Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228709--62583-3289737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

208 schreiben an die Mitglieder der Gemeinde versendet, in den: es u. a. heißt: „Es handelt sich nicht darum, ein Schisma zu provozieren. Alles, was wir anstreben, ist die Möglichkeit, unfern Gottesdienst abzuhalten und unsere Kinder zu unterrichten nach unseren Ideen, und wir wünschen, dies in einem der bestehenden Tempel in einer Weise zu tun, die auch durch dieses äußere Band unsern sesten Willen bekräftigen soll, in der Gemeinschaft der Ideen, der Werke und der Lasten mit allen unseren Glaubensgenossen zu verbleiben. Die Hauptprinzipien zur Realisierung unserer Reformideen sind die folgenden ' 1. Neben dem Sabbat ist ein Gottesdienst am Sonntag morgen einzurichten, um denen, die am Sonnabend nicht frei sind. Gelegenheit zu geben, sich zu unterrichten und zu erbauen. 2. Die Dauer dieses Gottesdienstes ist auf eine Stunde festzusetzen, und die Gebete sind zum größten Teil in französischer Sprache zu sprechen; auch soll jedesmal eine Predigt gehalten werden, wenn möglich, an gewissen Tagen und unter Kontrolle des Direktors der Gemeinde von Rednern, die keine Rabbiner sind, gemäß einer alten jüdischen Tradition, welche in Ehren gehalten zu werden verdient. 3. Der Religionsunterricht soll mehr vertieft und den sicheren Resultaten der modernen Kritik angepaßt werden, die nur die Größe und Originalität der religiösen Entwicklung, welche vom Judentum ausgegangen, bestätigen können. 4. Jedem ist die volle Freiheit in bezug auf die Ausübung der Zeremonialgesetze gelassen; allerdings dürfen diese das Wesen der Religion nicht verdunkeln oder ersetzen, das in dem gemeinsamen Kultus und in dem festen Glauben und der religiösen Moral des einzelnen wurzelt." Wie man sieht, ist das Vorbild der Berliner Reformgemeinde hier wirksam gewesen. Der Aufruf zur Gründung der Association israelite liberale de Paris ist von einer Reihe hochangesehener Männer der französischen Judenheit unterschrieben. Wie wir hören, wird im Gegensätze hierzu auch die Gründung einer konservativen Gemeinde und die Anstellung eines orthodoxen Rabbiners in Paris geplant. Es stellt sich eben sofort heraus, daß die Konsistorialeinrichtung jede freie Entwicklung gehemmt und das religiöse Leben in eine Erstarrung versetzt hat, aus der es sich nun mit aller Gewalt befreien will. * Die russischen Dumawahlen nehmen fast überall den von der Regierung gefürchteten und von der Bevölkerung erhofften Verlauf. Nicht ein einziges der von den Tschinowniks ersonnenen Manöver hat diesmal verfangen, und das russische Volk hat eine politische Reife gezeigt, die bewundernswert ist. Eines der allerersten dieser Wahlmanöver war die offiziöse Depesche, in der es hieß: „Die konstitutionelle demokratische Partei hat nun beschlossen, die Judenfrage nicht vor die Duma zu bringen, und die Juden sind auf diese Weise in flagranter Weise betrogen worden und befinden sich jetzt in einer schlimmeren Lage als zuvor. Man behauptet, daß die Juden entschlossen seien, die konstitutionellen Demokraten zur Rechenschaft zu ziehen, und daß sie Maßregeln gegen sie ergreifen wollen." Soviel Worte, soviel Lügen. Natürlich hat das Zentralkomitee der Partei sofort erklärt, „daß keinerlei Vorschläge über irgendwelche Abänderung der gefaßten Beschlüsse gemacht worden sind, diese Nachricht daher vollständig erfunden ist". Mittlerweile gehen die Wahlen selbst unter den verschiedenartigsten Konstellationen und seltsamsten Bündnissen vor sich. Im Gouvernement Witebsk — so klagt die „Kreuzzeitung" — haben sich Polen, Deutsche und Juden gegen die Russen verbündet. Sie sagt aber kein Wort darüber, daß in Lodz die