Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Dieser Rabbiner war somit ein heftigerer Gegner der Mischna und des Talmud als selbst die Karüer, ein weitgehenderer Reformer als selbst Abraham Geiger. Und das vor 220 Jahren und in Italien! Würden Sie das Buch abschreiben und es der RabbinerversanunluNg in Breslau (eine solche war damals einberufen) vorlegen, so würden Sie dafür recht gut belohnt werden." Stern fühlte sich durch dies Anerbieten verletzt, da er mit der antitalmudischen Tendenz des Buches nicht einverstanden war. Luzzatto schrieb ihm darauf nochmals: „Ich habe Ihnen das Anerbieten ohne jede verletzende Absicht gemacht. Das Buch möchte ich veröffentlicht sehen, aber nicht durch mich selbst, weil ich darin vieles finde, das meinen Anschauungen widerspricht." Erst im Jahre 1852 hatte I. S. Reggio den Mut, das Buch unter dem Titel '„Bechinat ha-Kabbala“ herauszugeben, womit er damals ans der einen Seite einen Sturm der Entrüstung gegen sich hervorrief — Rapoport kündigte ihm deshalb die Freundschaft — ans der andern Seite aber großen Beifall fand. Leon Modena wagte gar nicht, seine scharfe Kritik gegen den Talmud unter eigener Flagge segeln zu lassen. Er gebrauchte deshalb dabei einer: nicht üblen Trick, indem er die Anklagen gegen den Talmud unter der Ueberschrift „Kol Sachal“ („Die Stimme eines Toren") einem Amittai ibn Ras aus Alkala in den Mund legte, einem Manne, der nie existiert hat. Diesen ließ er alles sagen, was er gegen den Talmud auf dem Herzen hatte. Er selbst aber, Leon Modena, wies diese Anklagen unter der Ueberschrift „Scha’agat Arje“ („Das Brüllen des Löwen", Anspielung auf seinen Namen Leonangeblich zurück. Nur ist die Polemik so gehalten, daß die scharfen Angriffe gegen die mündliche Lehre sehr wirkungsvoll sind, indes die Zurückweisung matt und wirkungslos ausfällt. Während Leon Modena in dieser pseudonymen Schrift das talmudische Judentum wissenschaftlich kritisierte und dessen Reformbedürftigkeit beweisen wollte, versetzte er ihm in einer anderen Form einen nicht minder heftigen Stoß, indem er es, vielleicht ohne über die Folgen seines Tuns sich klar gewesen zu sein, lächerlich machte. Modena verkehrte.viel mit gelehrten Christen, die sein umfangreiches und vielseitiges Wissen bewunderten. Als er sich einmal in Geldnot befand, was ja bei ihm recht häufig vorzukommen pflegte, fertigte er für einen englischen Lord in italienischer Sprache einen Religionskodex des Judentums an. Er vollzog diese Arbeit, wie er selbst betont, „gewissenhaft und unparteiisch", ohne Rücksicht darauf, daß er damit das rabbinische Judentum der Lächerlichkeit preisgab. Derselbe Modena, der somit dem talmudischen Judentum keine große Achtung zu zollen schien, versah doch viele Jahre hindurch ein rabbinisches Amt und verfaßte ganz ernste talmudische Gutachten. Im Jahre 1618, fast um dieselbe Zeit, als er das talmudische Judentum angriff, unterschrieb auch er den Bann, der in Venedig gegen die Verächter der rabbinischen Tradition ausgesprochen wurde. In einem.Schreiben an die Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hamburg (Nr. 156) wandte er sich gegen einen ungenannten „Ketzer", der die rabbinische Lehre in einer Abhandlung angegriffen hatte. Er forderte ihn auf, seine Aeußerungen zurückzunehmen und auch nicht das. Geringste zu verwerfen, was die Rabbiner lehren. Sonst würde er dem schwersten Bann verfallen. Damit nicht genug, verfaßte Modena eine besondere Schrift: „Schild und Wehr",j (Nagen we — Zinna), um alle Angriffe jenes „Toren" auf den Talmud znrückzuweisen. Dieses Schristchen, das A. Geiger 1856 zum erstenmal aus einer Handschrift veröffentlicht hat, wurde einige Zeit