Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dein mich innn das Leben der italienischen und sefardischen Juden kennen, um zu wissen, daß bei ihnen eine derartige Verknüpfung voll verschiedenen Berufszweigen durchaus üblich lvar. Eiiien Rabbinerstand nach unseren heutigen Begriffen hat es bei ihnen damals nicht gegeben. Wie jedoch aus den Briefen hervorgeht, ist es vor allein die große Gutmütigkeit Modenas, die uns mit manchem sittlichen Fehler dieses Mannes versöhnt. Gr war gefällig mib nachsichtig gegen die Fehler anderer, noch mehr als gegen die eigenen. Auch ließ er sich stets bereit finden, fn^Bekannte oder auch Unbekannte zu schreiben, ihre Interessen wahrzunehmen, oder für sie das Mitleid der Glaubensgenossen in Anspruch gn nehmen. Solcher Briefe finden wir incker den von Blau herausgegebenen sehr viele. So beispielsweise sein Empfehlungsschreiben, das er Anfang I<»04 einer unglücklichen Frau Dianora mitgab, die der Zauberei beschuldigt war. Sie konnte nocf) von Glück sagen, daß es ihr nicht wie vier Jahre zuvor einer Greisin in Mantua ergangen war. Diese Arme wurde nämlich auf Befehl der Regierung, als der Zauberei verdächtig, hingerichtet. Frau Dianora wurde bloß ans Venedig fortgewiesen, und Leon Modena bezeugte ihr, daß der auf ihr ruhende Verdacht sinnlos sei und bat, man möge sie überall unterstühen iS. 132). Einern anderen Unglücklichen, dem beide Hände abgeschnitten waren, gab er ebenfalls ein Einpfehlungtzsä.reiben mit, das sehr geistreich aus verschiedenen biblischen Redewendungen zusarnmengeseht ist (S. 17t). Jin Jahre l<ttt gab sich Modena große Mühe, einen unglücklichen Glaubensgenossen ans (Sveuunui l wahrscheinlich öajjim ben ü\Uofc), der in Atontagnana iit eine böse Angelegenheit unsel-nldigerweise veruückelt worden war, ans dieser Lage zu befreien. Es ist dies ein interessantes Stück Kulturgeschichte. Der Jude befand sich ans dem Wege von Mantua nach Padua in Gesellschaft eines christlichen Boten, der Geld bei sich trug. In einem Dorfe unweit Montagnaua sing der Christ au, den Juden unter der Behauptung zu prügeln-, dieser hätte ihn berauben wollen. \) Die Dorfbewohner eilten, herbei und schleppten den Inden nach Montagnaua, wo gleich sein Urteil gesprochen wurde. Er sollte an der Stelle, wo er angeblich bcn Raub versucht hatte, aufgeknüpft werden. Modena hielt den Mann für unschuldig und bemühte sich, diese harte Strafe vou ihm abzuwenden. Indes gelang ihm dies nicht, unb an einem Sonnabend wurde der Beschuldigte wirtlich gehängt. Modena konnte ihm nur noch den letzten Liebesdienst erweisen, indem er die Grabinschrift für ihn verfaßte lS. 309 -112). Im Herbst 1002 ereignete sich in Mantua, das damals unter spanischer Herrschaft stand, daß ein fanatischer Geistlicher öffentlich gegen die Juden unter dem Vorwand hetzte, sie batten Jesus beschimpft. Alle Juden der Stadt wurden darauf festgeuonunen. Sieben wurden hingerichtet und die andern nlnßten sofort die Stadt verlassen, ohne daß ihnen Zeit gelassen wurde, ihr Hab und Gut mitzunehmen. Modena trat für diese Unglücklichen irr einem warmen Schreiben an die Gemeinden ein, damit überall für die Verjagten mitbe Gaben eingesammelt würden. (S. 131.) Aus all biefeu Schreiben, die er bald für Private, bald für ganze Gemeinden erließ, leuchtet seine Warmherzigkeit, seine aufrichtige Teilnahme an der Not anderer hervor. Es ist dies ein sehr sympathischer h Im Text (S. 110, Zeile 9—in) ist eine sinnstörende Umstellung, die entweder ans einer Flüchtigkeit Modenas selbst oder des Abschreibers herrnhrt. Dort heißt es, der Jude hätte den christlichen Boten geprügelt. Bielleicht aber ist die Sache so zu verstehen, daß zuerst eine Prügelei entstanden loar, looranf der christliche