Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
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V ■Mül 209 lieber die Bedeutung des jüdischen Elements in Amerika für die dortige Industrie machte gelegentlich eines Vortrages Landesgewerberat Dr. Dunker im Berliner Zentralverein für Handelsgeographie einige bemerkenswerte Mitteilungen. Rußland hat durch die Revolution bekanntlich viele Juden verloren, die sich nach Amerika gewendet haben und namentlich Rewyork aufsuchten. Newyork kann sich jetzt einer Ziffer von 74 Millionen Juden erfreuen. Da der amerikanische Außenhandel meist von Ausländern besorgt wird, wie Schotten, deutschen Juden usw., so ist es bei den Eigenschaften der lidischen Kanflente klar, daß auch die sehr betriebsamen russischen Juden in diesem Außenhandel bald eine große Rolle 'pieken werden. Dr. Dunker schilderte die eingewanderten Huden als sehr vorwärtsstrebend, äußerst zäh und als überaus anpassungsfähig. Ihre Kinder sprechen deutsch und englisch, wenn auch nicht in der klassischen Form. Sie verwenden sehr viel auf die Ausbildung der Söhne, mehr als auf die Töchter. Hier wächst ein Geschlecht heran, sagte Dr. Dunker, das geeignet ist, auf dem mittel- und südamerikanischen Markte dein europäischen Wettbewerb sehr gefährlich zu werden! Für uns haben diese Erklärungen von fachmännischer Seite natürlich ein großes Interesse. Aber wir fürchten, daß die Amerikaner ihnen doch nicht unbedingt zustimmen werden; denn sonst wäre es unbegreiflich, daß diese praktischen Iankees der Einwanderung eines für ihre Industrie so wichtigen Elements immer neue Schwierigkeiten zu bereiten suchen. Aus der Stettiner Gemeinde. 5 Stettin, im April, um erstenmal nach Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an den hiesigen höheren Lehranstalten erscheint, von Rabbiner Dr. Vogelstein herausgegeben, ein diesbezüglicher Jahresbericht, der nicht nur lokales Interesse hat, sondern weit über den Kreis unserer Gemeinde hinaus eingehende Aufmerksamkeit und Beachtung verdient. Denn die Organisation des jüdischen Religionsunterrichts an den hiesigen Gymnasien und höheren Töchterschulen hat durch Herrn Dr.- Vogelslein eine Lösung gefunden, die geradezu mustergültig genannt werden kann mib anderen Gemeinden als eine vorbildliche gelten darf. Freilich, leicht ist es nicht gewesen, dieses Ziel zu erreichen. Es bedurfte dazu mehrjähriger Verhandlungen mit den staatlichen und städtischen Behörden. Aber Herr Dr. Vogelstein tat sehr wohl daran, jede Halbheit und vorläufige Regelung äbzulehnen, bis ihm schließlich in unablässigem Bemühen und durch immer >eire anfklärende und berichtigende Eingaben die Erreichung des ganzen Zieles gelungen ist: Die Ausnahme aller Zweige des jüdischen Religionsunterrichts in den Lehrplan der hiesigen höheren Schulen, also auch des Hebräischen. — Wenn man bedenkt, daß anderswo das Hebräische meist vom Religionsunterricht an den höheren Anstalten ausgeschaltet und in die Religionsschule der Gemeinde oder in den Privatunterricht verwiesen ist, wodurch einerseits die Teilnahme an diesem Lehrgegenstande eine geringere', anderseits eine Mehrbelastung der Schüler dadurch hervorgerufen wird, so kann man das Verdienst, das Dr. Vogelstein durch diese erfolgreiche Regelung >ich um die hiesige Gemeinde, insbesondere um ihre Jugend, erworben hat, gar nicht hoch genug schätzen. Während nämlich rnher eine beträchtliche Anzahl jüdischer Kinder ohne religiöse Belehrung aufwuchs und selten ein Kind über das 14. Lebensjahr