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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 4, Mai 1906. 70. Jahrgang. No. 18. Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abann einen Is-Preis: durch Buchhandel : oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere I vertriebsstellen) b zogen vierleljährl. 3 M.! AeLakteur: Gnstav A<arxeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer SiraHe <^6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin. tzittigenlei. Berlin, 1. Mai. er erfolgreiche Autor der Romane „Jörn Uhl" und „Hilligenlei" hat, durch die Angriffe auf den letzteren oman veranlaßt, soeben ein Schlußwort zu „Hilligenlei" orausgegeben, in dem der ehemalige Pastor sich mit seinen Gennungsgenossen wie mit seinen Gegnern wegen des Anhangs zu inem Roman auseinandersetzt. In diesem Anhang hatGustav ren s sen nämlich nach den Ergebnissen der neuesten Forschung in „Leben Jesu" veröffentlicht, das vielfachen Widerspruch und Anstoß erregt hat. Darauf antwortet er nun in seinem -chlußwort und zwar beginnt dieses mit folgenden: Absatz: „Man hat gesagt, ich böte in diesem Buch eine flache Religion. Ich antworte darauf: Es hat niemals eine tiefere! eligion gegeben, kann auch keine tiefere geben als die, welche ekennt: „Wie sind Deine Werke groß! Du hast alles veislich geordnet. Voll ist die Schöpfung Deiner Güte!" Und: Ich will Gott meinen Herrn lieben aus meinem ganzen oerzen und aus meinem ganzen Denken und aus meiner zanzen Kraft, und meinen Nächsten als mich selbst." Und für nese Religion tritt das Buch ein." Das erste Zitat ist aus Psalm 104, 24; das zweite aus Dcuterononium VI, 5, und der Schluß aus Leviticus XIX, 18. Was folgt daraus? Sicherlich doch nur der einzig mögliche Schluß, daß die Religion, die diese Gebote zuerst gegeben und uneingeschränkt bewahrt hat, die „tiefste" Religion sein müsse. Welche Religion bas ist, brauchen wir unfern Lesern nach den angeführten Zitaten nicht mehr zu sagen. Es entsteht nun die Frage: Hat Gustav Frenssen nicht gewußt, daß diese drei Zitate aus dem Alten Testament lammen? Das ist einfach ausgeschlossen, und ebenso ist jede nala fides bei diesem Manne ausgeschlossen. Es bleibt also nchts übrig, als anzunehmen, daß Frenssen, der in seiner theoogischen Weltanschauung sich so ziemlich von aller Dogmatik osgemacht hat, trotz alledem und alledem im Banne jener »odernen Theologie steckt, die alles Gute, Große und Erhabene aus dem Alten Testament sich einfach aneignet, um es schlankweg dem Christentum zuzuschreiben, das angeblich jene Ideen "rd Ideale erhöht oder vertieft — je nachdem es ihnen besser aßt — haben soll. Für den gesunden Menschenverstand liegt doch die Sache einfach so. Frenssen behauptet: es habe niemals eine tiefere Religion gegeben und es könne auch keine tiefere geben als >-ie, welche nach jenen drei Schriftsteller! die Größe Gottes in der Schöpfung, die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten verkündet. Diese Religion ist das Judentum. Konsequenter Weise müßte also Herr Frenssen die allgemeine Bekehrung zum Judentum empfehlen. Aber wir verlangen das gar nicht von ihm. Wir sehen in solchen Aeußerungen wie die Gustav Frenssens vielmehr den klaren und deutlichen Beweis für die Anschauungen, welche wir seit jeher von der Weltmission des Judentums gehabt haben. Die Wahrheit ist auf ihrem Siegeszuge, und die prophetischen Ideen der Bibel erobern sich immer weitere Kreise. Gerade die Abneigung der liberalen Theologie gegen das Judentum ist uns ein Beweis dafür, daß diese innerlich immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, die Ableugnung der Grunddogmen des Christentums führe notwendigerweise zu der Anschauung der religiösen Idee, die den Monotheismus auf ihre Fahne geschrieben hat. Dies hat schon Moses Mendelssohn vor mehr als hundert Jahren erkannt und gegenüber ähnlichen Versuchen ausgesprochen. Ueber die christlichen Deisten und Rationalisten seiner Zeit, welche sich rühmten, „die Religion der Christen von irrigen Meinungen gereinigt und auf ihre erste Einfalt znrückgeführt zu haben, in welcher sie mit der natürlichen so ziemlich überein gekommen sein soll," sagt Moses Mendelssohn: „Soviel mir von ihrer Glaubenslehre bekannt ist, soll nach dieser der Stifter des Christentums keine Person der Gottheit, sondern ein außerordentlicher Mensch, ein heiliger Prophet, wie Moses, oder noch größer gewesen sein, der von Gott den Beruf gehabt hat, die Mißbräuche der damals noch herrschenden Religion abzuschaffen, die lautere, natürliche Religion in ihre Rechte einzusetzen, durch Wunder zu bestätigen und die Menschen dieser ewigen Glückseligkeit zu versichern. Die Stellen im Neuen Testament, die dem strengen Lehrbegriff der Kirchenlehre günstig zu sein scheinen, wissen sie durch künstliche exegetische Mittel zu ihrem Vorteil zu lenken oder doch wenigstens so zu erklären, daß sie auf beiden Seiten nichts beweisen. Ich lasse mich auf diesen Punkt nicht ein, zu untersuchen, ob die strittigen Stellen des Neuen Testaments von diesen Lehrern oder von ihren Widersachern richtiger erklärt werden; wenn ich in meiner Einfalt lese, so scheint mir aber der natürliche Sinn sich auf die Seite der Athanasier zu legen. Doch dieses zur Seite gesetzt, muß ich aufrichtig gestehen, daß mir diese Religionspartei mehr zun: Judentum als zur wirklich herrschenden christlichen Religion zu gehören scheint. Von welcher Seite ich diese Glaubenslehre betrachte, so stimmt sie mit den wesentlichen Artikeln des Judentums weit mehr überein, als init den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens, wie sie in den mehrsten Schriften und Schulen gelehrt werden."

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