Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 kreis Lös verewigten cm, darunter Geh. Ratv. Heß. Kammerpräsident v. Payer, hiesige Rechtsanwälte usw. Die Gedächtnisrede hielt Bezirksrabbiner Dr. Stößel. Die Ideale des Charakters des Verstorbenen seien Bildung, Gerechtigkeit und Treue gewesen. Mn freundliches, liebenswürdiges, und schlichtes Wesen und ein frohes, sonniges und heiteres Gemüt konnte er sein eigen nennen' Er war ein kenntnisreicher Mann und ein Freund der Volksaufklärung. Für Kunst und Wohltätigkeit habe er stets eine offene Hand gehabt und sei ein Mann des Fortschritts gewesen. Die Rechte der Person und des ganzen Volkes galten ihm heilig und unantastbar, und er war durch und durch patriotisch gesinnt, ein guter Schwabe und treuer 'Deutscher. Auch die Sache seiner Glaubensgenossen habe ihm sehr am Herzen gelegen. Kaufmann Spiegelthal legte im Namen des israelitischen Kirchenvorsteheramts, Rechtsanwalt Löwensteiu namens der Stuttgarter Anwaltskammer, Bankier Hausmeister für den Verein für Kulturgeschichte einen Kranz am Grabe nieder. Weitere Kränze wurden gespendet im Namen des israelitischen Waisenhauses Wilhelmspflege in Eßlingen und von der Tübinger Burschenschaft Germania. Am Ostersonntag begab sich eine Abordnung des israelitischen Kirchenvorsteheramts in die Wohnung, um der Witwe des Dahingeschiedenen ihre Teilnahme auszusprechen. Dasselbe geschah von seilen des israelitischen Waisenhauses Wilhelmspflege in Eßlingen, dessen Schriftführer der Verewigte viele Jahre gewesen war. Im Namen beider Kollegien war Kirchenrat Dr. Kroner der Sprecher. Oesterreich-Ungarn. JitUen, 23. April. Endlich einmal eine Tat! Der Vorstand der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union beschloß eine Resolution worin er erklärt, es sei ein zwingendes Gebot der Ehre, daß die Judenschaft die Solidarität mit jenen jüdischen Finanzmäunern öffentlich ablehne, welche unter Zurückstellung-der ethischen Pflicht hinter das Geschäft die Beteiligung Oesterreichs an der russischen Anleihe vermittelt haben. Tie Union erwartet vom Vorstände der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, das; er gleichfalls durch eine klare Manifestation die Solidarität mit diesem die Ehre der österreichischen Judenschaft schwer schädigenden Vorgehen öffentlich ab lehnen wird. Das Wort, hat nun der Vorstand! — In den Provinzen, ist mehr politisches Leben als hier, wo fast alles schläft und träumt. So hat jüugst in Brünn eine Delegiertenversammlung der Kultus- und politischen Israeliten gemeinden Mährens am 15. d. M. stattgesuuden, behufs Stellungnahme zur neuen Landtagswahlordnung. Das Referat erstattete der Sekretär der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" Herr Siegfried Fleischer, der folgende Anträge stellte: Die Delegiertenversammlung beschließt: In jenen Wahlbezirken, in welchen die Juden eine verschwindende Minderheit bilden, wird es jeder einzelnen Gemeinde überlassen, sich in den Kataster jener Nationalität einzutragen, zu welcher die betreffende Gemeindevertretung gehört. In den drei deutschen Minoritäts-Wahlbezirken Göding, Anspitz und Mährisch-Weißkirchen jedoch, in denen die Juden einen bedeutenden Bruchteil der gesamten Wählerschaft bilden, wird empfohlen, daß alle Juden sich geschloffen in den deutschen Kataster einschreiben lassen, um so das Schwergewicht ihrer Stimmen bei den Wahlen im Sinne einer jüdischen Jnteressenpolitik geltend machen zu können. Bei der Abstimmung wurden die Anträge des Referenten einstimmig zum Beschlüsse erhoben. — In jüngster Zeit.treffen besonders die österreichischen Grenzbehörden die schärfsten Maßregeln, um die Ein- oder Durchwanderung russischer Flüchtlinge zu verhüten. So. wurde erst vor einigen Tagen 52 aus Jekaterinoslaw über Jassy geflüchteten Juden der Eintritt nach Oesterreich verboten. Die Flüchtlinge befinden sich in größter Verzweiflung in Burdnjeni, da auch Rumänien ihre Ausnahme verweigert. Von Ash und Mn. — Am 22. d. M. ist der Kaufmann Oscar Goldschmidt hier im 70. Lebensjahre gestorben. Derselbe stand mehr als 30 Jahre ununterbrochen im Ehrendienst der jüdischen Gemeinde und wurde wegen seiner religiösen Gesinnung und seines edlen Charakters wegen allgemein geschätzt. -Ehre seinem Ändenken! — Am 19. d. M. ist hier im 56. Lebensjahre der Amtsgerichtsrat a. D. Heinrich Berwin gestorben. Er hat von 1874 bis 1896 im Justizdienst gestanden und war gleich nach seiner Ernennung zum Assessor 1879 als Kreisrichter in Schwerin a. W. ängestellt worden. 