hinaus die Religionsschule besuchte, erhalten nunmehr sämtliche Schüler und Schülerinnen höherer Anstalten von ihrem Eintritt in die Anstalt bis zum Verlassen derselben einen geregelten, stufenmäßig gegliederten Unterricht in allen Lehrgegenständen der jüdischen Religion, ohne anderweitig eines ergänzenden Unterrichtes zu benötigen. Deren Zahl betrug im verflossenen Schuljahre ea. 470. Und da für die religiöse Unterweisung der Volks- und Mittelschüler (ra. 100) durch die Gemeindereligionsschule weiterhin gesorgt wird, so ergibt sich das überaus erfreuliche, sonst wohl seltene Resultat, daß der gesamten Jugend unserer Gemeinde — von einigen ganz geringen Ausnahmen abgesehen — eine planmäßige und systematische Erziehung und Ausbildung während ihrer ganzen Schulzeit, das ist acht bezw. zwölf Jahre hindurch, zuteil wird. Das anfängliche Widerstreben mancher Eltern machte bald besserer Erkenntnis und verständnisvoller Würdigung der Sache Platz, und heute wissen alle Gemeindemitglieder die Wohltat und den Segen dieser Einrichtung wohl zu schätzen, so daß Gesuche nm Dispens sehr selten gestellt werden. Auch die äußere Organisation des Unterrichts kann als eine durchaus befriedigende bezeichnet werden. Mit Ausnahme derjenigen Anstalten,' an welchen die Frequenz der jüdischen Schüler bezw. Schülerinnen zu einem besonderen Religionsunterricht ausreicht, sind die anderen Schulen mit je ein bis zwei Klassen zu einer gemeinsamen Unterrichtsabteilung vereinigt, wodurch einerseits vollere Klassen erzielt werden und andererseits einer Zersplitterung und lleberlastung der Lehrkräfte vorgebeugt wird. Was die Zeit anlangt, so ist von den Schulleitern die Religionsstnnde, soweit es sich ermöglichen ließ, in den Vormittagsunterricht verlegt, so für die Vorschulen der Gymnasien und für die unteren und die oberste Klasse der Töchterschulen, so daß nur die mittleren Klassen sich nachmittags zum Unterricht einzufinden haben. Da wegen der ungleichmäßigen Vorbildung mit dein hebräischen Unterricht vorläufig nur in der unteren und mittleren Abteilung begonnen werden konnte, so wurde für die Schüler der oberen Klassen — damit sie während der Uebergangszeit dieses Unterrichtes nicht ganz entbehren — ein Fortbildungskurs« sin Bibelübersetzen und hebräischer Grammatik mit wöchentlich l'/a Stunden begründet, an dem auch einige bereits dem praktischen Berufsleben angehörende Jünglinge mit lebhaftem Interesse teilnehmen. Die Lehrkräfte bestehen aus den Herren Dr. Vogelstein, Dr. Worms, Simon, Deile r und Fräulein Lew in. Was die sonstigen gottesdienstlichen Veranstaltungen für die hiesige Jugend anlangt, so meldet uns darüber der Bericht, daß an jedem Sabbatnachmittag — die Ferien natürlich ausgenommen — ein Schülergottesdienst stattfindet, der, obgleich aus die Beteiligung keinerlei Zwang ausgeübt wird, sich doch eines regen, stetig steigenden Besuches zu erfreuen hat. Endlich werden nach ihrem Austritt aus der Schule die jungen Mädchen durch einen zweistündigen wöchentlichen Konfirmaudenunterricht von Herrn Dr. Vogelstein für das Fest ihrer religiösen Weihe mrd Reife in zweckmäßiger Weise vorbereitet. So ist denn, unseres Erachtens, für die hiesige Gemeinde alles geschehen, was für die religiöse Erziehung und Ausbildung ihrer Jugend von Notwendigkeit und Ersprießlichkeit ist, und von dem Werke Dr. Vogelsteins dürfen für die Zukunft die reichsten Früchte erwartet werden, die unserer Jugend zum Heile und unserer regen Gemeinde zur Ehre gereichen werden. W.