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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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Ist i'y nicht, als spräche Mendelssohn hier <z.egen die uloderneri christlichen Theologen, gegen einen Harnack, Bonsset, Weinet, Gunkel und auch gegen Gustav.Frenssen, der nun einmal auf dem Boden dieser Schule steht. Aber da wir zu Herrn Gustav Frenssen zurückgekehrt sind, müssen wir uns noch weiter mit ihm beschäftigen. Erbefindet sich nämlich in einem religiösen Zwiespalt, in demselben Zwiespalt, in dem sich die ganze moderne Theologie in Deutschland befindet. Auf der einen Seite erscheint ihm die Religion, welche die oben angeführten Sätze lehrt, als die tiefste, und auf der anderen Seite will er wieder eine „deutsche Religion" stiften,' welche mit den orientalischen Anschauungen nichts genuin haben soll und in der selbst der Stifter der christlichen Religion, nur „als ein edles Kind eines fremden Volkstums" erscheint. Mit heißer Seele sucht er nach dem neuen Land, aber auch in diesem, das muß er schließlich zugestehen, und zivar nicht etwa als einen ewige»! Zwang, sondern als einen freien persönlichen Entschluß, wird das Gebot, Gott zu lieben aus ganzem Herzen und seinen Nächsten als sich selbst, die Grundidee bleiben nrüssen. Denn wie der Dichter Frenssen so schön sagt: „Wir fühlen, hier ist ewiges schönes Menschentum, hier ist einiges unschützbares Menschengut, hier geht der-Weg der Menschheit vorwärts." Freilich, der Weg zu diesem Ziele führt noch über steile Höhen und über tiefe Abgründe. Wenn Gustav Frenssen eine deutsche Religion stiften möchte, so willHans von Wolzogen nur das Ariertum in seiner höchsten Vergeistigung als die Blüte des religiösen und geistigen Lebens der ganzen Menschheit ansehen und er kommt dabei zu seltsamen Ergebnissen: „Wenn wir den christlichen, den rein und wahrhaft christlichen Maßstab — sagen wir: beu Maßstab der Bergpredigt. — an die Rasse anlegen - so mißt dieser schon gar nicht mehr die Raffe, sondern die Seele. Die Wertfrage wird damit verschoben. Es heißt nun nicht rnehr: was ist die Rasse für die Menschheit wert?, sondern: was ist die Seele wert für die Gottheit? Auch mit jenen „für unseren Begriff edelsten" Nasseneigenschaften sind nicht etwa die christlich-moralischen Tugendbegriffe gemeint. Diese würden sich, strenge genommen, in praxi, auf die Selbstlosigkeit beschränken. Die.Selbstlosigkeit, für den Ehristen die Grundlage alles sittlichen Lebens, war für den arischen Sinn zunächst nur ein natürliches Anstandsgefuhl. Wo es einer höheren Sache gilt, wie eine solche durchaus zu den besonders arischen Vorstellungen gehört: da denkt der anständige Mensch nicht an sich. Aber wo es nur ihm selber gilt, denkt der natürliche Mensch gar kräftig an sich. Ter Arier als solcher ist beides. Unanständig gegen andere, selbstlos gegen sich zu sein, das muß er erst lernen. Daß er das Eine lernen, daß er jüdische Praktiken annehmen konnte, das hat er einer bösem Schwäche seiner Rasse zu verdanken. Daß er das Andere lernen, daß er Christ werden konnte, das kann er hingegen nicht umhin, der besonderen geistigen Kraft seiner Rasse anzurechnen. Er war eben dafür begabt, zu »verden, was er ward." Eine größere Jdeenverwirrung läßt sich wohl kaum denken. Also der rein und »vahrhaft christliche Maßstab ist die Bergpredigt. . Diese Bergpredigt, aber hat ihren Ouellpunkt irn Judentum, rlnd die Selbstlosigkeit, die hier dem Arier zugeschrieben wird, wnrde auch dem. Juden nicht erst geboten, weil sie dem sittlich empfindenden Menschen als etwas Selbstverständliches galt. Das alles weiß Hans von Wolzogen nicht, wohl aber „weiß" er, daß der Arier einer bösen Schwäche seiner Rasse es zu verdanken habe, wenn er „jüdische Praktiken" annehnren konnte. Dieser Arier, der die Weltentwicklung vom