbernes Licht auf den Schauplatz ihrer Tätigkeit fallen. So arbeiteten hier die beiden Männer ernst nnd feierlich zusannnen und jeder schien bemüht, mit seinen Handgriffen und Bewegungen dem andern die Arbeit zu erleichtern. Um das obere Ende eines jeden Baumstannnes wurde eine Schlinge befestigt, das andere Ende des Seiles wurde nach dem User geworfen, nnt es die dort stehenden Männer anffingen nnd so wurde jedes große Stück des Stapels hochgezogen und aufs Trockene gebracht, jedes einzelne nnd recht behutsam, denn das Gerüst, auf dem der Pastor und Eisenmann standen, gewährte nur eine:: sehr unsicheren Halt, und mit jeden: Baumstamm, der daraus entfernt wurde, wurde es unsicherer :u:d gefährlicher. Oben ans der Brücke standen Leute mit Stangen, die im Wasser treibende Baurustümme fortstießen, nnd für jeder: Stannn, den, sie fortgestoßen hatten, tauchten andere ans, so daß sie in unablässiger Bewegung bleibe:: mußten. Aber als ruhte der Segen Gottes darauf, ging die Arbeit stetig und glücklich von statten. Die Fingernägel des Pastors und Eisenmanns waren abgerissen und bluteten, von ihren Armen u::d Beinen war die Haut vollständig abgeschürft und zollange Wunden, klafften in ihren: Fleische. Abgesehen von einer gelegentlichen, notwendigen Frage oder einem Warnungsrufe war während dieser ganzen, langen Stunden kein Wort zwischen ihnen gefallen, sbis ganz gegen Schluß, als der Stapel sich schon um eh: Drittel seiner Hohe verringert hatte und das Wasser schon über das teilweise hinweg geräumte '.Hindernis feinen Abfluß fand. Der Pastor war niedergekniet und hatte schwer, zu arbeiten, einen überaus ::nhandlichen Bamnstauun an sein Seil zu binden, als oben die Leute ans der Brücke laut aufschrien nnd er plötzlich fühlte, wie ihn der Rabbiner mit eiserner Faust zurückriß. Engzelins blickte auf, um nach der Ursache des Schreies und des auffallenden'Benehmens des Rabbiners zu sehen. Dort, wo er vor einen:'einzige:: Augenblicke mit seinem Kopfe gelegen hatte, suchte man jetzt mit verzweifelter Anstrengung einen ungeheuren Eichenstamm mit Stangen wegzustoßen. Nur ein paar Sekunden und es wäre um das Leben des Pastors geschehen gewesen. „Ich sagte Ihnen ja, daß Sie ein Duinmkopf sind," meinte der Pastor in barschem Tone. „Sie hätten es ruhig geschehen lassen sollen, daß dieser Baumstamm nur den Schädel zerschmetterte und dann.hätte es hier niemand gegeben, der sich Ihrer Aufnahme als Bürger widersetzte." „Ich weiß das, Herr Pastor," versetzte Eisenmam: ruhig, „aber zu meinem Unglück bin ich nur ein^Dummkopf und kein Schurke." Nach einer weiteren Stunde war ihr Werk vollendet. Das Wasser hatte jetzt freien Abfluß und strömte durch die Brücke hindurch der.Warthe zu. „Ich glaube, wir können es dem Bach jetzt selber überlassen, sein Werk zu beenden," erklärte der Pastor und trat auf das Ufer zurück. „Ganz :vie Sie wünschen, Herr Pastor," versetzte Eisenn:ann und folgte ihm.