Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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so daß eine Unterstützung von Witwen -oder Waisen ihrer Mitglieder nicht in Frage kommen konnte. Erst seit dem Jahre 1810 werden auch Verheirateteausgenommen, und seit 1811 besteht die Witwen- und Waiseni-Anstalt. Sie hat neuerdings eine solche Bedeutung gewonnen, daß sie, unter Zuhilfenahme anderer Fonds, einen erheblich höheren Betrag an Unterstützungen als die Hauptanstalt gewährt. Nachdem in der, vorjährigen Generalversammlung Redakteur Dr. I. Levy als Schriftführer, Franz v. Mendelsohn, Hugo Deutsch und Rudolf Mosse als Beisitzer, Hermann Waüich und Hermann Landsberger als Deputierte der Witwen- und Waisen anstatt, Ludwig Cohn und Viktor Benarh als Revisoren gewählt waren, erleidet der Vorstand neuerdings einen bedauerlichen Verlust dadurch, daß Herr Siegfried Sobernheim eine Wiederwahl für das von ihm seit dem Jahre 1891 bekleidete Amt des Rechnungssührers aus Gesundheitsrücksichten ablehnen mußte. Im übrigen tut die Gesellschaft der Freunde ihre Arbeit fern von dem Geräusch des Tages, ohne anders für sich zu werben, als durch ihre guten Zwecke, ohne andern Anspruch, als daß diese Zwecke nach Möglichkeit erfüllt werden. Kp. Ans -er Provinz Posen, im April. Kaufmann Moritz Nathan in Samt er ist zum Kreistagsdeputierten und Dr. med. Munter daselbst zu dessen Stellvertreter gewühlt worden. — In Pakosch ist neulich von frevelhafter Seite die Synagoge beschädigt worden; die Täter wurden in zwei Bäckersöhnen ermittelt und verhaftet. — Kantor La pidas an der Shnagogengemeinde Schocken ist zum 15. Februar er. nach Znin berufen worden. — Kaufmann Hermann Levy in Schönlanke beging neulich sein 25jähr;ges Jubiläum als Stadtverordneter. — Rentier Hehmann in Christburg ist zum Ehrenbürger daselbst ernannt worden. Er gehörte einige Dezennien der dortigen Stadtvertretung an. — Der taubstummen Näherin B. Levy in Wrotschen ist vom Kaiser eine Nähmaschine geschenkt worden. — In Mo sch in ist unter dem Vorsitze des Kaufmanns Michaelis Löwy ein israelitischer Gesangverein ins Leben getreten. — Die Shnagogengemeinde in Pleschen hat anläßlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares die Gründung eines jüdischen Altersheims daselbst für jüdische Greise und Greisinnen des-Bezirks Posen angeregt. Die konstituierende Versammlung hat bereits stattgefunden. —Die Erben des in Posen verstorbenen Großkausmanns Schönlank haben der jüdischen Gemeinde Schönlanke, als der Heimatgemeinde des Verstorbenen, die Summe von 3000 Mark überwiesen, welche als Grundstock zum Bau eines Gemeindebeamtenhanses verwandt werden sollen. — Kaufmann und Vorschubvereinsdirektor H. Breslauer in Schrimm ist zum Beigeordneten daselbst neu gewählt worden. Breslauer nimmt seit 15 Jahren Ehrenstellungen in der dortigen Stadtverwaltung ein. — Der jüngst in Breslau verstorbene Rentier Salomon Chlawny hat seiner Heimatgemeinde Adelnau testamentarisch 4000 Mark hinterlassen. — Der seit 50 Jahren bestehende israelitische Armenhilfsverein in Posen halte im letzten Jahre eine Ausgabe von 7119 Mark. Durchreisenden Glaubensgenossen wurde die Gesamtsumme von 5107,70 Mark Unterstützung gewährt. — Der israelitische Krankenpflege- und Leichenbestattungsverein in Rakwitz beging neulich durch ein größeres Fest das Jubiläum seines 100jährigen Bestehens. — Das Rentier Simonsche Ehepaar in Schocken beging kürzlich das Fest der goldenen Hochzeit. — Fabrikbesitzer Engländer in Gnesen ist zum Mitglied der Bromberger Handelskammer gewählt worden. — Anfangs dieses Monats feierte der Rentier Salomon Löwinsohn in Graudenz seinen 70. Geburtstag. Derselbe gehört seit 1873 ununterbrochen der dortigen Stadtverordnetenversammlung an und war auch langjähriger Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums daselbst. — In der letzten Generalversammlung des 102 Mitglieder zählenden israelitischen Frauenvereins in Ostrowo wurde Frau I. Skalier in den Vorstand neu gewählt. Die letztjährige Einnahme belief sich auf 4467,81 M. und die Ausgabe auf 2891,95 M., so daß ein Bestand von 1575,86 M. verbleibt. — Am 6. d. M. fand in Posen die feierliche Grundsteinlegung der zu erbauenden neuen Synagoge statt. — Zum Bau eines Leichenhauses auf dem jüdischen Friedhofe in Wongrowitz hat der dortige israelitische Frauenverein eine Beihilfe von 1000 M. gespendet. Außerdem sind zu demselben Zwecke von zwei Gerueindemitgliedern Beihilfen