Bayreuther Gesichtswinkel aus betrachtet, verschiebt und verwirrt die Dinge wirklich in sehr charakteristischer Weise. Die Bergpredigt ist ihm christlich, die „Praktiker!" jüdisch, das sittliche Gefühl versteht sich für den Arier von selbst, das Schlechte hat er von den Juden gelernt, oder doch immerhin angenommen. Kann man sich eine größere Verwirrung denken? Für uns als Juden ist es von hohem Interesse, den Entwicklungsgang der religiösen Idee der Menschen in seinen einzelnen Etappen zu verfolgen. Für uns sind alle Zeugnisse »vie die von Gustav Frenssen in positivem und selbst auch solche von Hans von Wolzogen in negativem Sinne höchtz lehrreich und wertvoll. Aber gewiß, einen Dichter wie Gustav Frenssen wird es interessieren, daß jeder fromme Jude an jeden: Morgen und an jeden: Abend mit „feurig liebenden Seele" jenes Bekenntnis wiederholt, in den: für ihn und nicht nur für ihn, sondern für uns alle, der Begriff des ewigen schönen Menschentums und des ewigen unschätzbaren Menschen guts liegt. Bon hier aus führt der Weg der Menschheit allerdings aufwärts in das Land der Sehnsucht aller guten Menschen. Bit Woche. Berlin, 1. Mat JI nläßlich der Debatte über die Frage, nach welchen Grund säßen im Justizministerium die Beamtenstellen besetz! werden, schrieb die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" folgendes „An eine Aenderung des Kurses bei de»n Ernennungsverfahren zu denken, liegt jetzt sv wenig wie in den vergangener: Jahrei: Veranlassung vor. Gesichtspunkte, die für die Beförderung von her I vorragenden Juristen, gleichviel welcher Partei oder welchen Glauben j sie sind, maßgebend sein sollen, brauchen nicht mehr gegeben werden! Der preußische Staat ist alt genug, rrm über Ersahrungerr zu ver fügen. Als Herr Friedberg Justizminister war, setzte es Her- Gneist aus der früherer: Erfahrung seiner Wirksamkeit durch, das nicht in Landesteilen, in denen die jüdische Bevölkerung iu bc Minderheit sich befindet, jüdische Richter in größerer Zahl als un bedingt nötig angestellt werden. . . . Das sind Grundsätze, die noe! heute festgehalten werden und durch keine Kasuistik erschüttert werden können." Uns interessiert bei dieser Auseinandersetzung nur de: Mittelsatz, der von Gneist und Friedberg handelt und in den soviel Unrichtigkeiten als Worte zu finden sind. Wirerhalte! dazu von einen: der hervorragendsten deutschen Juristen dn nachfolgenden, sehr wertvollen Mitteilungen: I Die Mitteilung des rheinischen Blattes ist in jedem Fall | falsch. Erstens, weil Gneist nicht nur kein Gegner de I Juden war. sondern sogar mit, Rickert zusammen de! „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" begründet hat. Zweiten weil inan nicht weiß, auf welche frühere Wirksamkeit, in der i die angeblichen Erfahrungen gemacht hätte, Gneist sollte Bezu nehmen können. Drittens, weil er nicht aus einzelne Landesteil' in denen Juden in der Minderheit, hätte Bezug nehmen können, d sie in allen Laudesteile:: iu der Minderheit sind. Es scheint abe daß die Rotiz sich weniger.gegen Gneist, als gegen Friedberg richte Es soll der Eindruck hervorgerufen »verden, als ob es -der Eil »virkung Gneists bedurft hätte, um Friedberg, der den verschämte und den offerren Antisemiten stets mißliebig nuu und ihnen intim’ als „Jude" galt, von einer übermäßigen Anstellung von Stammes genossen abzuhalten. Run lag diesem aber tatsächlich nichts fernem »als eine Bevorzugung jüdischer Juristen. Ihrer Zurücksetzung hatt schon Leonhardt ein Ende gemacht, und Friedberg ist darin keineswegs weiter gegangen als dieser, sein Vorgänger. Wer das Gegentei behauptet, hätte es zu beweisen, und dieser Beweis ist nicht zu'fuhren Friedberg hat einzelne jüdische Richter angestellt, feilten einzigen aber in höhere Stellen befördert. Erst Schölling hat bekanntlich zwo.

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