für unecht gehalten, und jedenfalls glaubte man, daß der ketzerische Hamburger nur eine fingierte Person sei. Durch die Publikation Blaus steht es nunmehr unzv-eifelhaft fest, daß wir es mit einer wirklicher: Begebenheit zu tun haben. Wie erklären wir uns nun diese krassen Widersprüche in den Aeußerungen Modenas? Wir wissen, daß Geiger ihn als einen Vorkämpfer der Reform im Judentum schildert, der nur durch die Zeitverhältnisse verhindert war, seine Meinung öffentlich zu vertreten. Hingegen behandelt ihn Grätz als einen Verräter am Judentum, als einen Heuchler, den eS gar nicht auf eine ehrliche Meinung ankam. Blau nimmt auf Grund des jetzt publizierten Materials eine vermittelnde Stellung ein. Jedenfalls versuchte er, Modena gegen die härtesten Vorwürfe, die Grätz gegen ihn erhebt, zu verteidigen. Ich muß nun gestehen, daß mir diese Verteidigung nicht recht einleirchten will. Das Leben Modenas ist uns bekannt; seine schliminsten Fehler kennen wir aus den Aufzeichnungen, die er selbst gemacht hat. Man darf mit einem Manne, der seine eigenen Fehler schonungslos, aber nicht zynisch bloßlegt, nicht strenger zu Gericht gehen, als er es selbst tut. Dies gilt beispielsweise von Rousseau, von Salomvn Maimon und auch von Modena. Das widerspruchsvolle Verhalten Modenas zum Talmud und zum Judentum überhaupt läßt sich psychologisch sehr gut erklären. Es ging ihm wie so vielen denkfähigen Juden vor und nach ihm, die mit einem Fuß im Ghetto standen mrd mit dem andern irr der freien weiten Welt. Während sie an ihrer inneren Befreiung arbeiteten, konnten sie doch die Tradition nicht los werden. Sie spotteten ost der Ketten, von denen sie sich nicht befreien konnten. Es gehört ein starker Geist dazu, sich von religiösen Anschauungen los zu machen, die Jahrhunderte hindurch uneingeschränkt geherrscht haben, ohne von Zeit zu Zeit einen Rückfall zu erleben. Beispiele dieser Art sind gerade in der Geschichte des Judentums sehr häufig, und es zeugt nicht von einer geschichtlichen Auffassung der Dinge, wenn man Männer, die es in religiösen Dingen nicht zu einer abgerundeten Anschauung gebracht haben, gleich als Heuchler bezeichnet. Solche Männer fordern eher unser Mitleid heraus. Leon Modena sagt selbst in seiner Kritik des Sohar (Seite 68): „Oft habe ich die unwissende Masse unter den Juden beneidet, denn zweifellos werden sie eher selig als die denkenden, die über alles nachgrübel,: und schwere Kümpfe durchmachen müssen, um Gedanken zu verscheuchen, durch die sie vom richtigen Wege abgelenkt werden." Zieht man dies alles in Betracht, so findet man leicht den Schlüssel zu dem psychologischen Rätsel, das uns Modena bietet. Man muß ihn in seiner Zeit, in seiner Umgebung rrnd in seiner: Lebensverhältnissen verstehen. Ohne ihn zu einem Helden der geistigen Befreiung stempeln zu wollen, erscheint seine Persönlichkeit im Lichte dieser Betrachtung nicht unsympathisch; seine menschlichen Schwächen dürfen wir verzeihlich finden. 111. Leon Modena starb an: 21. März 1648 (irrtümlich bei Grätz 1649), fast 77 Jahre alt. Er war in seirrem Leben, wie Grätz hervorhebt, „Prediger, Lehrer für^Juden und Christen, Vorbeter, Dolmetsch, Schreiber, Korrektor, Brrchhändler, Kaufmarm, Rabbiner, Musikant, Heiratsvermittler und Amulettenverfertiger" — Grätz hat noch jhinzuznfügen vergessen, daß Btodena eii: bedeutender und fruchtbarer Schriftsteller war. Jedenfalls aber hatte er durchaus recht, wenn er von sich in dem bereits erwähnten Schreiber: an den Rabbiner Isaak Usiöl (Blau S. 143) sagt, daß er stets seiner: Lebensunterhalt ehrlich verdient habe. An all den Berufen, die oben angesührt sind, ist ar: sich gewiß rrichts Ehrenrühriges. Außer-