Deutschen und die Polen sich gegen die Juden, und in Kur land die Juden mit den Deutschen gegen die Russen sich verbündet hätten. Gerade das Letztere hätten die alldeutschen Blätter doch hervorheben müssen. Schon auf deur in Peters bürg abgehaltenen Delegiertenkongresse des „Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden in Rußland erklärte seinerzeit der Delegierte aus Kurland, die jüdischen Wähler aus dieser Provinz würden sich bei den Wahlen de deutschen Partei anschließen. Das rief auf dem Kongresse ein scharfe Kritik hervor und sofort wurde Protest gegen eine solch Auffassung erhoben. Es dürfte aber doch bei diesem Wah? kartell in verschiedenen Städten bleiben. Ueberall dort, w keine Einschüchterungen erfolgten, haben die Juden ihr Wahl recht sehr eifrig ausgeübt. Wenn sie trotzdem, z. B. i-i Warschau und Lodz, unterlegen sind, so liegt die Schuld wob hauptsächlich daran, daß die Wahlbewegung dort erst in letzte. Stunde einsetzte. Da wurde allerdings eine fieberhafte Agitation entfaltet — aber es war zu spät. Der Uebersichtlichkeit wegen stellen wir hier nochmals di bisher von Juden erzielten Wahlresultate zusammen uw fügen die inzwischen neu hinzugekommenen an. Petersburg Rechtsanwalt Winawer, der zweite Vorsitzende des Zentral komitees der konstitutionell-demokratischen Partei, Kown. L. Bram so n, Sekretär der Petersburger Filiale der Jewi^ Colonisation Association, Grodno Rechtsanwalt Ostrogorsli und Rechtsanwalt Jakubson, Witebsk Dr. Bruck, Mins^ Dr. Rosenbaum, Bialystok W. Jacobson, Elisabetgra > Kronrabbiner Temkin, Wilna Prediger Dr. S. Leviw Shitomir S. Gottesmann. Im ganzen also 10 Al geordnete. Außerdem hofft' man noch, in Dubno, Rownr u. a. O. jüdische Kandidaten durchzubringen. Ueberall sind die Juden mit voller Entschiedenheit für die Kandidaten der konstitutionell-demokratischen Partei eingetreten, und a \ manchen Orten, wie z. B. in Odessa, sind ihre eigenen Kan didaten sogar zugunsten jener zurückgetreten. Es steht znn hoffen, daß die Partei der Kadetten dies in der Duma nich vergessen wird. Zum Schluß sei hier noch das Urteil eines stockrussische Blattes über die Schuld der Regierung gegenüber den Jude mitgeteilt. Dasselbe schrieb nach den Feiertagen: „Der jetzige Vorgang muß aber in der jüdischen Bevölkerun i und überhaupt bei alten anständigen Russen die bitterste Empfindungen wachrufen. Wenn selbst in diesen unruhigen Zeit». - lediglich der ernste Wille des Ministers des Innern genügt, dr Rußland keine Judenhetzen hat, wie konnten sich denn da seiner^ i die furchtbaren Vorgänge in Kischinew, Homel, Odessa ufw. abspielei Von jetzt an weiß jeder in Rußland, daß die Schuld an den gegi. i die Juden verübten Schreckenstaten voll und ganz nur auf die A ministration fällt, daß die russische Volksmasse an und für sich > i keine Kreuzzüge gegen die Juden denkt, sondern erst durch dun' o. Elemente, welche die Protektion der Polizei genossen, dazu cu gestachelt worden ist. Das Spiel der administrativen Kreise wi r immer klarer; sie haben stets den angeblichen Haß des russisch l Volkes gegen die Juden als Beweis dafür benutzen wollen, daß - russische Regierung den Juden beim besten Willen nicht Gleü j berechtigung zugestehen kann. Jetzt wird auch diese Legende o stumpfgewordene Waffe in die Rumpelkammer wandern müssen." Oder gibt höchstens den Witzblättern Stoff zur Unterhaltuw Der „Kladderadatsch" hat schon Gebrauch davon gemael in seinem Telegramm aus Petersburg : „Die Gouverneure un Polizeibehörden in Rußland haben Befehl erhalten, kem besonderen Vorbereitungen für die Niedermetzelungen de Juden zu treffen." Es gehe, so meint das Blatt, auch Extravorbereitungen. *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.