von 1000 M. und 600 M. gewahrt worden. — Rentier Hermann Scherek, Begründer der Firma D. Scheret Witwe in Posen, hat kürzlich anläßlich seines 70. Geburtstag zu Wohltätigkeitszwecken ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses der Empfänger eine größere Summe gespendet. -- Die Witwe J o Hanna Rosenthal in Kempen, langjähriges Vorstandsmitglied des dortigen israelitischen Frauenvereins, ist gestorben. Hamburg, 23. April. Der Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder (Ferienkolonien) hielt seine Generalversammlung im Bureau^der Herren Magnus.L Friedmann unter Vorsitz des Herrn L. Mathiasonlab. Der Verein hat im verflossenen Jahr 316 Kindern einen vierwöchigen", Ferienaufenthalt im eigenen Seehospiz in Duhnen gewährt. Ferner wurden während des ganzen Jahres schwächlichen Kindern auf ärztliche Verordnung Milch und Eier während der Schulzeit verabreicht. Die Einnahmen des Vereins betrugen an einmaligen Beiträgen 23 471 Mark, "an Jahresbeiträgen 4671 Mark, an Zinsen 1650 Mark. Die Ausgaben betrugen für Verpflegungskosten im Hospiz 21 980 Mark -und für Schulsrühstück 524 Mark. Die Abrechnung wurde »als richtig anerkannt und dem Kassier Decharge erteilt. — An Stelle des ausscheidenden Herrn L. Schöning wurde Herr Moritz Wolfs zum Vorstandsmitglied gewählt. Nürnberg, 18. April. Am 16. d. M. ist hier der durch große Stiftungen bekannte Ehrenbürger der Städte Nürnberg und Fürth, Kommerzienrat Berolzheimer, gestorben. Die Beerdigung aus dem hiesigen israelitischen Friedhof gestaltete sich zu einer imposanten Feierlichkeit. Die Bürgermeister der Städte Nürnberg und Fürth, deren Ehrenbürger der Verstorbene war, hielten Ansprachen und legten Kränze am Grabe nieder. Ein gleiches geschah seitens zahlreicher Vereine und Korporationen. Rabbiner Dr. Ziemlich schilderte in ergreifender Rede das gemeinnützige Wirken des Dahillgeschiedenen. -- Mannheim, 18. April. In einer der letzten Sitzungen des B ürgerausschusses beklagte sich ein Stadtverordneter darüber, daß jüdischen Lehrerinnen die höhere Mädchenschule prinzipiell verschlossen sei. Oberbürgermeister Beck sprach seine Verwunderung über diesen Antisemitismus aus und erklärte, daß der Stadtverwaltung jedenfalls keine Schuld treffe. Der betreffende Stadtverordnete erwiderte, das; er die Verantwortung dafür übernehme, daß der ^berschulrat in Karlsruhe einer jüdischen Lehrerin direkt gesagt habe, sie könne vorläufig auf eine Anstellung an der höheren Mädchenschule nicht rechnen, weil sic Jüdin sei. Es ist nun auch ein Fall bekannt, in dem einer jüdischen Lehrerin trotz aller Bemühungen die Karlsruher Volksschrilen und die höhere Mädchenschule verschlossen blieb aus Gründen, die nur in der Konfession der Petentin liegen können. Es ist Sache des Oberschulrats, klipp unb klar zu erklären, ob er auch fernerhin gewillt ist, die einfachsten Grundsätze der Toleranz 31t verletzen. Die Sache bekommt aber eine besonders üble Färbung dadurch, daß eine jüdische Lehrerin, die sich hat taufen lassen, kurz nach der Taufe eine Anstellung an einer höheren Mädchenschule bekam. i. Stuttgart, 23. April. Hier ist an; 13. d. M. der allgemein geschätzte Rechtsanwalt Max Kaulla im 77. Lebensjahre gestorben. Derselbe war erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde, des Literaturvereins und vieler wohltätiger Institute. — Mit Max Kaulla ist ein Mann dahingegangen, dessen ganzes Leben sich auf einer unerschütterlichen idealen Gesinnung ausgebaut hat. Noch in seine Studienzeit fielen die politischen Kämpfe des Jahres 1848. Er begrüßte die Gründung des Deutschen Reiches als die Erfüllung seiner Jugendträume mit Freuden und nahm am politischen Leben von einen; entschieden liberalen Standpunkt aus lebhaften Anteil. Mehreremal ist er fachwissenschafllich literarisch hervorgetreten. Von seinen Pflichten als Anwalt des Rechtes hatte er eine hohe Meinung und übte sie mit der größten Uneigennützigkeit alS schlichter Ehrenmann. Selbstlos unb Pflicht getreu war er auch in seiner gemeinnützigen Tätigkeit im Bürgerausschuß, dem er in zwei Wahlperioden, einmal als stellvertretender Obmann, angehörte. Länger denn ein Menschenalter waltete er als Kirchenvorsteher der israelitischen Gemeinde getreulich seines Amtes. Wo immer der Name Max Kaulla genannt wird, da wird er allezeit verbunden bleiben mit dem Bilde einer lauterer; und edlen Persönlichkeit. — Der Beisetzungsfeierlichkeit wohnte ein zahlreicher Freur;de-5- und Bekannten-