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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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212 Gesamteinuahme 228 736,08 Mark gegen 206 998,11 Mark im vorhergehenden Jahre. Das Stiftungsvermögen belief sich zmn Abschluß des Berichtsjahres auf 5 312 038,22 Mark gegen 5 293 781,25 Mark am Schlüsse des Jahres 1904; es hat demnach — infolge höherer Zinserträge von dividendentragenden Effekten — eine Vermehrung des Stiftungsvermögens um 19 256,97 Mark stattgefunden. Das ganze Zahlenmaterial gibt ein anschauliches Bild von dem Wirken „unserer Stiftung". Möge das Kuratorium, das bisher in so vortrefflicher und rühmenswerter Weise seines schwierigen Amtes gewaltet, dieses auch fernerhin mit gleicher Umsicht und Liebe zur Sache führen! '*7§)£2-' Leon Modena. Ein Kulturbild. Von Dr. S. Bern selb. II. ie wir bereits gesehen haben, war der Hauptzug in Modenas Charakter weitgehende Schwäche, die sich in der bezeichneten Richtung unter den damaligen Verhältnissen ungehindert entwickeln konnte. Er war nicht aus dem Holz geschnitten, aus dem die Blutzeugen für erkannte Wahrheit und innere Ueberzeugnng entstammen. Dazu kommt noch, daß er zeitlebens arm war und sich einem Beruf widmen mußte, den er oft in seinen Briefen als ein Verhängnis für ihn bezeichnete. Diesem Verhängnis zu entgehen, hoffte er nicht einmal, weil er trotz seiner Freisinnigkeit astrologisch abergläubisch war. Es gibt eine Armut, die man stolz erträgt, und diese adelt den Menschen; aber Leon Modena versuchte manchesmal seine Lage dadurch zu verbessern, daß er entweder Monate hindurch dem Kartenspiel oblag, was natürlich in den meisten Fällen für ihn mit einem wirtschaftlichen Zusammenbruch endigte, oder er ergab sich gar der Goldmacherkunst, die ihn ebensowenig bereicherte, wie die Würfel. Auch mit seinen Kindern hatte er wenig Glück. Charakteristisch ist der Brief (Nr. 84), den er an seinen Erstgeborenen Mordechai am 5. Januar 1607 richtete, der folgendermaßen beginnt: „Deinen Brief, halb Mensch, halb Ziege und im ganzen Vieh, habe ich erhalten und benenne ihn so, weil das Schreiben in der ersten Hälfte menschlich, d. h. stilistisch gut ist, hingegen ist es in der zweiten Hälfte ein Ziegenmeckern .... und im ganzen ist es viehisch, weil es voller orthographischer Schnitzer ist, abgesehen von sonstigen Fehlern." In diesem Briefe, den er aus Ferrara schrieb, wo er sich damals befand, klagt er bitter über häusliche und auch sonstige Sorgen. In der Stadt herrschte Teuerung — „die Brotlaibe werden täglich kleiner und das Geld fliegt nur so aus dem Beutel". Sein Töchterchen Ester lag schwer krank danieder; er hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, sie noch gesunden zu sehen. Von seinem jüngeren Sohn Isaak, der ihm auch später schweres Leid zufügte, schrieb Modena folgendes: „Anbei empfängst Du einen Brief Deines Bruders Isaak, den er mit großer Mühe mit einer Schweineklaue geschrieben hat. Er denkt stets nur daran, Unfug zu verüben, und alle Laster hält er bereits für erlaubt. Ich aber bin müde und mürbe geworden unter der mir aufgeladenen Last." Bei dein allein gehörte noch die Zeit, in der er sich in Ferrara aushielt, zu den glücklichsten Tagen seines Lebens. Denn als er bald darauf ans Heimweh nach Venedig zurückkehrte, um im Hause eines gewissen Mose Kopio, eines bösen uyd harten Manneseine Hauslehrerstelle anzunehmen, erlebte er dort kummervolle Tage. Seine Sorgen und sein häuslicher Kummer nahmen niemals ein<Ende. Sein Erstgeborener starb Ende 1617, 26 Jahre alt, nach langem und qualvollem