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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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210 Anlere Stiftung. S. Dessall, im April. jYjn: hätte das. gedacht, das; unser liebes Dessau wieder einmal berufen sein würde, im jüdischen Leben eine so hervorragende Rolle zu spielen, wie dies seit einigen Jahren der Fall ist!' Seit der großen Mendelssohn-Feier, die ja noch in der Erinnerung, aller sortlebt, die sie mitgemacht, talll nur selten eine Nachricht ans der anhaltinischen Residenz in die öffentlichen Blätter. Und mm stehen wir sozusagen im Zentrum des öffentlichen Lebens der deutschen Inden. Wer denkt hierbei nicht all den Bers Schillers: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht!" In der Tat, durch den Segen der Baronin Co hn - Oppenheim - Stiftullg ist Dessau lvieder zu einer Stätte jüdischen Gemeinsinns und freudiger Teilnahllle an denl Wohl und Weh der Allgemeinheit gewordell, wie vor mehr als einem Jahrhundert. Man braucht nur den eben erschienellen zweiten Jahresbericht dieser Stiftung allfmerksaln zu Prüfen, urn sich von der Wahrheit dieser Tatsache selbst zu überzeugell. Soviel trockenes Zahlenmaterial dieser Bericht auch auf den ersten Blick zu enthalten scheint, so stellt er doch ein wichtiges llnd interessantes Dokument dar, das unsere Zeit, das Zeitalter des sozialen Fortschritts, der Nachwelt vererben wird. Cr liest sich lvie eine ffeine Monographie über soziale Fürsorge, nnb mit vollstem Recht darf das Kuratorium, desfell Arbeitspensum ein lvenn auch in ruhigeren Bahnen sich bewegendes, trotzdem größeres war als im Begründungsjahr der Stiftullg, von sich behaupten, das; es bestrebt gewesen ist, deill Geiste der Menschenliebe, welcher dem edlen Werke innewohnt,nach Kräften Betätigung zu verleihen lnld helfend für die Gesarntheit zll lvirkell. Die umfassende Stiftungsarbeit nach allsten nlögell folgende Zahlen illustrieren. Die Gesamtzahl der illl Berichtsjahre erfolgten Eingänge betrügt 1920 Stück gegen 273.1 im Vorjahre, das Ausgangsjournal weist 2415 (2788) Ausgänge auf. An Gesuchen sind im Berichtsjahre. insgesamt 999 Stück gegeir 1329 im Vorjahre eingegallgell. Hiervon waren 877 von Einzelpersonen und 122 von Korporationen. Die Gesuche betrafen (die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1904) Anhaltische Knltnsgemeinden 20 (42), Unterstützung Armer und Hilfsbedürftiger 797 (963), Krankenpflege 66 (86), jüdische Wissenschaft 46 (101), Stipendien 100 (137). In lokaler Beziehung geordnet waren von diesen Gesuchen Einzelpersonen alls Dessall 501, sonst aus Anhalt 169, austerhalb Allhalts 207- Korporationen mrs Dessau 20, sollst aus Anhalt 27, außerhalb Anhalts 75. Von diesen Gesuchen wurden 741 (534) berücksichtigt, und zwar 659 an Einzelpersonen, 82 an Korporationen, während 258 (444) abgelehnt werden nlllßten, lind zwar 222 von Einzelpersonen und 36 von Korporatiollen. Von den im Jahre 1905 erfolgten Bewilligullgen warell die betreffenden Personen ihrem Geschlechte nach 473 (312) weiblich und 186 (151) männlich. Die unterstützten weiblichen Personell lvareu denl Stande llach 331 Witwen, 39 Ehefrauen und 103 ledig. Die männlichen Personen waren 59 Invaliden, 10 Arbeiter, 23 Handwerker, 23 Handelsleute, 8 Kauftellte, 10 Beamte, 34 Studierende und 13 diversen Berufes. In einem Vergleich mit denl Jahre 1904 ergibt sich, das; zwar bte Anzahl der an die Stiftung heraugetretenen Gesilchsteller niedriger war in dem abgelaufenen Geschäftsjahr, die Anzahl der ail Korporatiollell und Einzelpersonen erfolgtell Bewilligungen sich jedoch iveseicklich vermehrt hat, iubeiii im Jahre 1965 207 Gesuche mehr berücksichtigt werden konnten wie im Vorjahre, hauptsächlich