1884 erfolgte seine Versetzung an das Amtsgericht in Kulmsee, wo er 1893 zum Amtsgerichtsrat äufrückte. Schon 1896 sah er sich durch mißliche GesnndheitsverhMniffe gezwungen, seinen Abschied zu nehmen und hat seine letzten Lebensjahre hier in Berlin verlebt. —Die Rote Kreuz Medaille Z. Klaffe ist dem Augenarzt Dr. Leo Pollnow für seine mehrjährigen Dienste amÄrankenhause der Barmherzigkeit und bei der Krieger-Sänitätskolonne in Königs - berg i. Pr. verliehen worden. Dr. Pollnow ist der Vorsitzende dieser Sanitätskolonne. — Herr Jacob Spandau m Myslowitz ist zum Oberkantor und Religionslehrer der Synagögengememde Kvnigshütte O.-S. gewählt worden. — Der durch sckne hervorragenden talrnudischen Werke - weit bekannte Gelehrte Herr Rabbiner Dr. Zuckermandl in Breslau feierte am 24. d. M. seinen 70. Geburtstag. Möge dem verdienten Gelehrten eine lange Reihe von Jahren in Glück und ersprießlichem Wirken noch Geschieden sein. — In Schwetz a. W. ist am_ 20. b. M. der Kaufnialrm Hermanil Hirsch berg im 85. Lebensjahre gestorben. Er war seit mehr als 45 Jahren. Vorsitzender, des Vorstandes der Synagogengemeinde. — In München hat am 12. d. M. G.-B. Wagner lAntis.) :im Gemeindekollegin m den Antrag eingebracht, dieses wolle-den Magistrat ersuchen, bei der Polizeidirektion und der Regierung Maß- . nahmen zu erwirken, um die weitere Einwanderung und Niederlassung fremder, insbesondere russischer Inden;m München zu verhindern oder doch einzuschränken. — Dem Staatsanwalt Dr. Silberschmidt in Zweibrücken ist unter Belastung in diesem Amte der Rang und Gehalt eines Oberlandesgerichtsrates verliehen worden. -r-Oberlandesgerichtsrat Silbermann in München wurde für die am 23. d. M. beginnende 4. Schwurgerichtsperiode zum Vorsitzenden des Schwurgerichts ernannt. — Dein Oberrabbiner von Groß-Becskerek (Ungarn), Dr. Moriz Klein, der Präsident der Prüfungskommisston am Budapester Landesrabbinerseminar ist, wurde das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. — Aus O e de n b nr g schreibt man dem „Pester Lloyd": Der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Kueger hat zur Erbauung des jüdischen Tempels in Muraßombal der dortigen Gemeinde 20 Kronen gespendet. 91c nu! Eine Feuersbrunst äscherte den jüdischen Ortsteil von Zarcki (Russisch-Polen), bestehend aus 53 Häusern, ein. 80 Familien wurden obdachlos. — Nach dem neuen Handelsvertrag zwischen Rußland und Frankreich gibt es in bezug auf die Erteilung und die Dauer von Pässen für französische Kaufleute keinen Unterschied der Religion mehr. Die jüdischen Kaufleute und Handlungsreisenden aus Frankreich haben also dort dieselben Rechte, wie die nichtjüdischen. — In Kiew hat der Agent der geheimen Polizei, Kunitzki, einen Pogrom gegen die Juden anzustiften gesucht. Er sammelte eine Bande um sich und bemühte sich, die Menge durch den Hinweis auf die Stellung der Juden bei den Wahlen gegen tue jüdische Bevölkerung aufzuhetzen. Die konstitutionellen Demokraten wandtensich dieserhalb an die Behörde, die die Verhaftung Kunitzkis anordnete. — Der General Trnbnikoff in Kertsch, der beschuldigt war, den Pogrom veranlaßt zu haben, wurde aus der Hast entlassen und tm§ Verfahren gegen ihn eingestellt. Natürlich! — Geradezu kostbar ift die folgende, durch das Wolfsche Bureau verbreitete Depesche aus Petersburg: „Israeliten aus allen Gegenden Rußlands haben dem Ministerpräsidenten Grasen Witte ihren Dank dafür zum Ausdruck gebracht, daß dank der von ihm getroffener: tatkräftigen Maßnahmen während des Osterfestes es zu keinen gegen die Juden gerichteten Handlungen gekommen ist, während in früheren Zeiten, als Rußland sich der Ruhe erfreute, die Osterseiertage sich stets durch Gewalttätigkeiten gegen die Juden kennzeichneten. Graf Witte hat sich offen als Verteidiger, der Israeliten erklärt. Nach Nachrichten, die aus offiziellen Quellen, geschöpft sind, ist nirgends eine antisemitische Bewegung zu befürchten." 'O diese Anleihe!