Bote sich an dem Inden mit der verhängnisvollen Beschuldigung rächte. Sonst ist der Hergang ganz klar. Zug in seinem Charakter, zumal wenn wir dabei bedenken, das; Modena selbst immer mit Stahrungssorgen zu kämpfen hatte. Ueber seinem' eigenen Leid vergaß er nie das Leid anderer. Modena beschränkte seine Gefälligkeit, für Andere Briefe zu schreiben, nicht aus Juden. In der Briefsammlung finden wir eilte hebräische Begrüßungsrede, lvelche die Geistlichen des Seminars San Antonio an den Togen Marino Grimani während seines Besuches in jenem Seminar gehalten haben. Modeila verfaßte diese Allsprache ans -den Wunsch eines Geistlichen. Marino Grimäni war übrigens judensreundlich. Als er'zum Dogen gewählt wurde, schrieb'Modena darüber an Abraham Lombrofo. Er erzählte . dabei, daß die Wahl Grimanis bei allen ohne Ausnahme Freude hervorgerufen habe, weil der Doge volksfreundlich und auch den Inden wohlgemeigt sei. Die Briefe Modenas, die eine reichliche Ausbeute in biographischer und in geschichtlicher Hinsicht bieten, sind indem bekannten Stil jener Zeit gehalten. Es ist dies durchwegs der sogenallnte Mussivstil, alls biblischen und talmudischen Redewelidullgen zusammengesetzt: hin lmd wieder sind auch italienische Volkssprüche in hebräischer Uebersetzung eingeflochten. Die Sprache ist eigentlich holprig, voller Anspiellmgen und witzreicher Wendungen, die eine weitgehende Kenntnis des hebräischen. Schrifttums voraussetzell. 'Außerdem wird oft dieser Stilschnörkelei zuliebe der eigentliche Sinn des Schreibens verdlllikelt. Es ist dies die in den späteren Jahrhunderten eingerisselie Manier, statt klar und deutlich das auszndrücken, was man sagen wollte, deul Leser harte Nüsse knacken 311 geben, ihn mit lauter Rätseln aus eine harte Probe zll. stell eil. Das nannten die Leute damals einen „glänzenden Stil". Je unnatürlicher und je verschrobener die Sprache war, uinto mehr zeugte sie für die Meisterschaft des Schriftstellers. Auch die deutschen Gelehrten schrieben in dieser Form, und als im Zeitalter Mendelssohns unter den deutschen Juden der Sinn für die einfache Schönheit des Stils geweckt wurde, machte lnan sich über diese Künstelei nicht wenig lustig. Ein Pröbchen solcher verschnörkelter Schreibweise gab bekanntlich der „Hämcassef“, der sich übrigens um die Verbesserung und Läuterung des hebräischen Stils große Verdienste erworben hat. Am weitesten jedoch in der Sprachentartung haben es die italienischen und sefardischen Juden gebracht, die darin eine Art Meisterschaft erlangt haben. Leon Modena schrieb also wie alle seine Zeitgenossen, und da er belesener und witzreicher als die anderen war, so hat sein Stil um so mehr diesen eigenartigen Eiertanz aufzuweisen. Wie jeder gebildete Jude in Italien, hat sich Modena auch als hebräischer Dichter versucht. Seine Verse sind jedoch wertlos. Zum Dichter fehlte ihm eigentlich alles; er besaß weder Gedankentiefe noch echte Empfindungen, noch auch Sinn für Formenschönheit. Hingegen zeigte er eine gewisse Fertigkeit im Feilen von Epigrammen. Grabinschriften mit geistreichen Anspielungen aus biblische und nachbiblische Stellen gelangen ihm zumeist sehr gut. Modena hat solche Grabinschriften in großer Zahl verfertigt, in den meisten Fällen natürlich um Honorar. Es passierte ihm auch manchesmal, daß er um den erhofften Lohn geprellt wurde. Die säumigen Zahler pflegte er durch stachlige Reime an ihre Pflicht zu erinnern. Wir können somit, in den Katalog der von ihm ansgeübteu Berufe auch den eines Gelegenheitsdichters .aufnehmen. Aber auch das erregt weniger unfern Spott als unser Mitleid mit diesem reichbegabten und im Grunde auch gntgearteten Mann, der seine Fähigkeiten nach allen Richtungen hin verzetteln mußte.