deshalb, weit die zur Verwendung kommenden Mittel gleichfalls wesentlich höhere waren wie im Jahre 1904. In der nach Titeln geordneten Uebersicht erscheillt es auffällig, daß die Zahl der die „jüdische Wissenschaft" betreffenden Gesuche mm 46 betrug, gegen 16! int Vorjahre, und das; von diesen 46 Gesnchelr nur 18 bewilligt lvurden. , Hiernach kann nicht dringelld gellug die Bitte all bm Kuratorium gerichtet werden, den Gesuchen von Korporationen lnld Vereinen, lvelche der Wissenschaft des Judentums bienen, weitestgehende Förderung augedeihen zu lassen. Innerhalb und außerhalb Anhalts, im ganzeil deutschen Reiche, gibt es eine Unzahl von Vereinen, welche -die Unterstützung Armer ulld Hilfsbedürftiger zum Ziele haben, eilte umfassende Anzahl von Vereinen zur Gewährung vor: Stipendien an begabte Schüler, ulld speziell ein Ehrentitel für unsere jüdische Gemeinschaft ist es, daß selbst in kleineren Gemeinden Institutionen bestehen, welche die in diese Gebiete fällenden Gesuche würdiger Petenten zu bewilligen in der Lage sind. Aber wie beschämend wenig wird im Gegensatz hierzu für die jüdische Wissenschaft getan! Wie schwer füllt es, wohlhabende Glaubensgenossen zn bestilnmen, ein Legat zur Erforschung und Pflege der genannten Wissellschaft, für die soziale und moralische Hebung des Judentums, anszusetzen! Ulld gerade deshalb, weil die jüdische Wissenschaft bedauerlicherweise noch immer illl Bereiche der Wohltätigkeit so arg vernachlässigt wird, gerade deshalb sollte das Kuratoriuul em als eine seiner vornehmsten und edelsten Aufgaben betrachten, dem für die Förderung der jüdischen Wissenschaft befiiimnteii Titel VI der reichen Stiftllng größere Mittel zuznführen, um so in der Lage zu fein, auch den größeren dahingehenden Ansprüchen ernst strebender jüdischer Institutionen genügen zu können Für die Wissenschaft des Judentums gilt es, nach Ueberwindum schwierigster Vorarbeiten lleue Bahnen zll schaffen und den von einflußreicher Seite ausgehenden, das Judentum in seiner historischen Stellung herabsetzenden Behauptungen authentischem Material entgegenzusetzen. Dem kräftigen Schaffen, das sich sowohl auf Wissenschaft lichein als auch ans organisatorischem und sozialem Gebiete bemerkbar macht, zollt der Jahresbericht selbst volle Anerkennung, und deshalb ist es doppelt bedauerlich, daß, um der Bericht hervorhebt, bei dem Titel VI der höchste Prozentsai der abgelehnten Gesuche zu verzeichnen ist und die für diesen Zweck 6eftimmteit Mittel bei weitem nicht ausreichtell, um bei an die Stiftung herantreterMn Anforderungen zu entsprechen Bei zweckmäßiger Förderung wird die aus der Erforschnm des Wesens und des Schriftenmaterials sich ergebende Arbed in Wahrheit sich heilbringend gestalten, sowohl für das Juden tum selbst wie für die Gesamtheit, die Stiftung selbst abe dadurch der Menschheit zum reichen Segen und der edle- Stifterin zur dankbaren Erinnerung werden. Im einzelnen sind aus den reichen Fonds der Stiftung folgende Bewilligungen gewährst worden: Die israelitisck Kultusgemeinde zu Dessau erhielt der Stiftnugsurkunde gemäi zur Förderung des sittlich religiösen Lebens in der Gemeinde sowie als Beihilfe zur Pflege der Jugenderziehung innerhab derselben, und zur Unterstützung solcher Vereine, welche Zweckei allgemeiner menschlicher Liebe und Fürsorge dienen, der. jährlichen Beitrag von 30 000 Mark. Durch den Zufluß dieser Mittel hat die Gemeinde eine neue Friedhofskapelle erbaut und die Errichtung einer neuen Synagoge und eines neuen Gemeindehauses in Angriff genommen, deren feierliche Grund steinleglmgen in kurzer Zeit erfolgen werden. Nach dem Beschlich des Reprüsentalltenkollegiums ist ferner die Einrichtung einer

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