Leiden. In seiner Selbstbiographie erzählt Leon Modena, er habe sich bis zum Tode seines Sohnes, weil dieser ihn darum gebeten hatte, 27-2 Jahre hindurch des Kartenspiels enthalten, später aber sei er ans Schmerz über den erlittenen schweren Verlust diesem Laster wieder verfallen. Zwei Jahre später kehrte sein Sohn Isaak, der unterdessen ein völliger Lotterer geworden war, abgerissen und gänzlich verbummelt wieder nach Hause zurück. Zum Aerger seines Vaters trieb er sich auch in der Heimat mit liederlichen Gesellen herum, so daß Modena glücklich sein mußte, als sein Sohn im Frühjahr 1621 das Vaterhaus wieder verließ. Im Herbst desselben Jahres wurde sein Sohn Sebulun wegen Schulden verhaftet, und der Vater mußte für ihn eintreten, um ihn von der Schuldhaft zu befreien. Dieser Sohn wurde jedoch ein Jahr später durch jüdische Meuchelmörder ermordet — er hatte sich ihren. Zorn zngezogen, weil er gegen sie vor Gericht -Zeuge sein mußte. Daß Leon Modena unter solchen Umständen wissenschaftlich nicht ruhig arbeiten konnte, wird man begreiflich finden. In einem Brief (Nr. 98) an den bekannten Menachem Asarja da Fano schrieb er: „Stets war es mein Wunsch, viele Bücher herauszugeben, und in diesem Wunsch kommt mir niemand gleich. Mein Streben war, meine eigenen Geistesprodukte zu veröffentlichen .... und wenn ich nur ein wenig Muße hätte, würde ich bereits begonnene Arbeiten vollendet haben. Aber leider habe ich infolge meines Berufes und durch die Sorge, die mir die Erziehung meiner Kinder bringt, keinen Augenblick Zeit. Vielleicht erweist mir Gott einst die Gnade, mich von dieser Beschäftigung zu befreien, die an sich gewiß eine nutzbringende ist, mich aber fortwährend stört." Indessen waren es nicht materielle Sorgen allein, die seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hinderlich waren; mehr wirkten nach dieser Richtung der innere Zwiespalt, in dein er lebte, seine Charakterschwäche und die Mutlosigkeit, die von ihm erkannte Wahrheit auch öffentlich zu vertreten. Es ist bezeichnend für Leon Modena, daß seine zwei besten Schriften, durch die er sich in der Geschichte der jüdischen Literatur einen Ehrenplatz gesichert hat, von ihm bei Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden. Er, der seinerzeit ein beliebter Schriftsteller war und mit minder wichtigen Schriften bei Juden und Christen Anklang fand — so ließ sich der damalige Patriarch von Venedig de Aquileja von Modena im Jahre 1712 ein mnemotechnisches Buch widmen, wofür er dein Autor 25 Scudi schenkte — scheute sich, sein Buch gegen die Echtheit des Sohar (Ari Noham) und seine scharfe Kritik gegen den Talmud (Kol Sachal) zu drucken; diese beiden Schriften sind erst im 19. Jahrhundert veröffentlicht worden. Das Buch gegen den Sohar war auch in früherer Zeit handschriftlich verbreitet. Der unglücklich Dichter und Schwärmer Mose Chajjim Luzzatto hat sich ein Jahrhundert später den Zorn des Venetianer Rabbinats aufgeladen, weil er gegen Modena eine Antikritik schrieb. Das Buch selbst befand sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts handschriftlich in den Händen Salomo Rosenthals in Budapest. Es wurde von ihm gemeinschaftlich mit Julius Fürst im Jahre 1840 herausgegeben, leider aber sehr fehlerhaft. Die zweite, die antitalmudische Schrift Modenas, war so ziemlich verschollen. Am 25. Mai 1846 schrieb S. D. Luzzatto an S. G. Stern: „Haben Sie das 8dia'agal Arje und Kol Sachal gesehen? Das ist eine große Sensation. Es ist zweifellos, daß auch das Kol Sachal aus der Feder Leon Modenas stammt.

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